«So eine Pfeife rauchte mein Grossvater!», ruft ein Mann aus der Gruppe, die sich in Usakos Stadtmuseum versammelt hat. Die Einwohner*innen der namibischen Eisenbahnstadt stehen um mehrere Kisten herum. Eine Kamera filmt sie dabei. In den Kisten: 28 Gegenstände ihrer Vorfahren, die nach Namibia zurückkehren, nachdem sie über 100 Jahre im Bernischen Historischen Museum (BHM) verbrachten. Filigrane Pfeifen, geflochtene Körbe, geschnitzte Holzschüsseln finden sich darunter.
Es ist ein Bruchteil der insgesamt 286 Artefakte, die das BHM an das Usakos Museum zurückgibt – das bisher grösste Restitutionsprojekt des Berner Hauses. Mitte September eröffnete die Ausstellung «Usakos. Heimreise nach Namibia – Zukunft eines kolonialen Erbes». Darin stellt sich das BHM Fragen rund um die namibischen Kulturgüter und ihre Rückgabe. Neben geschichtlichen Hintergrundinformationen, Interviews mit den heutigen Einwohner*innen von Usakos und Expert*innengesprächen ist auch die Sammlung selbst zu sehen.
5000 Franken für 286 Objekte
Doch wie kamen diese Objekte überhaupt nach Bern? Hinter der Sammlung steht das Schweizer Ehepaar Solioz. Anfang des 20. Jahrhunderts stand Namibia unter deutscher Kolonialherrschaft. Von den Kupferminen im Landesinneren sollte eine Eisenbahnlinie bis ans Meer gebaut werden, Victor Solioz fungierte als Chef-Ingenieur. Die deutschen Kolonialmächte antworteten auf den Widerstandskampf der einheimischen Herero und Nama 1904 mit einem brutalen Vernichtungsfeldzug – dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.
In dieser gewaltvollen Zeit sammelte das Ehepaar Solioz mehrere hundert Kulturgüter.
Das Eisenbahnprojekt spürte die Folgen des Genozids: Die Arbeiter*innen fehlten. Nach einem missglückten Versuch, Gastarbeiter*innen aus Italien zu rekrutieren, wurden Zwangsarbeiter*innen eingesetzt, um die Bahnlinie fertigzustellen. In dieser gewaltvollen Zeit sammelte das Ehepaar Solioz, in erster Linie Marie Solioz, mehrere hundert Kulturgüter.
Europäische Museen zahlten viel für solche Sammlungen: 1928 verkaufte das Ehepaar Solioz seine für 5000 Franken an das Bernische Historische Museum, wo die 286 Objekte nun seit 1906 im Depot lagerten. Über die Jahrzehnte gerieten die namibischen Kulturgüter jedoch immer mehr in Vergessenheit.

(Foto: Stefan Wermuth/Bernisches Historisches Museum)
Das änderte sich 2021. Kurator Samuel Bachmann begann, sich für die Herkunft und Entstehung der Sammlung zu interessieren. «Über die Aneignung einzelner Objekte wissen wir bis heute sehr wenig», sagt er. «Zum einen mussten viele Familien im Laufe des Krieges flüchten und ihr Hab und Gut zurücklassen oder sie verkauften es.» Das BHM trat in einen Austausch mit dem Usakos Museum und der Museum Association of Namibia. Diesen Sommer hat das BHM das Eigentum an der gesamten Sammlung an das Stadtmuseum Usakos übertragen. «Wir wollten Verantwortung übernehmen, um Verantwortung abzugeben», sagt Museumsdirektor Thomas Pauli-Gabi.
Ein neues Kapitel für beide Häuser
Die Ausstellung dokumentiert diesen Prozess. Der eingangs erwähnte Film ist Teil der Ausstellung und zeigt, wie die Einwohner*innen von Usakos einige der Kulturgüter ihrer Vorfahren in die Hände nehmen. Vor der Kamera erzählen sie, was sie über die Gegenstände wissen und was die Begegnung mit ihnen macht. «Wir lernten in diesem Prozess viel über die Objekte der Sammlung», sagt Bachmann. Bis dahin gaben nur die Notizen von Marie Solioz Auskunft über die Gegenstände – wie ihre Vermerke aussahen, zeigt das Museum exemplarisch an einem Objekte, das als «Milchgefäss» erfasst wurde: «seltsames Stück» schrieb Solioz dazu. Wie sie zu dieser Bewertung kam, ist nicht überliefert.
Mir wurde bewusst: Die Objekte sind alle bei uns.
Im Gedächtnis bleibt Kurator Samuel Bachmann sein erster Besuch im Museum von Usakos, wo eine Ausstellung mit historischen Fotografien der Stadt gezeigt wurde. Er fragte sich, warum keine Objekte ausgestellt waren: «Mir wurde bewusst: Die Objekte sind alle bei uns.»

Höchste Zeit, dass die Kulturgüter in ihre Heimat zurückkehren. Für die Ausstellung im BHM liegen sie bereits verpackt und gut gepolstert in Kisten unter Plexiglas. Die Besucher*innen sehen sie so, wie sie kommenden Sommer nach Ende der Ausstellung verschifft werden. Für das Museum in Usakos ist die Rückgabe der Kulturgüter erst der Anfang. Und auch das Bernische Historische Museum schlägt mit der Ausstellung ein neues Kapitel auf, erklärt Direktor Pauli-Gabi: «In Zukunft wollen wir unsere ethnografischen Sammlungen in erster Linie zu ihrer Entstehung befragen. Was erzählen sie uns über die Verflechtung Berns mit der Welt?»
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Diesen Sommer hielten die Einwohner*innen von Usakos zum ersten Mal die Kulturgüter ihrer Vorfahren in den Händen, die über hundert Jahre in Bern lagerten.
(Foto: Stefan Wermuth/Bernisches Historisches Museum)