Kunstmuseum Bern – Darüber wird abgestimmt

von Christoph Reichenau 2. Juni 2026

Kantonale Abstimmung Am 14. Juni stimmt der Kanton Bern über die Sanierung und Erweiterung des Kunstmuseums Bern ab. Ein Komitee bürgerlicher Parteien hat das Referendum ergriffen. Darum geht es.

Im Schatten der eidgenössischen Abstimmung vom 14. Juni über die Initiative der SVP zur Deckelung der Schweizer Bevölkerung ab 2050, werden wir im Kanton Bern auch über einen Projektierungskredit von 15,7 Millionen Franken für die Sanierung und Erweiterung des Kunstmuseums Bern (KMB) befinden. Wir stimmen darüber ab, weil ein Komitee bürgerlicher Parteien das Referendum über den Beschluss des Grossen Rats ergriffen hat. Dieser hatte den Kredit mit 91 Ja gegen 44 Nein bei 16 Enthaltungen deutlich gutgeheissen.

Fachlich und politisch unbestritten ist die Notwendigkeit, die beiden Hauptgebäude des Kunstmuseums, den ursprünglichen Stettlerbau sowie den Atelier-5-Bau, grundlegend zu sanieren. In beiden Gebäuden ist die Haustechnik veraltet.

Seit einem Vierteljahrhundert probt das KMB nun an seiner Erneuerung herum. Zuerst ging es um die Schaffung einer Abteilung für Gegenwartskunst, dann um ein Paul Klee gewidmetes Museum im PROGR, später um die Errichtung eines zusätzlichen Gebäudes auf dem eigenen Grundstück an der Hodlerstrasse. Immer ging es auch um die bauliche und technische Sanierung sowie die Erdbebenfestigkeit. Schliesslich resultierte aus einer Gesamtbetrachtung der Möglichkeiten an der Hodlerstrasse mit erneutem Wettbewerb, der 2024 durchgeführt wurde, ein Projekt mit drei Teilen:

  • Sanierung und Freistellung des ursprünglichen Stettlerbaus von 1879, der denkmalgeschützt ist.
  • Abbruch des Atelier-5-Baus aus dem Jahr 1983.
  • Einbezug des denkmalgeschützten Gebäudes Hodlerstrasse 6, aus dem die Kantonspolizei bald ausziehen wird und das von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Bei der Abstimmung vom 14. Juni geht es um den Kredit, der für die Projektierung und Detailplanung dieses gesamten Vorhabens erforderlich ist.

Der Atelier-5-Bau – eine schwierige Erbschaft

Der vor 40 Jahren in Betrieb genommene Trakt der Berner Architektengemeinschaft Atelier-5, welche auch die Halen-Siedlung im Wald von Herrenschwanden gebaut hat, wurde bei seiner Eröffnung gefeiert als radikaler Referenzbau. Bei dieser «machine à contempler» stehe das Kunstwerk im Zentrum und nicht die Architektur. Der Trakt musste indes bereits nach einem Jahrzehnt repariert werden. Seine gelobten Attribute – von der ausgetüftelten grauen Farbe der Wände über die weitgehend frei verschiebbaren Wände und das Zenitallicht bis zur schwarzen Farbe des Bodens – überzeugten weder Fachleute, welche dort Ausstellungen kuratierten, noch das Publikum. Zudem ist die Bau-Dokumentation mangelhaft.

Den internationalen Architekturwettbewerb gewann 2024 das Projekt ‹Eiger›, ein freistehender Kubus aus Sandstein

So kommt es, dass eine Ikone des Museumsbaus, konzipiert von einem ikonischen Architekturbüro, nun sang- und klanglos zum Abbruch freigegeben wird. Die Mängel in der Haustechnik sind zu gross, der Trakt ist weder barrierefrei noch erdbebenfest, die Fluchtwege sind prekär, Dächer und Fassaden rinnen. Für die veraltete Klimaanlage reicht der Kühlstoff, der heute gar nicht mehr produziert wird, noch bis 2030. Ab dann wird das Gebäude die Anforderungen an ein Museum nicht mehr erfüllen. Das heisst auch: die Kunstwerke, der Schatz des KMB, sind nicht mehr geschützt und Leihgaben sind ab dann nicht mehr zu erwarten.

Der kürzlich gestorbene Architekt und ehemalige städtische Denkmalpfleger Bernhard Furrer hat 2024 in einem Fachartikel den Bau gerühmt und als Ergebnis einer seltenen Kooperation von Architekten, Künstlern – namentlich Rémy Zaugg – und Lichtspezialisten – gelobt. Er kam zu spät.

Das Projekt «Eiger»

Den internationalen Architekturwettbewerb gewann 2024 das Projekt «Eiger», ein freistehender Kubus aus Sandstein, der gegen die Hodlerstrasse hin einen kleinen Platz frei lässt. «Eiger» beinhaltet rund 500 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, lichte, hohe, durchlässige Räume, die vielfältig nutzbar sind. Zudem sind Orte für Kunstvermittlung, ein grosser Raum für den Museums-Shop, für Veranstaltungen und für freien Aufenthalt vorgesehen. Im Haus Hodlerstrasse 6 sind Büros und ein Bistro geplant. Und zwischen den drei Gebäuden, dem Waisenhaus sowie dem Brückenkopf der Lorrainebrücke soll es Fusswege geben.

Rendering, Siegerprojekt «Eiger», Blick von der Genfergasse. (Visualisierung: Studio Blomen, Zürich © Schmidlin Architekten)

Zwischen dem unteren Waisenhausplatz, mit dem Meret Oppenheim-Brunnen und der Rückseite des PROGRs einerseits und dem KMB andererseits, verläuft die Hodlerstrasse, in die just vor dem Haus Nummer 6 die Ausfahrt des Metro-Parkings mündet. Ursprünglich war auf ausdrücklichen Wunsch des Geldgebers Wyss vorgesehen, die Hodlerstrasse vor dem KMB aufzuheben und die Ausfahrt des Parkhauses neben dessen Einfahrt an der Schütte zu verlegen. Nun ist man gescheiter geworden. Der Grosse Rat verknüpft den Kredit mit der Bedingung, «dass die Hodlerstrasse in Fahrtrichtung Westen (Autobahnanschluss Neufeld) für den Individualverkehr durchgehend offen bleibt».

Wer baut?

Das Grundstück des KMB sowie der Stettlerbau gehören der 1849 gegründeten privatrechtlichen Stiftung KMB ebenso wie der Grossteil der Kunstwerke. Sie ist die Bauherrin. Der Kanton Bern unterstützt sie aufgrund des kantonalen Kulturförderungsgesetzes seit 2013 als einziger öffentlicher Finanzierungsträger im Rahmen eines Leistungsvertrags. Die jährliche Subvention beläuft sich derzeit auf 6,36 Millionen Franken jährlich.

Rendering, Siegerprojekt «Eiger», Ausstellungsraum im Erdgeschoss. (Visualisierung: Studio Blomen, Zürich © Schmidlin Architekten)

Sanierung und Erweiterung des KMB sind aber nicht Teil dieses Leistungsauftrags. Der Kanton übernimmt deshalb zusätzlich und einmalig einen Teil dieser Kosten, die sich geschätzt auf 147 Millionen belaufen. Davon soll der Kanton 81 Millionen übernehmen. Den Rest von 66 Millionen trägt die Stiftung KMB selbst. Dieses Geld kommt von Hansjörg Wyss (Wyss Foundation Europe), von der Burgergemeinde Bern (Museumsstiftung für Kunst), dem Lotteriefonds des Kantons Bern und weiteren Privaten. Diese Beiträge sind allerdings zweckgebunden für die eigentlichen Bauleistungen; sie gelten also nicht für die Projektierung.

Der Grosse Rat hat sich in der vorberatenden Kommission und im Plenum eingehend mit der Vorlage befasst. Er verlangte vom KMB die Prüfung kostengünstigerer Alternativen. Das Ergebnis: Varianten ohne Abbruch des Atelier-5-Baus und den Ersatzneubau «Eiger» brächten deutlich weniger Zusatznutzen für das KMB. Sie kämen zudem nur unwesentlich günstiger oder sogar teurer, weil die zugesicherten privaten Beiträge an die Errichtung des Neubaus «Eiger» gebunden sind. Ob sie auch für ein alternatives Projekt fliessen würden, ist offen.

Wie geht es weiter?

Lehnen die Stimmberechtigten im Kanton den Projektierungskredit von 15,7 Millionen ab, fällt die Vorlage dahin. Es gibt keinen Plan B. Zwar müsste wohl ein neues Projekt erarbeitet werden, denn der Sanierungsbedarf sowohl des Stettlerbaus wie auch des Atelier-5-Baus ist dringend und unbestritten. Wie ein solches Vorhaben aber aussehen könnte, ist völlig offen. Sicher ist, dass eine Rückkehr auf Feld eins viel Zeit in Anspruch nähme, die angesichts des miesen Bauzustands nicht zur Verfügung steht.

Rendering, Siegerprojekt «Eiger», Ausstellungsraum. (Visualisierung: Studio Blomen, Zürich © Schmidlin Architekten)

Nehmen die Stimmberechtigten den Projektierungskredit an, wird dann – mit einen Jahr Verzögerung wegen der Abstimmung – das Bauprojekt ausgearbeitet, die Bauvorlage zuhanden des Grossen Rats erstellt und dort die Debatte über den Baukredit geführt. Heute ist geplant, mit dem Bauen 2031 zu beginnen.

Während der Bauzeit von vier Jahren bis zur Wiedereröffnung ist geplant, das KMB ganz zu schliessen. In diesen Jahren will das KMB Ausstellungen im ganzen Kanton durchführen. Näheres ist aber noch nicht bekannt.

Kommentar: Im Zweifel für ein Ja

Die Kunst zählt in Bern. Das KMB, das Zentrum Paul Klee, die Kunsthalle, die Stadtgalerie, die privaten Galerien, die Off-Spaces bilden gemeinsam ein einzigartiges Kunst-Biotop, wie dies nur in einer Stadt möglich ist. In diesem Bereich einen Stadt-Land-Graben zu kritisieren, ist verfehlt. Ebenso verfehlt ist die Kritik am vermeintlichen Kunst-«Tempel». Das Projekt «Eiger» ist kein Tempel, es ist ein Zweckbau, ein schöner, zugegeben. Der Stettlerbau ist, wenn schon, tempelhafter – doch auch dieses Gebäude, ein Bau seiner Zeit, hält sich eher zurück als zu protzen.

Im Kunstbereich spielt das KMB eine zentrale Rolle. Es wird sie auch in Zukunft spielen, wenn es saniert sein wird.

Der Grosse Rat, die Vertretung der Bevölkerung, hat die Vorlage gründlich behandelt. Die Kommission liess Varianten prüfen, Studien erstellen, unter anderem zur Nachhaltigkeit. Geprüft wurde unter anderem die Differenz zwischen dem CO2-Ausstoss bei einer Sanierung des Atelier-5-Baus und bei einem Neubau des «Eiger»: Die Differenz ist unerheblich, doch der betriebliche Nutzen des Neubaus überwiegt bei weitem.

Rendering, Siegerprojekt «Eiger», Aareterasse. (Visualisierung: Studio Blomen, Zürich © Schmidlin Architekten)

Man mag bedauern, dass öffentlich nicht deutlicher erklärt worden ist, was die Erneuerung des KMB alles bietet und was im sanierten Altbau nicht möglich ist. Man mag sogenannte Mäzene mögen oder nicht. Doch man muss auch anerkennen, dass sich der Grosse Rat nicht einschüchtern liess, was die Hodlerstrasse betrifft.

Nun geht es nach 25 Jahren Hin-und-her, Versuchen, Scheitern und neuen Anläufen um fast Alles oder Nichts. Wer Nein sagt, weiss nicht, was folgt. Wer Ja sagt, erhält neu funktionstüchtige Zweckbauten. Dem sagt man Pragmatik. Ich plädiere im Zweifel für ein Ja. Ein Ja aus Vernunft. Aus Einsicht.

Und noch eines: Wer denkt, die 81 Millionen des Kantons stünden bei einem Nein für Kultur im ganzen Kanton zur Verfügung, der irrt. Sie stehen bereit für eine Investition. Hier und jetzt. Auch wenn der Kanton Bern zur Förderung der Kultur gerade drei Viertel des Geldes einsetzt, das alle Kantone im Durchschnitt ausgeben, die Bestrafung der Vorlage führt zu keinem Franken mehr. Sie wird, im Gegenteil, die Bedeutung der kantonalen Kulturförderung schwächen. Das wäre fatal.

Rendering, Siegerprojekt «Eiger», Ausstellungsraum im Untergeschoss. (Visualisierung: Studio Blomen, Zürich © Schmidlin Architekten)