Politik - Meinung

Feiern in der Not

von Willi Egloff 5. Mai 2026

Tag des Lokaljournalismus Dem Lokaljournalismus geht es schlecht. Trotzdem – oder gerade deswegen – rufen heute Verlegerverbände aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zum «Tag des Lokaljournalismus» auf. Der Elefant im Raum: die Finanzierung.

 

Der CEO der Ringier AG läutete in einem Interview schon mal die Totenglocke: Die Lokal- und Regionalmedien seien dem Untergang geweiht, weil sie sich nicht mehr finanzieren liessen, lässt sich Marc Walder in der «NZZ am Sonntag» zitieren. Auch als digitale Geschäftsmodelle seien sie nicht aufrechtzuerhalten. «Digital dürften in der Schweiz nur drei Medienmarken ökonomisch überleben: Die NZZ, der Blick und 20 Minuten.»

Insbesondere die Verlage, denen hier der baldige Untergang vorausgesagt wurde, fanden das gar nicht lustig. Der Präsident des Verlegerverbands Schweizer Medien und frühere CEO von Somedia, Andrea Masüger, sprach von einem unzutreffenden «Weltuntergangsszenario». Die Schweizer Medien seien resilienter, als viele meinten. Der Chefredaktor der CH-Media-Zeitungen, Patrik Müller, wehrte sich mit einem Beitrag auf LinkedIn mit der Behauptung, der Umsatz der CH-Media AG sei «dank Wachstum im Digitalen nahezu stabil».

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Seine Arbeitgeberin und Mitbesitzerin der CH Media AG, Anna Wanner, publizierte in ihren Zeitungen einen Wochenkommentar, in welchem sie von einer «Prognose zwischen Anmassung und Fatalismus» spricht, bei welcher man nicht wisse, «ob man nun lachen oder weinen» solle.

Massiver Einbruch der Werbeeinnahmen

Einig sind sich die Medienmanager*innen immerhin darin, dass die finanzielle Lage kompliziert ist. Der Werbeumsatz der gedruckten Zeitungen habe sich laut Marc Walder in den letzten 15 Jahren von drei Milliarden Franken auf 650 Millionen verringert. Von den etwa 2,2 Milliarden Werbegeldern auf digitalen Plattformen flössen rund 80 Prozent ins Ausland zu den grossen US-Techfirmen. Für lokal oder regional ausgerichtete Medien in der Schweiz blieben deshalb nur Peanuts übrig, mit welchen die Herausgabe einer eigenständigen Zeitung nicht auf Dauer finanziert werden könne.

Zu dieser Erkenntnis ist inzwischen offenbar auch der SVP-Doyen Christoph Blocher gelangt. Er verkauft seine Zeitungshaus AG, in welcher er rund 20 lokale und regionale Gratiszeitungen zusammengefasst hat, an die InterAct Media Group, die Muttergesellschaft des Nachrichtenportals nau.ch und seit Juni 2025 auch des BärnerBär.

Berner Lokaljournalismus unter einem Dach. (Foto: Janine Schneider)

Grund dafür sind laut der bisherigen Präsidentin des Verwaltungsrates, Rahel Blocher, die Kosten der Zustellung, die durch die Werbeeinnahmen nur noch knapp gedeckt werden könnten. Im Klartext heisst das wohl, dass diese Zeitungen in absehbarer Zeit aufgegeben oder durch Onlinemedien ersetzt werden sollen.

Politische Bedeutung des Lokaljournalismus

Eine länderübergreifende Initiative von Medienhäusern und Verlegerverbänden aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz hat nun den 5. Mai zum «Tag des Lokaljournalismus» ausgerufen. «Demokratie entscheidet sich nicht nur im Parlament, sondern jeden Tag in Gemeinden, Schulen, Vereinen und Stadträten. Lokaljournalismus macht Prozesse sichtbar, kontrolliert Macht und ermöglicht Beteiligung», heisst es im Aufruf.

Auch diesbezüglich besteht weitherum Einigkeit. Die politische Bedeutung des Lokaljournalismus ist gerade in einem Land wie der Schweiz, dessen gesellschaftliches Leben durch zahllose direktdemokratische Elemente geprägt ist und das daher auch auf lokaler Ebene auf eine öffentliche Meinungsbildung angewiesen ist, mehr als offensichtlich.

Damit ist aber die Frage nicht beantwortet, wie denn dieser Lokaljournalismus finanziert werden kann. Denn der Wechsel vom Papier zum Onlinemedium allein löst die Kostenfrage nicht. Zwar fallen dann Druck- und Zustellkosten weg, aber die Hauptfrage bleibt: Wer bezahlt die Journalist*innen? Wer stellt die Gelder zur Verfügung, damit fachlich qualifizierte und adäquat bezahlte Leute so über alltägliche Ereignisse informieren können, dass Prozesse sichtbar werden, Macht kontrolliert und Beteiligung ermöglicht wird?

Die Hauptfrage bleibt: Wer bezahlt die Journalist*innen?

Denn ohne diese zeitaufwendige menschliche Arbeit gibt es keinen Lokaljournalismus. Es ist zwar durchaus möglich, mithilfe von KI aus Medienmitteilungen von Gemeinden, regionalen Körperschaften oder Kantonen eine Zeitungsnachricht zu fabrizieren und diese ins Netz zu stellen, wie dies heute schon in grossem Umfang geschieht. Es ist auch machbar, Inhalte von Agenturen oder aus übergeordneten Netzwerken zu übernehmen und als eigenes Produkt zu verbreiten.

Mit Lokaljournalismus hat das aber nur am Rande zu tun. Denn auf diesen Wegen werden keine eigenen Themen gesetzt, werden keine Prozesse sichtbar gemacht und wird weder Macht kontrolliert noch Beteiligung ermöglicht. Gerade dies aber wäre die Hauptaufgabe lokaler und regionaler Medien, wie sie für eine Demokratie auf Gemeindeebene unerlässlich sind.

Neue Lösungen gefragt

Der «Tag des Lokaljournalismus» kann daher kein blosser Feiertag sein, sondern er muss auch Anlass sein, sich ernsthaft mit dieser finanziellen Not zu befassen. Eine Querfinanzierung durch Werbeeinnahmen ist nicht mehr in ausreichendem Mass möglich, eine direkte Finanzierung durch den Verkauf von Abonnements funktioniert nur im Bereich von «special interests», also bei Fachblättern und Verbandsmedien. Lokaljournalismus – das zeigt die langjährige Erfahrung – ist auf diesem Wege nicht finanzierbar.

Das bestätigt indirekt auch Simon Jacoby, Gründungsmitglied und Chefredaktor des Onlinemediums Tsüri. Tsüri besteht seit rund zehn Jahren und finanziert sich durch Werbung, Mitgliederbeiträge und Erlöse aus Veranstaltungen. Ausserdem wird das Medium punktuell von gemeinnützigen Stiftungen unterstützt. Auf diese Weise könne es funktionieren, erklärte Simon Jacoby im Juni letzten Jahres in einem Interview mit dem ABS-Hausmagazin moneta, «zumindest in Städten oder Ballungszentren, die so gross wie Zürich sind».

Die Frage, wie ein solcher Lokaljournalismus finanziert wird, muss rasch beantwortet werden.

Bekanntlich gibt es in der Schweiz nur ein einziges Ballungszentrum von dieser Grösse, daneben aber laut Bundesamt für Statistik rund 2’100 politische Gemeinden, davon 172 Städte. Sie alle sind direktdemokratisch organisiert und damit auf öffentliche Information und öffentliche Meinungsbildung angewiesen. Auch in diesen Gebieten muss weiterhin Lokaljournalismus möglich sein, selbst wenn er nicht über Werbung oder Abonnements finanziert werden kann. Und seine Existenz muss unabhängig von Management-Entscheidungen auf der Führungsebene von Medienkonzernen sichergestellt werden.

Die Frage, wie ein solcher Lokaljournalismus finanziert wird, muss rasch beantwortet werden. Andernfalls dürfte Marc Walders «Weltuntergangsszenario» eher früher als später Realität werden.