Von Provinz-Tunten und Krawall-Lesben – so kündigt das älteste queere Filmfestival der Schweiz seinen zweiten Themenschwerpunkt der Jubiläumsausgabe an. Er findet am kommenden Samstagabend im Kino Lichtspiel statt, und neben «Katzenball» läuft dort auch der Berner Dokumentarfilm «Zwätschgegrill» (1984). Zu Gast werden dann auch «Zwätschgen» von früher und heute angekündigt, zahlreiche Zeitzeug*innen und Regiepersonen, dazu Queersicht-Mitgründerin Veronika Minder.
Auf dem Balkon ihrer kleinen Wohnung im Galgenfeld erzählt die 78-Jährige von den Anfängen des Festivals und von der Entstehung des ersten Schweizer Lesbenfilms «Katzenball». Darin berichten fünf Frauen aus fünf Generationen von Treffpunkten, Codes, Netzwerken und der Kunst, einander zu finden. Im Zimmer nebenan, ihrem Büro, reihen sich Bücher und Akten: Für die Filmrecherche habe sie ein «halbes Sozialarchiv» gesammelt. Bevor sie zu erzählen beginnt, zündet sie sich eine Zigarette an.
Vom Kellerkino zum Festival
Mit Film hatte Veronika Minder ausser einer Vorliebe für Italo-Western eher wenig am Hut, bis sie ab 1988 zwölf Jahre lang das Kellerkino in der Berner Altstadt programmierte. Davor jobbte die Spiezerin nach dem Kunstgeschichtsstudium jahrelang als Putzkraft sowie in der Schallplatten- und der Modebranche. Zudem gehörte sie zur «Homo AG» der Reitschule, einer Gruppe, die queere Anlässe organisierte.
Queere Filme gab es damals schon viele, erzählt Minder weiter. Als Pionierfilm im deutschsprachigen Raum nennt sie Rosa von Praunheims «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt». Um 1980 entstanden in der Schweiz prägende Werke des queeren Films, etwa «Das ganze Leben» von Bruno Moll (1982) und die berühmte Lesbenszene in «Messidor» von Alain Tanner (1979).
Bern war eine richtige Kinostadt.
In Bern gab es schon damals eine lebendige Szene junger Leute, die sich für queeres Kino interessierten, sagt Minder: «Ohne die Reitschule gäbe es das alles nicht. Auch keinen ‹Katzenball›. Die Reitschule hat wohl das Leben in Bern für immer und ewig verändert.»
Sie war es, die das Programm des Kellerkinos umkrempelte: mit Frauenfilmtagen, Umwelttagen und Filmreihen zum Thema Behinderungen. «Bern war eine richtige Kinostadt», sagt sie. Nostalgisch erinnert sie sich ans Kino Capitol an der Kramgasse und ans Kino Eiger, in dem schon in den Siebzigern ein Filmzyklus zu Homosexualität lief.
«Die Idee zum Festival entstand spontan in einer Silvesternacht vor dreissig Jahren», erzählt Minder. Mit Mitgründer Patrik Martinez stand sie vor dem Kellerkino und sah dem Taxikorso zu, der damals traditionell um Punkt zwölf die Altstadt hinunterfuhr. Im Kino lief noch eine Nachtvorstellung, «was Queeres». Da kam zum ersten Mal der Gedanke auf: «Wir sollten eigentlich ein Festival machen.» Sie gründeten einen Verein für das erste queere Filmfestival der Schweiz. Im Sääli der Brasserie Lorraine fand die erste Versammlung statt.

Die Filmrollen kamen damals noch in Schachteln, die in Basel am Zoll abgeholt werden mussten. «Das war eine Logistik vom ‹Strübsten›», erinnert sich Minder. Knapp 20 Leute arbeiteten unbezahlt für das Festival, heute sind es ebenso viele im Organisationskomitee.
«Warum also nicht ein Film?»
«Ich habe nichts so gern gemacht wie programmieren», sagt Minder. Eine ihrer Lieblingsreihen entstand, als sie einen Elvis-Imitator kennenlernte. «Ich sagte: Oh, Elvis-Filme? Merci, guter Vorschlag.» Sie fragte ihn, ob er bei einer Elvis-Filmreihe mithelfen wolle. «Da gibt es ja ganz schlimme, schlechte Filme, aber auch lustiges Zeug.» Die Bedingung für die Zusammenarbeit war, dass an jedem Abend einer seiner Kollegen aus dem Elvis-Club im Kostüm an der Kasse sitzt. «Solche Sachen habe ich gemacht.»
In meinem Film merkt man gleich: Lesben haben Humor.
Sie hatte neben dem Kellerkino ein zweites Kino übernommen und wurde schliesslich bei beiden entlassen. Mit etwa fünfzig wusste sie, dass sie in der Filmbranche nicht so schnell wieder Arbeit finden würde. Arbeitslos fragte sie sich, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte; auch Sohn Baldy Minder war schon «aus dem Gröbsten draussen».
Da erinnerte sie sich an eine Fotografin, die sie bei lesbischen Freundinnen kennengelernt hatte: Liva Tresch, später eine der Hauptdarstellerinnen von «Katzenball». Sie dachte zuerst an ein Fotobuch, denn Treschs Arbeiten waren noch nie veröffentlicht worden. «Aber ich wusste ja gar nicht, wie man ein Buch gestaltet. Warum also nicht ein Film?»

Sie holte die befreundete Produzentin Valerie Fischer ins Boot. Sechs Jahre recherchierte sie für den Dokumentarfilm und interviewte dreissig Frauen. Aus 36 Stunden Material wurden 90 Minuten Film. Noch heute ist sie froh, mit dem Filmeditor Michael Schaerer zusammengearbeitet zu haben: «Er hat eigentlich den Film gemacht. Ein Film ist ja immer das Werk eines Teams – das ist das Schöne und das Mühsame daran.»
So entstand «Katzenball»: siebzig Jahre Schweizer Geschichte, erzählt von Frauen, die darin kaum vorkamen. Nicht allen Protagonistinnen fiel das Erzählen leicht; «die haben das eher für die jungen Lesben gemacht», sagt Minder. Das entsprach ihrem Ziel als Regisseurin: «Ich wollte einen lesbischen Propagandafilm machen, auf jeden Fall.» Zugleich war der Film «auf eine Art» auch ihr eigenes Coming-out: Mit ihren Eltern hatte sie zuvor nie darüber gesprochen.

Die offizielle Filmpremiere war im Januar 2005 im Landhaus Solothurn. «Es war ein Überraschungserfolg», erinnert sich Minder. «Dort hat man gemerkt: Auch junge Leute mögen das, auch die Heteros.» Es folgten die Berlinale und weitere internationale Festivals. Ausgezeichnet wurde der Film mit dem Berner und dem Zürcher Filmpreis sowie dem Teddy Award. Die erste Frage, die ihr in Berlin in einem Interview vor Publikum gestellt wurde, hat Veronika Minder nicht vergessen: «Hat die Welt auf einen Lesbenfilm aus der Schweiz gewartet?»
«Im Kino riecht und knistert es»
Veronika Minder ist heute nicht mehr in die Organisation des Festivals involviert, schaut sich aber pro Festivaltag zwei, drei Filme an und freut sich immer besonders auf die Eröffnung im Breitenrainer Kino ABC. Auf die Frage, welche Rolle ein Filmfestival im Streaming-Zeitalter spiele, sagt sie: «Im Kino riecht und knistert es, und es hat andere Menschen, die sich auch gefreut haben. Es stellt eine kollektive Stimmung her.» Das gebe es daheim vor der Glotze nicht.
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Das Festival sei für sie nach wie vor ein Begegnungsort und lebe von den Besucher*innen und der Vernetzung. Was am Samstagabend im Kino Lichtspiel genau zu erwarten sei, davon lasse auch sie sich überraschen. Zu «Katzenball» sagt sie: «In meinem Film merkt man gleich: Lesben haben Humor.» Er erkläre das Lesbentum auf lustige Art, über sehr gut ausgewählte Protagonistinnen und witzige Filmausschnitte. Nebenbei erfahre man einiges über die letzten 100 Jahre Feminismus.
Sie wünsche sich vor allem, dass sich das Publikum gut unterhalte. Auf zwei langweilige Momente müsse man sich allerdings gefasst machen. Trotz Vorfreude ist sie hin- und hergerissen: Der Film ist schon sehr persönlich. «Man redet ja nie gerne über seine eigene Sexualität. Weisst du, was ich meine?»
Auf dem Balkon ihrer kleinen Wohnung im Galgenfeld erzählt die 78-Jährige Veronika Minder von den Anfängen des Festivals und von der Entstehung des ersten Schweizer Lesbenfilms «Katzenball». (Foto: Elisa Faes)
