Die Bühne ist ein weisser Raum, gefüllt mit weissen Kissen und durchzogen von weissen Vorhängen. Welchen davon soll sie als Nächstes zur Seite schieben? Und was kommt danach? Patricia Westley träumte kürzlich, sie käme zur Probe und bringe die Szenen durcheinander.
Wer tagsüber Mozarts «Le nozze di Figaro» probt, kann nachts durchaus in verwirrende Albträume geraten. Die Opera buffa nach dem Libretto von Lorenzo Da Ponte ist ein heiteres, aber komplexes Spiel aus Verwechslungen, Intrigen und Missverständnissen. Am Ende aber fügt sich alles. Nicht zuletzt dank Susanna, der klugen Zofe, die mit Witz und List die Ehe ihrer Gräfin rettet und selbst ihr Glück mit Figaro findet.
Für Patricia Westley ist es das erste Mal, dass sie die weibliche Hauptrolle in Mozarts vieraktiger Meisteroper singt. Zum ersten Mal steht sie auch während der gesamten, rund dreistündigen Aufführung auf der Bühne. Regisseur Marco Štorman verzichtet in seiner zeitlos-schlichten Inszenierung auf dramaturgische Pausen.
«Es wird körperlich fordernd», sagt Westley. «Wir werfen riesige weisse Kissen durch die Luft, und ich springe mehrmals in Figaros Arme.» Die gebürtige Amerikanerin ist seit der Spielzeit 2023/24 Mitglied des Opernensembles von Bühnen Bern. Angst, nicht aufgefangen zu werden, hat sie nicht.

«Ich würde Susanna niemals fallen lassen», sagt Seth Carico. Man glaubt es ihm. Er singt den Figaro seit Studientagen und kennt die Bariton-Rolle in- und auswendig. «Von all meinen Rollen steht mir Figaro am nächsten.» Auch Carico ist US-Amerikaner und dem hiesigen Publikum als Wotan in der «Walküre» (Spielzeit 2022/23) und Scarpia in «Tosca» (2023/24) in guter Erinnerung.
Sie sucht Versöhnung
Er beschreibt Figaro als leidenschaftlich, überengagiert und «Know-it-all», ein ziemlicher Besserwisser. «He wants to be on top of things», und verliere dabei auch mal die Nerven. Anlass dazu hat er: Der Graf, dem Figaro einst half, Gräfin Rosalia zu heiraten, hat nun selbst ein Auge auf Susanna geworfen und fordert das Recht auf die erste Nacht. Hinzu kommen die Dienerin Marcellina und der Arzt Bartolo, die Figaros Hochzeit verhindern wollen.
Die anfangs noch liebevoll aufgeschichteten Kissen im künftigen Ehezimmer fliegen bald durch den Raum – Sinnbild für das Beziehungs- und Machtchaos, das die Oper antreibt. Zum Glück steht Figaro Susanna zur Seite: «Sie sucht Versöhnung und will für alle eine gute Lösung», erklärt Westley. Besonders mag sie, dass Susanna und die Gräfin zusammenarbeiten, statt sich wegen eines Mannes gegeneinander ausspielen zu lassen.
Ich wachse und altere mit Figaro.
Zwei Wochen vor der Premiere sitzen Westley und Carico beim Pressetermin nebeneinander. Im Gespräch schlüpfen sie so selbstverständlich in ihre Rollen, dass man öfters meint, Susanna und Figaro persönlich gegenüberzusitzen. Für Carico ist Figaro dennoch jedes Mal neu: «Ich wachse und altere mit ihm. Mit Anfang zwanzig war ich ein anderer Figaro als heute.»
Wichtig sei es, offen auf das Gegenüber zu reagieren und die Rollen gemeinsam zu entwickeln. Westley stimmt zu: «Nur wenn wir die Dynamik zwischen unseren Figuren spüren, sind wir als Liebespaar glaubwürdig.»
Wie Bergsteigen
Beide mögen die Zusammenarbeit mit Regisseur Marco Štorman, der 2021/22 bereits «Don Carlos» und 2023/24 «Arabella» für Bühnen Bern inszenierte. «Er hat klare Vorstellungen, lässt uns aber Raum für eigene Ideen», sagt Carico. Und wenn etwas nicht funktioniere, scheue er sich nicht, eine Szene neu zu denken.
Leicht sei die Arbeit dennoch nicht. Westley und Carico bezeichnen sich als «physical singers and actors». Ihre Rollen verlangen neben stimmlicher Präsenz vollen körperlichen Einsatz. «Eine Oper ist ein Marathon, eine Bergbesteigung», sagt Carico. «Man muss herausfinden, wie weit man gesanglich und körperlich gehen kann», pflichtet Westley bei.
Doch eigentlich sei es einfacher, die Arien und schwierigen Stellen zu singen, wenn man energetisch auf dem Höhepunkt sei. «Deh vieni, non tardar», die berühmte Arie der Susanna mit der schwierigen tiefen Passage, sei einfacher, wenn man sie im vierten Akt singe, als an einem Vorsingen, ohne die Passion der Rolle im Körper. Dankbar sei ihre Stimme dennoch für die Sprinkleranlage, die die Luft auf der Bühne befeuchtet und etwas Kühle verschafft.

Beide sangen früh in Chören – und haben Erfahrung darin, in sehr grossen Opernhäusern über riesige Orchester hinwegzusingen. «Wir haben gelernt, laut und ausdauernd zu sein», sagt Westley. Ihr Weg zur Oper war spät und eher zufällig. Sie wuchs nahe Hollywood auf, in einer Familie, die auf Drehsets arbeitete. Eigentlich wollte sie Kinderschauspielerin werden, ihre Mutter hatte aber keine Lust, «Stage Mom» zu sein, und schickte die Tochter erst in den Klavierunterricht. Mit 16 sah sie auf YouTube ihre erste Oper.
Auch Carico kam über Umwege zur Oper: Nach Musicalerfahrungen lud er ein Date in die Oper ein, um sie zu beeindrucken – tags darauf fragte er seinen Chorleiter, was er tun müsse, um selbst auf der Opernbühne zu stehen. «Hör auf mit den Drogen», habe der zu Seth gesagt, damals ein ziemlich wilder junger Mann.
Kein Relikt der Vergangenheit
Doch zurück zu den «Nozze di Figaro». Zur Zeit ihrer Uraufführung in den 1780er-Jahren war die komische Oper politisch brisant. Zwar endet alles harmonisch und die Kissen finden ihren Platz, doch die gesellschaftlichen Spannungen bleiben am Vorabend der Französischen Revolution sichtbar.
Wie aktuell ist die Oper heute? «Manche sagen, man könne sie nicht in die Gegenwart übertragen», meint Carico. «Wegen des Rechts auf die erste Nacht. Dann frage ich: Schon mal von Weinstein gehört?» Machtmissbrauch durch Reiche und Mächtige ist leider kein Relikt der Vergangenheit. Umso hoffnungsvoller stimmt, dass die Bediensteten im Stück aufstehen.
Im letzten Akt nähert sich Štormans Inszenierung der Ästhetik der Aufklärung, die Hochzeitskostüme erinnern an das 18. Jahrhundert. Das wirkt wie ein Blick zurück. Vielleicht auch eine Erinnerung daran, wie wichtig Aufbegehren für Gleichheit und Demokratie sind.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Berner Kulturagenda. 
Die Premiere von «Le nozze di Figaro» diesen Freitag ist bereits ausverkauft. (Foto: Janosch Abel)
