«There is no reality, only dreams»– es gibt keine Realität, nur Träume.
Dieses Zitat von Christopher Nolan steht gleich zu Anfang in Tom Kummers neuem Roman «Freiwürfe mit einem Diktator». Ein Zitat, das auch die Karriere des Berner Autors beschreiben könnte. In der Caffè Bar Riva beim Egelsee sitzt er auf einer Holzbank, trägt ein olivfarbenes Hemd, weisse Locken, grosse schwarze Brille, Vans-Schuhe.
Als erstes spricht er über das Thema, das ihn seit über vierzig Jahren beschäftigt: die Verbindung von Fiktion und Realiät. «Kürzlich war ich beim SRF-Mittagsgespräch zu Gast. Es wurde heftig über die Bedeutung der Fantasie in der heutigen Zeit debattiert. Ich glaube, ich habe mich gut geschlagen», sagt er und lacht. «Es gibt gutartige Fiktionen, die uns von einer tieferen Wahrheit erzählen und die Gegenwart aufwerten. Und dann gibt es die bösartigen Fakes aus Troll-Fabriken, die politisch oder wirtschaftlich motiviert sind und unsere Demokratie unterwandern. Damit hatte ich nie was zu tun.»
Meine Heimat war schon immer die Literatur, das freie Schreiben.
Hinter der Gelassenheit, die er im Gespräch ausstrahlt, liegt eine bewegte Vergangenheit, die ihn bis heute begleitet: der Fall Kummer.
Der Fall Kummer
Seine Schreibe ist unmittelbar und roh, das rührt von seiner journalistischen Karriere her.
Der Autodidakt Kummer war fasziniert von der Form des Neuen Journalismus, er wollte auch so schreiben, so subjektiv, unmittelbar und roh Er ging von Bern nach Berlin, machte bereits als 25-jähriger in Deutschland Karriere als Reporter für das Kult-Magazin TEMPO, wurde plötzlich für Journalistenpreise nominiert. Die Mainstreammedien rissen sich um die neuen Vertreter*innen des New Journalism im deutschsprachigen Raum, gaben ihnen lukarative Verträge und alle Freiheiten.
Kummer war einer der ersten Autoren, die den Neuen Journalismus in den deutschsprachigen Raum brachten. Der Stil entstand in den 1960er-Jahren in den USA. Tom Wolfe, Hunter S. Thompson, Joan Didion. Journalisten, die etwas Neues ausprobierten: subjektiv, roh, sie bauten das Ich in die Geschichte ein als Erzähler*in. Fear and Loathing in Las Vegas war, bevor sie zum Kultfilm wurde, eine Kultreportage Thompsons für das Rolling Stone Magazin.
1993 zog Kummer mit seiner Frau nach Los Angeles und schrieb als Korrespondent für das SZ-Magazin und das Magazin des Tagesanzeigers. Später auch für Die Zeit und den Spiegel. Erstmals liess er sich von seinen Chefs dazu bewegen, Star-Interviews zu schreiben. Eine Gattung, die ihm nichts bedeutete, von der er sich jahrelang ferngehalten hatte. Die PR-Gesprächstermine in Hollywood fand Kummer langweilig, unbrauchbar. Bis er die Magie des Dialogschreiben entdeckte.
Termine zu Gruppengesprächen liess er ganz fallen und konzentrierte sich exklusiv auf den sogenannten inneren Monolog – er schrieb die Dialoge alleine. Seine Interviews lasen sich wie Prosa. Und landeten auf den Titelseiten der renommiertesten Magazine. Ob Sharon Stone, Mike Tyson, Bruce Willis oder Courtney Love; Fünfzig solcher Star-Interviews schrieb er und sie wurden gefeiert. Er war ganz nah dran, alle redeten mit ihm und alle redeten so, wie Kummer es wollte. Philosophisch, smart, intim.

Zu gut, um wahr zu sein. Im Jahr 2000 kam raus, dass Kummer einen grossen Teil der Interviews erfunden hatte. Kummer musste sich öffentlich entschuldigen. Er hatte eine Grenze überschritten, was ihm viele in der Medienbranche übelnahmen. Seine Fans interessierten sich für seine Sprache, weniger für journalistische Ethik. Aber seine Karriere als Journalist war beendet. Damit wird Kummer bis heute immer wieder konfrontiert.
«Meine Heimat war schon immer die Literatur, das freie Schreiben. Hier bin ich zuhause», so Kummer.
Eine neue Epoche
2016 kehrte Kummer zurück in die Schweiz. Seine Frau Nina war gestorben, Kummer schrieb von nun an Romane mit vielen autobiografischen Bezügen aus seiner Zeit mit Nina (Nina und Tom 2017). Seine Bücher werden seither von der Kritik gefeiert. Der Roman «Von schlechten Eltern» wurde 2020 für den Schweizer Buchpreis nominiert und als Theaterstück 2022 bei Bühnen Bern aufgeführt. Nach drei Büchern, die sich um seine verstorbene Frau drehten und in denen Kummer aus einer Ich-Perspektive erzählte, findet er nun in seinem neusten Roman «Freiwürfe mit einem Diktator» eine neue Erzählstimme.
Frank Bichsel, ein Schweizer Sportcoach kurz vor der Pensionierung, unterrichtet an einer Berner Eliteschule Sport und pflegt seine sterbende Mutter im Pflegeheim. In den 1990er-Jahren hat er den jungen Kim Jong-un, der unter falschem Namen in Bern zur Schule ging, als Basketballspieler gecoacht. Die Beziehung zwischen den beiden wirft die zentrale Frage des Romans auf: Welche Verantwortung trägt man für einen Menschen, der später zum Diktator wird? Der Roman portraitiert eine Zeit im Umbruch. Deutlich wird das an der Eliteschule: Dort wird an Nachhaltigkeit appelliert, politische Haltung gefordert und gleichzeitig werden die Sprösslinge von Autokraten ausgebildet.
«Das Ich im Text wegzulassen ist auch ein Schritt weg von der Autofiktion. Was gut ist, weil dieser Begriff so stark an mir haftet. Ich möchte noch ein anderes Genre für mich entdecken.»
«Meine ersten drei Romane schrieb ich wie mit einer Kamera vor mir. Das Ich fungierte als Objektiv, durch das ich die Welt beschrieb.»
Eine Methode, die er aus seiner Zeit als Journalist beibehalten hatte. Jetzt legt er die Kamera weg und erzählt erstmals aus der Perspektive der dritten Person.
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«Am Anfang war das Schreiben zähflüssig. Aber die neue Form interessierte mich als Herausforderung. Bis es rund lief.»
Der Wechsel in die dritte Person ermöglicht Kummer, seine Figuren mit einer neuen Distanz zu betrachten. Das zeigt sich gut an der Figur des Frank Bichsel, einem Sportcoach kurz vor der Pensionierung, der an einer Berner Eliteschule Sport unterrichtet und seine sterbende Mutter im Pflegeheim begleitet.
Kimu lernt Berndeutsch
Der Aufhänger des Romans basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Bern der 1990er Jahre besucht das spätere Staatsoberhaupt Nordkoreas Kim Jong-un unter falschem Namen eine Eliteschule. Im Roman coacht Frank ihn. Sie werfen Körbe, bauen eine Vater-Sohn-ähnliche Beziehung auf.
Die Welt scheint nur noch aus Muskeln zu bestehen.
Kummer hat dazu intensiv recherchiert. New York Times, NZZ, Frankfurter Allgemeine, die internationale Presse, drehte in Bern jeden Stein um. Er merkte: Was Kim Jong-un in Bern wirklich erlebt hatte, bleibt bis heute unklar. Dieser Umstand interessierte ihn und liess Platz für Fiktion.
«Meine Literatur beginnt genau dort, wo ich diese Grauzone bearbeite. Mit einer echten Person, echten Orten, echten Umständen.»
Kummer mutmasst: «Kim hat in Bern Berndeutsch gelernt. Vielleicht hat er auf dem Basketballfeld Trash Talk gemacht. Vielleicht hat er gesagt: Was wosch?!» Frank, der Protagonist des Romans, nennt ihn «Kimu.» Verniedlichend, nah, fast zärtlich.
«Berndeutsch wickelt alles mit Vanillesauce ein. Kimu statt Kim.»
Durch das Berndeutsch wird die Figur Kimu in einem weichen Licht gezeigt. Ein Stilmittel, das Tom im Buch immer wieder nutzt – er webt berndeutsche Sätze ein, um eine Stimmung, ein Gefühl zu vermitteln.
Eine vulnerable Männerfigur
Die Figur des Frank Bichsel spiegelt die Orientierungslosigkeit der heutigen Zeit. Im Internat «Distelberg», wo er arbeitet, muss man sich entscheiden. Gehört man zu den Guten oder zu den Bösen. Vom Kollegium wird Haltung erwartet. «Aber Frank kann keine wirkliche Haltung zeigen. Das ist heute fast schon das Verbrechen. Frank ist ambivalent, feinsinnig, er ist sich seinen Schwächen bewusst, und er steht dazu», erklärt Kummer. Er erzählt, dass die Figur früher ein Punk war, durch die Reitschule politisiert wurde, seine Maxime war damals: «Keine Macht für Niemand». Heute sind die Vorzeichen anders. Der Zeitgeist steht für «alle Macht für Alle».

Diese Umkehrung spiegle die Position des Protagonisten wieder. Kummer fügt an:
«Bichsels Schwäche hat keinen Platz mehr. Sie hat keine Lobby. Die Welt scheint nur noch aus Muskeln zu bestehen: Empowerment, Follower-Power, Social-Power… Macht und Stärke sind die Leitmotive.» Wie geht Frank damit um? Er zieht sich zurück ins Private. Flüchtet sich in den Rausch am Sterbebett seiner Mutter, in den Traum, wo Wahrheit und Fiktion nicht mehr klar zu trennen sind.
Eine Hommage an Peter Bichsel
Frank erzählt seiner sterbenden Mutter im Pflegeheim Geschichten. Sie liegt im Bett, hört zu und regt sich wieder, lebt auf. Die Ärzte sagen, das halte sie am Leben. Kummer findet darin ein Motiv seines Buches: Fiktion, die zur Lebenskraft wird.
«Dies ist ein wichtiger Moment, in dem die Kraft von Fiktion wieder in Erscheinung tritt . Und das in einer Welt, wo jede Netflix-Show schreibt: Basiert auf wahren Begebenheiten. Man kann sagen, Fiktion rettet Menschenleben.»

Der Nachname der Hauptfigur ist kein Zufall. Peter Bichsel, der Solothurner Autor, hat in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen «Der Leser, das Erzählen» über die Kraft von Geschichten nachgedacht. Bichsel sagt: «Einen Geschichtenerzähler tötet man damit, dass man ihn auf Realität verpflichtet.»
Kummer antwortet auf die Frage, wieso er diesen Verweis zu Bichsel anstellt, folgendermassen:
«Mir gefiel die Idee, einen Faden zu einem grossen Schweizer Erzähler zu knüpfen, der für diese Form des Erzählens eingestanden ist. Wir haben ein besseres Leben mit Geschichten.»
Die Mutter und der Ursprung
Am Ende des Romans steht Frank vor einer wichtigen Entscheidung. Soll er mit seiner engen Vertrauten Renee nach Nordkorea reisen? Frank entscheidet sich für den Rückzug ins Private. Zur Mutter. Er kniet neben ihrem Bett, nimmt mit ihr Morphium, erzählt Geschichten, hört auf zu kämpfen.
Nach allem, was der Roman aufwirft, landet er hier. Bei der Frau, zu der er seit Jahrzehnten keinen richtigen Zugang hatte. Kummer beschreibt, was Frank sucht; nicht den Kampf, sondern das Aufgehobensein bei seiner Mutter.
«Er will zurück zu ihr. Am liebsten möchte er wieder in ihren Bauch hinein. Das Morphium bringt ihm die Wärme, die mütterliche Wärme zurück.»
In seinem neuen Buch wagt Tom Kummer den Schritt weg vom Ich-Erzähler. (Foto: David Fürst)
