Wir leben in einer Krise, mit der Krise – Seite an Seite.
Das zu bestreiten bringt nichts.
Wenn ich durch die Stadt velofahre, sehe ich aber nichts von dieser Krise.
Was ich sehe, sind Plakate für den neuen McChicken, das neue Blaubeer-Cornet und einen Billigflug nach Dubai.
Ich entdecke nirgendwo ein Plakat mit: «Seht ihr es nicht?! Wir müssen handeln! Jetzt! Sonst sind wir gefickt.»
Und dann warte ich beim Rotlicht und denke über die Ampel nach.
Darüber, dass irgendein schlauer Kopf sich Gedanken dazu machte, wie die vielen Verkehrsunfälle verhindert werden könnten.
Weil sonst alles in einer Katastrophe enden würde.
Und wenn ich Tram fahre und mich hinsetze, kommt es mir urkomisch vor, dass es Sitze gibt, um sich falten zu können, um nicht stehen zu müssen.
Denn wenn alle stehen müssten, würden manche umfallen und in einer Katastrophe enden.
Ergibt sich da eine klitzekleine Unvollständigkeit?
Denn wie ist es möglich, dass wir es schaffen, uns in weniger als einem Jahr einen Impfstoff gegen das unbekannt Gekrönte zu brauen, und gleichzeitig so dumm zu sein und einen einzigen, langgezogenen Suizid zu begehen?!
Nicht jede*r wird gleich früh die Garstufe erreichen.
Es könnten Listen mit abertausenden Dingen erstellt werden, die ebendiese «schlauen Köpfe» mit ihrem Erfinder*innengeist erfunden haben, um das Überleben zu sichern.
Doch aus irgendeinem Grund reicht dieser Geist (oder halt die finanziellen Mittel) nicht aus, um sich selbst langfristig vor einer Katastrophe zu schützen, die den sicheren Tod für alle von uns bedeutet – mit Ausnahme einiger Superreicher, die sich mit ihrem Geld scheinbar das ewige Leben bauen können, wenn auch auf einem Fundament aus Leichen.
Nicht jede*r wird gleich früh die Garstufe erreichen. Aber wenn es dann schliesslich alle heiss unter dem Allerwertesten haben, öffnet sich die schon jetzt dermassen weit geöffnete Schere bis zum Anschlag und die «Auserwählten» dürfen sich in die Bunker zurückziehen und munter weiter CO₂ produzieren.
Während diejenigen, die nicht Privatjet und Superyacht besitzen und sich Mühe geben, auf irgendeine Weise mit möglichst wenig Emissionen die Krise einzudämmen, buchstäblich geröstet werden.
Aber nimmt es erst einmal die ganze Welt hops, schert sich niemensch mehr darum, über wie viel Land der Vladimir jetzt herrscht und dann kommt es auch nicht mehr darauf an, ob das neue iPhone 32 pro max extra plus jetzt schon in die Ladenregale gequetscht wurde, oder nicht.
Und der McChicken wird ebenso irrelevant sein wie das Blaubeer-Cornet.
Es wird tatsächlich fast alles an Relevanz verlieren. Alles das, worüber ich am Radio höre und in den News lese und bei dem ich oft den Überblick darüber verliere, in wie vielen Ländern es den Hebelzieher*innen und Privatpersonen zu Kopf gestiegen ist.
Und der McChicken wird ebenso irrelevant sein wie das Blaubeer-Cornet.
Zurück in meinem Alltag erschreckt es mich, wenn ich immer noch auf so viel Unverständnis stosse und Diskussionen über die Flugferien in die Malediven diskutiere, weil doch der liebe Götti dort wohnt.
Und es erschreckt mich, in welche Richtung die Hebel gestellt und die Knöpfe gedrückt werden.
Und was mich noch mehr erschreckt, sind die Menschen hinter den Hebeln und Knöpfen, die es einfach nicht schnallen, was gerade abgeht.
Es gibt Momente, wo ich mich beim Gedanken erwische, ob es nicht hilfreich wäre, diese lieben Menschen mal kräftig durchzuschütteln. Dass sie danach wieder richtig denken und nicht so einen Stuss von sich geben.
Doch darf ich das? Bin ich dann nicht genau gleich wie die Person von der Freikirche, die mir glaubhaft machen möchte, nur Gott sei das Richtige.
Ich reagiere abweisend darauf, weil mir Gott nichts bedeutet. Reagiert eine andere Person auf mich genauso, weil ihr meine Anliegen nichts bedeuten?
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Doch ist der Klimaschutz nicht etwas, das unabhängig von Interesse einfach alle betrifft?
Denn wenn ich lebe und leben lasse, wird sich nicht genug ändern.
Und höre ich mich jetzt vielleicht an, wie ein Missionar?…
Allgemein kommt es mir je länger, desto mehr vor wie im Wartezimmer, denn dort hängen auch keine Bilder von missglückten Herz-OPs. Im Wartezimmer wartend auf die Krise. Auf die tickende Uhr schauend, die über der Tür hängt. Wohlwissend, was passieren wird, wenn die Wartezeit abgelaufen ist und die weissgekittelte Person ins Zimmer kommt, kurz suchend umherschaut und dann ruft: «Herr Meyer, bitte schön, Sie sind dran.»
* * *
PS: Diesen Text nur zu lesen, ist kontraproduktiv, weil du dich danach wahrscheinlich noch verzweifelter fühlst, als du es eh schon bist.
Was darum zuerst einmal verstanden werden muss, ist, dass nicht nur die Hebelzieher*innen alleine etwas ändern können.
Sie müssten zwar dringend, tun’s aber nicht.
Du kannst es auch! Als Einzelperson mit kleinem Radius, aber noch viel mehr als grosse Masse. Du kannst politisch aktiv werden und Dinge verändern und du kannst dich gegen die momentane Politik stellen und dich für das einsetzen, was dir wichtig ist. Das ist nicht für die «Extremen» reserviert, sondern schlicht nötig.
Denn wenn du nichts machst und dich im Elend badest, nützt das nichts, nicht einmal dir.
Wo bleiben die Lösungen für die Klimakrise? Kolumnist Niclas kann sie nirgendwo sehen. (Illustration: Niclas)