An einem Sommertag sitze ich im brütend warmen Sprechstundenzimmer. Die Medikamente sind geklärt, das weitere Prozedere besprochen und mein Patient weiss, dass er mehr Sport machen und sich gesünder ernähren sollte. Nur bei der Umsetzung hapert es noch. Ich fasse mir ein Herz und sage: «Sehen Sie, das wäre nicht nur für Ihre Gesundheit gut, sondern da würden Sie direkt noch was Gutes fürs Klima machen.» Er lacht verlegen und murmelt so etwas wie: «Jaja, das Klima».
Gerne hätte ich ihm nicht nur den Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit ausführlich erläutert, sondern ihm auch noch die Vorteile eines klimafreundlichen Verhaltens für seine eigene Gesundheit aufgezeigt. Doch Zeit ist in ärztlichen Sprechstunden bekanntermassen eine äusserst knappe Ressource. Und so sage ich ihm nicht, dass er aufgrund seiner Herzerkrankung ein besonders hohes Risiko hat, bei der nächsten Hitzewelle im Spital zu landen. Unausgesprochen bleibt auch, dass die Patientin mit der Multiplen Sklerose jetzt schon bei hohen Temperaturen schlechter laufen kann und der Asthmatiker im Wartezimmer unter der erhöhten Feinstaubbelastung leidet.
Der Klimawandel ist laut WHO die allergrösste Bedrohung für die menschliche Gesundheit. Nicht Nikotin, nicht Alkohol, nein, der Klimawandel. Gleichzeitig ist die Menschheit wohl die grösste Bedrohung für die Erde, wie wir sie kennen.
Wenn die Vorteile doch auf der Hand liegen, warum fällt es den meisten Menschen so schwer, diese vergleichsweise einfachen Massnahmen in die Tat umzusetzen?
Die meisten Menschen wissen theoretisch, was gut für ihre Gesundheit ist – um dann in selbstzerstörerischer Sicherheit genau das Gegenteil zu tun. Was wäre also, wenn die Motivation für gesundes Verhalten nicht mehr nur die eigene Gesundheit ist, sondern zusätzlich die des gesamten Planeten, das Wohlergehen zukünftiger Generationen, die Lebensgrundlage von Menschen auf der ganzen Welt? Der Erhalt des Amazonas-Regenwalds, des grönländischen Eisschildes, der Schweizer Gletscher? Sollte das nicht Ansporn genug sein, vielleicht sogar eine noch grössere Motivation als der hohe Blutdruck?
Hier kommen die sogenannten Co-Benefits ins Spiel. Denn praktischerweise ist das meiste, was gut für die Gesundheit ist, auch gut für das Klima – mehr Gemüse, weniger Fleisch, mehr Velo, weniger Auto. Durch eine gesündere Ernährung könnten nicht nur weltweit jedes Jahr 11 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindert und das Risiko für Diabetes, Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen reduziert werden, sondern auch über ein Drittel der ernährungsassoziierten Treibhausgas-Emissionen eingespart werden. Durch den dadurch erreichten Klimaschutz würden wiederum die klimabedingten Gesundheitsrisiken reduziert werden. Eine Win-Win-Win-Situation also. Wenn die Vorteile doch auf der Hand liegen, warum fällt es den meisten Menschen so schwer, diese vergleichsweise einfachen Massnahmen in die Tat umzusetzen?
Natürlich haben nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen und einige haben aufgrund ihrer gesundheitlichen oder finanziellen Situation schlicht keine grosse Wahl oder keine Kapazitäten, sich mit der Klimakrise auseinanderzusetzen. Es geht auch nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben (was nie gut ankommt), sondern im Rahmen der individuellen Möglichkeiten das vorhandene Potenzial herauszufinden und zu nutzen.
Zwar bestreitet kaum noch jemand die Existenz des menschengemachten Klimawandels und einige Patient*innen zeigen sich durchaus besorgt. Aber mit meiner – zugegeben naiven – Idee, meine Patient*innen mit dem Argument Klimaschutz zu einem gesünderen Verhalten bewegen zu können, lag ich gründlich daneben.
Eine Studie hat kürzlich herausgefunden, dass Patient*innen ärztliche Ratschläge zu gesunden Verhaltensweisen eher akzeptieren, wenn nur die Vorteile für die Gesundheit erwähnt werden, als wenn zusätzlich die positive Wirkung auf das Klima aufgezeigt wird. War meine Idee, mit dem Argument Klimaschutz Menschen zu gesundem Verhalten zu motivieren, also sogar kontraproduktiv?
Am wissenschaftlichen Konsens über die Gefahren des Klimawandels bestehen keine Zweifel. Was fehlt, ist der gesellschaftliche Konsens und die Bereitschaft, sich mit den Klimafolgen und dessen Lösungen persönlich zu beschäftigen.
Vielleicht ist die Klimakrise zu gross und zu abstrakt, um sich vorstellen zu können, dass ausgerechnet das tägliche Schnitzel daran etwas ändern könnte. Stress und Zeitmangel, gepaart mit einer ordentlichen Portion kognitiver Dissonanz geben den guten Vorsätzen, das Schnitzel gelegentlich durch Tofu zu ersetzen, schliesslich den Rest – vor allem, sobald die Sprechstunde eine Woche her ist und die eigene Gesundheit und die Klimakrise gedanklich wieder in den Hintergrund rücken. Unser Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität für dringende Probleme und es lebt sich leichter, wenn wir wahlweise unsere Gesundheit, unser Klima oder beides aus unserem Bewusstsein verdrängen – zumindest bis wir von der Realität eingeholt werden.
Am wissenschaftlichen Konsens über die Gefahren des Klimawandels bestehen keine Zweifel. Was fehlt, ist der gesellschaftliche Konsens und die Bereitschaft, sich mit den Klimafolgen und dessen Lösungen persönlich zu beschäftigen. Niemand kann alleine die Welt retten. Und natürlich braucht es strukturelle Veränderungen, um die Voraussetzungen für ein klima- und gesundheitsbewusstes Verhalten zu schaffen. Aber wollen wir uns wirklich darauf verlassen, dass Politiker*innen von selbst auf die Idee kommen, Velostrassen und verkehrsberuhigte Innenstädte zu fördern, dass Kantinen eigenständig mehr pflanzenbasierte Lebensmittel anbieten, und dass Industrien aus freien Stücken CO2-neutral werden?
Je mehr Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine kleine Anstrengung unternehmen und darüber sprechen, anstatt im kollektiven Gefühl der Hilflosigkeit zu versinken, desto grösser wird das soziale Momentum und damit der Druck auf politische Entscheidungsträger*innen.
Daher plädiere ich dafür, nicht nur in Sprechstundenzimmern, sondern auch in Coiffeursalons, im Café und warum nicht, auch in der Metzgerei und in der Autowerkstatt über das Klima zu sprechen und dem Thema die Relevanz einzuräumen, die es verdient. Lasst uns in allen Bereichen des öffentlichen Lebens und in allen gesellschaftlichen Schichten dem Klima eine Stimme geben. Je präsenter das Thema im öffentlichen Bewusstsein ist, desto normaler wird es werden, das Klima nicht nur bei unseren eigenen, kleinen, vermeintlich irrelevanten alltäglichen Entscheidungen zu berücksichtigen, sondern auch die Basis zu schaffen für eine Politik, welche das Klima und die Gesundheit aller in den Vordergrund stellt. Angesichts all der aktuellen Krisen mag uns die Entscheidung «Velo oder Auto» banal vorkommen, doch es ist immerhin ein Anfang. Auch wenn das Klima damit noch nicht gerettet ist, der Gesundheit nützt die Velotour allemal.
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Einige Wochen später im gleichen Sprechstundenzimmer erläutere ich einer weiteren Patientin, warum sich eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung positiv auf ihre Erkrankung auswirken wird, als die Patientin nickt und erwidert: «Wäre ja auch besser fürs Klima. »
Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.
«Praktischerweise ist das meiste, was gut für die Gesundheit ist, auch gut für das Klima – mehr Gemüse, weniger Fleisch, mehr Velo, weniger Auto.» (Illustration: Fabienne)