Irgendwo im Grünen, Grillen zirpen, eine Stromleitung spannt quer durchs Bild und in der Ferne sieht man die Hochhäuser Prishtinas, der Hauptstadt Kosovos. Eine tiefe Stimme kommt aus dem Off: «Mängisch fragimi: Hett jede Mönsch mehreri Versione vo sich selber?» So beginnt der Kurzfilm «As knej as anej/Weder hier noch dort» von Amir Kajtazi. Knapp neun Minuten lang folgt die Zuschauerin dem 28-jährigen Filmemacher durch die Strassen Prishtinas und lauscht seinen Gedanken, zuerst auf Berndeutsch, dann auf Albanisch. Kajtazis Familie stammt aus dem Kosovo, er selbst ist in der Region Bern aufgewachsen. Etwas zieht ihn zurück, ein Gefühl, das er selbst nicht genau benennen kann. Er sucht Antworten auf die Frage, was es bedeutet, zugehörig zu sein.
Es gab immer diese Kontraste zwischen den Leuten, die im Kosovo aufgewachsen sind und uns, jenen, die im Ausland aufgewachsen sind
Den Kurzfilm drehte Amir Kajtazi im Rahmen des diesjährigen Re:Connect-Programms, einem Projekt, das erst zum zweiten Mal als Kooperation zwischen dem Dokufest Prizren und dem Berner Filmfestival Kino Kosova stattfand. Re:Connect brachte 16 junge Erwachsene aus der Schweiz und dem Kosovo zu einem gemeinsamen Filmprogramm in Prizren, Kosovo, zusammen. Während zwei Wochen trafen sie sich mit Filmregisseur*innen wie Blerta Basholli, Dea Gjinovci oder Norika Sefa und nahmen an Workshops teil. Von Recherche über Ton, Kamera und Schnitt wurden sie während zwei Wochen in der Kunst des Filmemachens gecoacht. Insgesamt entstanden so elf Filme, die an beiden Festivals auch öffentlich gezeigt werden.

«Es war eine intensive und auch emotionale Zeit», sagt Kajtazi. Der gelernte Informatiker und angehende Filmemacher aus Bern besuchte früher immer im Sommer seine Verwandtschaft im Kosovo, später war er auch viel selbst im Land unterwegs, schloss eigene Freundschaften und lebte 2023 sogar für ein Jahr in der Gegend. «Trotzdem hat mir das Programm nochmals neue Perspektiven auf den Kosovo eröffnet.»
Journal B ist diesjähriger Medienpartner von Kino Kosova. Die Filme aus dem Re:Connect-Programm sind am Samstag, 12. September um 12 Uhr im Kino Rex zu sehen. Mehr Informationen auf der Website des Filmfestivals.
Ein grosser Teil der Gruppe kam aus der Diaspora, einige kamen aber auch aus der Schweiz oder dem Kosovo ohne einen Bezug zum jeweils anderen Land. «Es gab immer diese Kontraste zwischen den Leuten, die im Kosovo aufgewachsen sind und uns, jenen, die im Ausland aufgewachsen sind», sagt Kajtazi, «durch das Programm konnten wir neue Brücken und viel gegenseitiges Verständnis aufbauen.» Re:Connect also im besten Sinne des Wortes.
Sich mit der eigenen Identität auseinandersetzen
«Wir vom Dokufest Prizren wollten schon seit Langem einen Raum für junge Leute aus der Diaspora schaffen, in dem sie sich treffen, austauschen und ihr Verhältnis zum Kosovo auf ihre eigene Art und Weise erkunden können», erklärt Eroll Bilibani, Filmemacher und Leiter von DokuLab, dem Bildungdepartement des Dokufests Prizren. Die Zusammenarbeit mit dem Kino Kosova habe sich auch deswegen angeboten, weil in der Schweiz eine grosse und seit Langem etablierte Diaspora besteht. Diese umfasst etwa 250‘000 Personen. Scherzhaft wird der Kosovo deshalb manchmal auch als der 27. Kanton der Schweiz bezeichnet.

«Aber das Verhältnis der beiden Länder verändert sich von einer Generation zur nächsten. Manche fühlen sich sehr verbunden mit dem Kosovo, manche haben ein kompliziertes Verhältnis.» Umgekehrt gebe es auch viele Vorstellungen im Kosovo über die Diaspora. Das Programm sei deshalb wirklich für den gegenseitigen Austausch gedacht. «Wir wollten jungen Menschen nicht vorschreiben, was ihre Identität bedeuten sollte. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem sie diese hinterfragen können. Film ermöglicht, sich mit Identität anhand von Bildern, Orten, Erinnerungen und Begegnungen auseinanderzusetzen – und nicht nur durch Diskussionen.» Genauso wie es im Filmessay von Amir Kajtazi geschieht.
Verständnis für die eigene Geschichte – und die anderer
Für Edona Kraba war das Programm ein Türöffner, «heilsam», sagt die 22-Jährige, die an der Hochschule der Künste Bern «Fine Arts» studiert. «Ich war zwar oft mit meiner Familie im Kosovo», erzählt Kraba, «aber mir hat es sehr gefehlt, mich mit Gleichaltrigen austauschen zu können und meine eigenen Erfahrungen zu machen.» Sie habe viele neue Orte und Menschen durch das Programm kennengelernt.

Und vor allem habe sie damit verschiedene Dinge zusammenführen können, die schon immer zu ihrem Leben gehört, aber lange voneinander getrennt gewesen waren. Darunter ihr Interesse an Film und der persönliche Bezug zum Kosovo. «Ich habe einen Ort, aber auch Menschen gefunden, mit denen ich diese beiden Aspekte meines Lebens mehr und mehr zu vereinen verstehe.» Kraba hat während des Programms selbst noch keinen Film fertiggestellt. «Ich hatte es vor, merkte dann aber, dass ich diesen Themen, die mich fortlaufend beschäftigen, noch mehr Zeit geben möchte.»
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Ziel des Festivals ist es denn auch nicht, dass alle einen technisch perfekten Film produzieren – oder überhaupt einen drehen. Eroll Bilibani erklärt: «Es geht auch darum, ob die Teilnehmenden ihre Sichtweise auf die Geschichte eines anderen Menschen verändert haben – und vielleicht auch ihr Verständnis für ihre eigene Geschichte.»
Amir Kajtazi und Edona Kraba vor dem Kino Rex, wo die Re:Connect-Kurzfilme gezeigt werden. (Foto: David Fürst)