«Hast du Lust, a cappella was zu singen für ein Social-Media-Video?» frage ich. Zwei Minuten später wärmt Coco ihre Stimme im zweiten Stock des PPROGR in Bern auf, wo sie auch für den Konzertveranstalter bee-flat arbeitet. Cocos Blick ist konzentriert, die Hände vor dem Körper bewegen sich, als würden sie den Ton weitertragen. Die Künstler*in singt Butterfly aus dem Debütalbum Seeds.
Coco Elane ist ein Alter Ego. Auf die Frage, was für eine Beziehung sie zu dieser Figur hat, sagt die Künstler*in: «Coco Elane ist eine Kunstfigur, die aber eigentlich am authentischsten zeigt, wer ich wirklich bin.» Die Auseinandersetzung mit Identität ist ein zentrales Thema in der Musik. Coco ist nonbinär und verwendet die Pronomen they und sie.
Coco Elane ist eine Kunstfigur, die aber eigentlich am authentischsten zeigt, wer ich wirklich bin.
«Ich sehe mich selbst als ein sehr fluides Wesen, das in vielen Gebieten zu Hause sein kann. Musik steht schon im Fokus, aber ich mache auch Skulpturen, Zeichnungen und schreibe. All das führt zu einem grossen Ganzen – irgendwann gibt es vielleicht eine Ausstellung, verbunden mit einer Klanginstallation», erzählt Coco lachend. Diese Fluidität drückt sich auch in den Sprachen aus, die sie spricht: Deutsch, Russisch, Englisch, Mundart, Französisch und Italienisch.
Alles begann mit klassischer Musik
Cocos künstlerischer Weg begann mit der klassischen Musikausbildung in Berlin. Coco spielte professionell Bratsche und reiste mit mehreren Ensembles durch internationale Städte. Doch: Ein Rädchen im Getriebe zu sein war für Coco nicht der Weg: «Ich habe tief in mir drin gewusst: Ich werde im Orchester nicht glücklich.» Im Orchesterleben habe sich Coco gefühlt «wie ein Bürogummi, aber in der Musikwelt». Gefehlt hat der Eigensinn, das Ausbrechen. «Ich bin wie eine Rosine zusammengeschrumpft und eingetrocknet. Eigentlich wollte ich eine Blume sein, die aufgeht und blüht.»
Ich bin wie eine Rosine zusammengeschrumpft und eingetrocknet.
Die Wende kam in Berlin, in einem Improvisationskurs an der Universität der Künste. Ein Jazzpianist begleitete die Studierenden. Die Vorgabe war vermeintlich einfach: spielen ohne Bewertung, ohne Noten. Für viele Mitstudierende war das eine schwierige Aufgabe. Nach Jahren des Perfektionismus und der klaren Struktur der Ausbildung war diese Freiheit überfordernd.

Coco, die eigentlich Bratsche spielte, hatte plötzlich den Impuls zu singen. «Es war wirklich nicht so gut», sagt Coco und lacht. Der Professor war begeistert und ermutigte Coco, weiter zu improvisieren. Sie habe eine tolle Stimme. Dieser Schlüsselmoment hatte Folgen. Die Universität betrat Coco danach nie wieder. Coco machte nun ausserhalb der akademischen Welt Musik.
Neun Jahre: ein Album
Das Debütalbum «Seeds» fasst die neun Jahre nach dem Improvisationskurs in Berlin zusammen und ist auch ein Resümee von Cocos Zwanzigern. Entstanden ist es in mehreren Episoden: frühe Demos in Biel, neue Aufnahmen im Thurgau im Sour Soul Studio bei Dave Fluetsch, dazwischen viele Krisen, Geldmangel und Zweifel am eigenen Schaffen.
Das Budget für das Album war auf 50’000 Franken veranschlagt. «Es hat sicher mehr als das gekostet, und ich musste das zum grössten Teil selbst finanzieren. Weil ich das Geld nicht auf einen Schlag hatte, dauerte es einfach länger.» Den Titel verdankt das Album einem Bild aus der Natur. «Dieser Samen, den man pflanzt und aus dem eine Blume entsteht, war eine passende Metapher für das Album.»
Liebe ist mehr als Sucht
Das Album handelt auch von der Auseinandersetzung mit Liebe. Liebe und Rausch lagen in Cocos Leben lange nah beieinander. «Ich habe sehr oft einen Rauschzustand mit Liebe verwechselt. Liebe, wie ich sie heute verstehe, ist etwas, das täglich wächst. Es hat mit Hingabe zu tun, zu sich selbst, zu anderen.»
Rausch war für Coco lange nicht nur eine Metapher. ADHS und Sucht seien «sehr gut Hand in Hand» gegangen, sagt Coco. Ihre Neurodiversität, die ihr Denken und Fühlen bestimmt, trieb sie dazu, Substanzen als Bewältigungsstrategie zu nutzen. Heute konsumiert sie keine Substanzen mehr. Wieso? «Weil ich sonst abgerutscht wäre.» Die ADHS-Diagnose kam erst im März 2026. Musik zu machen war für Coco nie ein Problem, denn: «Wenn das Herz wirklich für eine Sache schlägt, dann ist es sehr einfach dranzubleiben.» Durch das Nüchternsein hat sich Cocos Musik verändert: «Ich spiele mehr live, mache bewusst Musik und bin ‹purely me›, wenn ich spiele.»
ADHS und Sucht seien ‹sehr gut Hand in Hand› gegangen, sagt Coco.
Beim Hören des Albums fallen die Einflüsse der klassischen Musik auf, besonders bei «Stay With Me». «Dieser Song ist sehr autobiografisch. Er verbindet musikalisch die Anfänge des Singens – damals im Improvisationskurs in Berlin – mit der Viola und beginnt mit einer einfachen Gesangsmelodie und Piano, endet mit viel Viola und Sprechgesang. Es geht darum, dass man mit sich selbst bleiben soll, geerdet. Und dass man dadurch vielleicht mehr zu einem inneren Frieden findet.»
Schwer zu definieren
Coco ist keine typische Berner Musiker*in, es gibt keine Mundart, keinen Lokalpatriotismus. Coco ist fluid. Das drückt sich auch im Album aus. Coco Elane lebt in Bern, singt auf Englisch. Russisch und Deutsch sind Muttersprachen, Schweizerdeutsch eine Fremdsprache. «Auch wenn ich in Bern wohne, denke ich nicht nur an Bern. Ich mache Musik aus Bern für die Welt.»
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Ein Genre für Cocos Musik lässt sich schwer definieren. Es gab viele Fremdzuschreibungen: Queer R&B, Genre-fluider Queer R&B, Alternative R&B. « Was es wirklich für ein Genre ist, das können von mir aus andere Leute bestimmen.» Was Coco selbst bestimmt, ist etwas anderes: wer auf der Bühne steht, wo gespielt wird, welche Werte die Musik trägt. Zwei Drittel der Band sind FLINTA-Personen. «Es ist mir sehr wichtig, FLINTA-Personen eine Bühne zu geben. Die Dynamik in der Band ist sehr wohlwollend und herzhaft.» Coco spielt bewusst nur in Räumen, in denen queere Menschen wissen, dass sie willkommen sind.

Mit «Seeds» schliesst Coco ein Kapitel. Das nächste Album ist schon in Arbeit und wird laut Coco ganz anders. «Im Mittelpunkt steht diesmal Sexualität. Ein Thema, das in unserer Gesellschaft schnell für Furore sorgt – besonders wenn es um FLINTA-Personen geht.» Im Debütalbum war das bewusst vermieden worden. Als FLINTA-Person werde man schnell auf den Körper reduziert. «Mit dem nächsten Album möchte ich genau das brechen, umdrehen und mir meine Power zurücknehmen.»
Coco Elane wandte sich vor neun Jahren von der klassischen Akademiewelt ab. Seither macht sie ihren eigenen Sound. (Foto: David Fürst)