Einmal im Jahr versammelt der «True Story Award» in Bern Reporter*innen aus der ganzen Welt und zeichnet Geschichten aus, die besonders gut recherchiert sind, sich durch ihr Storytelling auszeichnen oder aussergewöhnliche gesellschaftliche Wirkung entfalteten. Die Preisverleihung am Freitag im Kursaal eröffnete das «True Story Festival»: am Samstag und Sonntag berichteten die nominierten Reporter*innen an rund 40 Veranstaltungen über ihre Recherchen.
Der True Story Award zeichnet herausragende Reportagen aus aller Welt aus. Das Ziel ist, journalistische Arbeiten aus unterschiedlichen Regionen sichtbar zu machen und transnationale Perspektiven zu stärken. Die Gewinner*innen der drei Kategorien «Research», «Impact» und «Storytelling» wurden von einer internationalen Jury vergeben. Alle Gewinner*innen erhalten jeweils 20’000 US-Dollar. Insgesamt wurden 959 Beiträge aus 103 Ländern in 22 Sprachen eingereicht.
An der Veranstaltung «Migrants’ Lives Matter» am Samstagnachmittag im ONO erzählte der ägyptische Freelance-Journalist Sameh al-Laboudi von seiner Recherche. Er hatte am Vorabend den Preis in der Kategorie «Impact» für seinen Recherche «The Kalamata Trap: Hundreds of Migrants drown on their way to Europe» erhalten. Der Text erschien 2024 beim unabhängigen ägyptischen Medium Al Manassa.
In der Kategorie «Research» wurden Hoda Osman und Emma Graham-Harrison für The Gaza Family Torn apart by IDF Snipers from Chicago and Munich ausgezeichnet. Den Preis in der Kategorie «Storytelling» erhielt Martín Caparrós für ALS: The Sentence.
Die Recherche mit dem grössten Impact
Ausgangspunkt der Recherche von Sameh al-Laboudi ist ein Schiffsunglück im Juni 2023 vor der griechischen Küste bei Kalamata. Ein Fischerboot mit hunderten Migrant*innen an Bord sinkt. Laut Schätzungen kommen mehr als 750 Menschen ums Leben. Noch am selben Tag verhaftet die griechische Polizei neun Ägypter, die sich an Bord befanden, und wirft ihnen vor, das Unglück als Schleuser verursacht zu haben.
Die Reportage zeigt durch zahlreiche Gespräche mit den Beschuldigten im Gefängnis, aber auch mit ihren Familienmitgliedern, dass die Männer selbst Opfer sind: Sie hatten den echten Schleusern mehrere Tausend Dollar bezahlt. Den Kontakt mit den Beschuldigen aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen, sei nicht einfach gewesen, erzählt Sameh al-Laboudi an der Veranstaltung im ONO. So habe er am Anfang der Recherche den inhaftierten Migranten beispielsweise geholfen, indem er offizielle griechische Dokumente ins Arabische übersetzte, um ihr Vertrauen als Quellen zu gewinnen.
Seit 2020 beschuldigen griechische Behörden nach Bootsunglücken regelmässig einzelne Migranten, als Schmuggler für die Überfahrt verantwortlich zu sein.
Während der Recherche gab sich Sameh al-Laboudi unter anderem auch als Migrant aus, um mit echten Schleusern in Verbindung zu kommen und die Mechanismen hinter dem Schleusernetzwerk zu verstehen. Zudem konnte er aufzeigen, dass trotz der ägyptischen Ermittlungen, die das Schleusernetzwerk schliesslich aufdeckten, die griechischen Behörden die inhaftierten Migranten anklagten und ihnen einen Prozess machten.
Laut der Recherche folgen die Festnahmen einem Muster: Seit 2020 beschuldigen griechische Behörden nach Bootsunglücken regelmässig einzelne Migranten, als Schmuggler für die Überfahrt verantwortlich zu sein. Nichtregierungsorganisationen, die in der Reportage ebenfalls zu Wort kommen, werfen den griechischen Behörden vor, mit diesem Vorgehen von den eigenen Versäumnissen beim Schiffsunglück ablenken zu wollen.

Denn: Überlebende erzählten Sameh al-Laboudi übereinstimmend, das Boot sei durch ein Abschleppmanöver der griechischen Küstenwache zum Kentern gebracht worden. Beschlagnahmte Handys der Überlebenden, die Beweise hätten liefern können, wurden laut der Reportage vom griechischen Gericht nicht zugelassen. Die Inhaftierten berichten ihm von polizeilicher Gewalt und Drohungen während der Untersuchungshaft. Nach fast einem Jahr in Haft wurden alle neun Männer im Mai 2024 freigesprochen.
Im Anschluss an die Veranstaltung konnte Journal B Sameh al-Laboudi einige Fragen stellen. Das Interview erfolgte schriftlich auf Englisch und wurde im Nachhinein auf Deutsch übersetzt.
Journal B: Sie haben den «Impact»-Award gewonnen. Welche Auswirkungen hatte ihre Recherche?
Sameh al-Laboudi: Die greifbarste und tiefgreifendste Auswirkung dieser Recherche war, dass Beamte der griechischen Küstenwache vor Gericht zur Rechenschaft gestellt wurden. Dies zeigt, dass Recherchen wie diese nicht nur die Geschichte dokumentieren, sondern mächtige staatliche Akteure tatsächlich rechtlich zur Verantwortung ziehen können. Ich hoffe, dass meine Arbeit durch die Aufdeckung dieser grausamen Mechanismen und behördlichen Versäumnisse weiterhin als Katalysator dienen wird, um die harte, ungerechte Realität zu verändern, mit der Migranten derzeit in Griechenland und anderen europäischen Ländern konfrontiert sind.
Auf welche Aspekte der von Ihnen aufgedeckten Geschichte sind sie stolz?
Ich bin unglaublich stolz darauf, dass es mir gelungen ist, das gesamte Puzzle zusammenzusetzen – von den offiziellen Versäumnissen in Europa bis zur kriminellen Unterwelt in Nordafrika. Meine Recherche gibt anhand von harten Beweisen und Primärquellen denjenigen eine Stimme, die vom System zum Schweigen gebracht wurden.
Es war nicht einfach, einen in Griechenland inhaftierten Migranten davon zu überzeugen, mit mir als Journalisten zu kommunizieren.
Was war die grösste Herausforderung während Ihrer Recherche?
Die Reportage erforderte etwa sechs Monate intensiver Recherche und Befragung von Quellen und die Hindernisse waren immens. Der grösste Durchbruch – und zugleich die grösste Herausforderung – bestand darin, Zugang zu geheimen griechischen amtlichen Dokumenten zu erhalten. Ich erhielt zum Beispiel Zugang zu Dokumenten griechischer und ägyptischer Ermittlungen zu den Aktivitäten von Menschenhändlernetzwerken in Libyen und Ägypten. Diese Dokumente mussten in ihren Originalsprachen ausgewertet werden, um die wichtigsten Informationen herauszuarbeiten und sie mit dem Untergang des gesunkenen Bootes in Verbindung zu bringen. Zudem war es auch nicht einfach, einen in Griechenland inhaftierten Migranten davon zu überzeugen, mit mir als Journalisten zu kommunizieren und meine Fragen zu dem Schleusernetzwerk sowie zu den Ereignissen in der Nacht des Schiffsunglücks zu beantworten. Darüber hinaus erforderte es die Bewältigung extremer Sicherheitsrisiken und komplexer ethischer Dilemmata, um die tatsächlich vor Ort in Libyen operierenden Schleuser aufzuspüren.
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Was haben Sie während Ihrer Recherche gelernt, das Ihre Sicht auf Migration verändert hat?
Die Recherchen haben mein Verständnis dafür vertieft, wie tief verwurzelt und ausgeklügelt die multinationalen Schleusernetzwerke sind, die fast wie Schattenkonzerne agieren. In meiner Reportage habe ich aufgedeckt, dass Schleusernetzwerke in Libyen in sogenannten Clustern organisiert sind. Das bedeutet, dass die Anführer in Städten und Dörfern verschiedener Länder – sei es in afrikanischen Ländern, Syrien oder Jemen – lokale Kleinschleuser rekrutieren. Deren Aufgabe besteht darin, junge Menschen anzuwerben. Für jeden jungen Mann, den sie für eine irreguläre Migrationsreise über Libyen rekrutieren, erhalten sie eine Provision. Innerhalb dieser Cluster kennen sich die einzelnen Mitglieder untereinander meist nicht. Nur der Anführer sowie zwei weitere Mitglieder des Netzwerks verfügen über Kenntnis der übrigen Beteiligten. Meine Recherchen haben mir erneut vor Augen geführt, dass Migration nicht nur eine Reihe isolierter humanitärer Krisen ist, sondern ein komplexer, systemischer Kreislauf, in dem sich geopolitische Lücken und organisierte Kriminalität gegenseitig verstärken und vulnerable Menschen dazwischen gefangen sind.
Die Recherchen haben mein Verständnis dafür vertieft, wie tief verwurzelt und ausgeklügelt die multinationalen Schleusernetzwerke sind, die fast wie Schattenkonzerne agieren.
Lange Recherchen wie Ihre sind in der täglichen Medienberichterstattung selten zu finden. Was empfinden Sie als besonders problematisch an der täglichen Berichterstattung der Medien über Migration?
Die tägliche Berichterstattung der Medien ist tendenziell reaktiv und konzentriert sich stark auf aktuelle Statistiken, Grenzkrisen und sensationelle Bilder. Was fehlt, ist der langfristige, strukturelle Kontext. Der täglichen Berichterstattung mangelt es oft an einer tiefgehenden investigativen Aufarbeitung der Frage, warum diese Routen bestehen bleiben, wie die Finanzströme verlaufen und inwieweit sowohl staatliche Akteure als auch kriminelle Netzwerke zur Rechenschaft gezogen werden.

Wo sehen Sie den grössten Unterschied zwischen der politischen Rhetorik und der gelebten Realität von Migrant*innen?
Die rechte Rhetorik instrumentalisiert Migration häufig und stellt Migrant*innen als kalkulierte, einheitliche Bedrohung für die nationale Sicherheit oder die wirtschaftliche Stabilität dar. Die gelebte Realität vor Ort ist genau das Gegenteil: Sie ist geprägt von purem Überlebenskampf, menschlicher Verletzlichkeit und administrativer Ungewissheit. In Ländern wie Griechenland und anderen europäischen Staaten sind Migrant*innen in einem harten, kaputten System gefangen, anstatt als irgendeine Art von «Eindringlingen» zu agieren.
Wenn die Leser*innen nur eine einzige wichtige Erkenntnis aus Ihrer Recherche mitnehmen würde, was würden Sie sich wünschen, dass diese wäre?
Ich möchte, dass die Leser*innen verstehen, dass hinter jeder Statistik und jedem Rechtsdokument ein menschliches Leben steht. Der investigative Journalismus hat die Macht, diese Maschinerie aufzudecken, die diese Leben ausbeutet, und wir müssen über die politische Rhetorik hinausblicken, um die menschliche Realität der Situation zu erkennen.
Als Freelancer ist der Preis eine starke Bestätigung für sechs Monate erschöpfender, risikoreicher Arbeit.
Was bedeutet es für Sie, den True Story Award gewonnen zu haben?
Diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel und ist für freischaffende Journalisten von grosser Bedeutung. Dieser Preis zeigt, dass unabhängiger, investigativer Journalismus weiterhin eine starke Stimme hat und eine zentrale Rolle erfüllt. Als Freelancer ist es eine starke Bestätigung für sechs Monate erschöpfender, risikoreicher Arbeit. Es signalisiert, dass globale Journalistenkreise investigative Tiefe über Schnelligkeit stellen, und es gibt mir den Antrieb, weiterhin Geschichten zu verfolgen, die Rechenschaft einfordern.

Sameh al-Laboudi erhält den True Story Award von Festivalorganisatorin Rocío Puntas Bernet. (Foto: True Story Foundation, Meinrad Schade)