Fabrikool – ein Lehrstück in vielerlei Hinsicht

von Noah Pilloud 2. März 2026

Länggasse Auf dem Von-Roll-Areal hat Mitte Februar eine Foodhalle mit Wohnraum im Obergeschoss eröffnet. Von der Besetzung, die das vergessene Haus wieder in den Fokus rückte und mit ihren Angeboten das Quartier belebte, ist die Tage kaum die Rede. Wir rollen die Geschichte von vorne auf.

Als erstes fiel der Blick auf die gigantische hölzerne Ameise, dann auf den langen Tisch vor dem Haus mit dem grossen Schiebetor. Studierende, Menschen aus dem Quartier und Besetzer*innen sassen davor und schnitten Gemüse. Dahinter schmorten in einer grossen Pfanne bereits die Zwiebeln im Öl und verbreiteten ihren Duft in der Luft, die noch ein wenig nach Kaffee aus der Mokka-Kanne roch.

Diese Szene ereignete sich vor der ehemaligen Schreinerei Muesmatt auf dem Von-Roll-Areal an so manchem Donnerstag im Jahr 2018. Das Kollektiv «Fabrikool» hatte das Gebäude Ende Februar 2017 besetzt und sich anschliessend mit dem Kanton auf eine Zwischennutzung geeinigt.

Das Fabrikool belebte die ehemalige Schreinerei mit unterschiedlichen Angeboten. Unter anderem befand sich darin eine anarchistische Infothek, regelmässig fand ein Quartiertreff statt und eben donnerstags war «Küfa» angesagt, Küche für alle.

Seit Mitte Februar essen wieder Menschen vor und in der ehemaligen Schreinerei am Fabrikweg. Ohne gemeinsames Kochen und ebenso wenig auf Kollektenbasis. Im Erdgeschoss hat die «Halle 16» eröffnet. Ein Projekt des Berner Architekten Manuel Vatter. Im Erdgeschoss befinden sich Essensstände und eine Bar. Im Obergeschoss vermietet Vatter neun WG-Zimmer an Student*innen. Wie der «Bund» schreibt, kostet ein solches Zimmer rund 1’000 Franken im Monat – dafür sind sie mit eigenem Bad und Kühlschrank ausgestattet.

Denn anders als es uns die Website der «Halle 16» weismachen will, blieb das Gebäude nicht bis 2018 ungenutzt.

Wie kommt es, dass in einem ehemals besetzten Gebäude nun Essenstände und Student*innen-Zimmer im oberen Preissegment ihren Platz gefunden haben? Und was ist in den Jahren zwischen der Räumung und jetzt geschehen? Ein Blick zurück auf die letzten Jahre der bewegten Geschichte dieses Gebäudes. Denn anders als es uns die Website der «Halle 16» weismachen will, blieb das Gebäude nicht bis 2018 ungenutzt.

Besetzer*innen entdecken das Gebäude neu

Die 1872 erbaute Schreinerei war lange Teil der «Fabrik für Eisenbahnmaterial», auch «Waggonfabrik» genannt. Anfang 2000er-Jahre kaufte der Kanton das gesamte Areal der Firma Von Roll, um darauf den neuen Campus der Pädagogischen Hochschule sowie einige Institute der Universität unterzubringen. Die Schreinerei am Rand des Areals blieb dabei ungenutzt.

Die Liegenschaft wurde immer baufälliger, eine mögliche Nutzung immer kostspieliger. Im Jahr 2011 wollte ein Vorstoss im Kantonsparlament das Gebäude abreissen lassen. Das war aber nicht möglich, denn das Gebäude ist denkmalgeschützt. So fristete das Haus weiter sein Dasein in der Schwebe als denkmalgeschützte Lotterbude.

Bis Anfang 2017 ein Kollektiv von Besetzer*innen ihr Auge auf die ehemalige Schreinerei warf. Sie wollten dem Holzhaus neues Leben einhauchen. Doch der Kanton kam sogleich mit Räumungsabsichten vorbei. «Der vom Kanton mitgebrachte vorgefertigte Vertrag liess keinen Verhandlungsspielraum zu, den Besetzenden wurde ein Räumungsultimatum gestellt», schrieb die bärner studizytig damals. Der Grund für die unnachgiebige Haltung des Kantons war die Einsturzgefahr.

Grund für die unnachgiebige Haltung des Kantons war die Einsturzgefahr. Daraufhin nahmen die Besetzer*innen einige Arbeiten vor. (Foto: Sam von Dach)

Die Besetzer*innen nahmen diese Bedenken ernst, erarbeiteten mit Fachleuten ein Sicherheitskonzept und nahmen entsprechende bauliche Massnahmen vor. So konnten die Verhandlungen mit dem Kanton weitergehen und schliesslich einigte man sich auf eine Zwischennutzung. Somit war die Belebung des Hauses legalisiert und das Kollektiv konnte sich ganz auf die verschiedenen Angebote konzentrieren. In dieser Zeit nahmen die Fabrikool-Menschen einige Arbeiten am Haus vor. Sie renovierten beispielsweise Böden und setzten neue, besser isolierte Fenster ein.

Nach dem Verkauf galt das Gebäude wieder als besetzt

Nach einem Jahr entschied sich der Kanton dazu, das Gebäude im Baurecht abzugeben und schrieb es öffentlich aus. Damit hatte auch das Fabrikool-Kollektiv die Möglichkeit, ihr Nutzungskonzept einzugeben. Die Besetzer*innen konnten sich aber die Kosten für die Instandsetzung sowie den Baurechtzins nicht leisten.

So schloss der Kanton den Kaufvertrag mit dem damaligen Architekturbüro Hebeisen + Vatter ab – zu einem symbolischen Preis von einem Franken, wie es bei der Bau- und Verkehrsdirektion des Kantons Bern (BVD) auf Anfrage heisst. Der symbolische Preis rühre daher, dass das Gebäude baufällig und die nötigen Investitionen entsprechend hoch waren, schreibt die BVD weiter. Der Baurechtsnehmer bezahlt ausserdem einen marktüblichen Zins.

Über den Verkauf informierte der Kanton im Herbst 2018. Aus Protest kündigte das Fabrikool-Kollektiv den Zwischennutzungsvertrag fristlos und erklärten das Gebäude wieder für besetzt. Der Kanton forderte die Besetzer*innen auf, das Gebäude innerhalb einer bestimmten Frist zu verlassen. Mehrere solcher Fristen liess das Kollektiv verstreichen, ohne die Zelte abzubrechen. An friedlichen Demonstrationen protestierten sie und ihre Sympathisant*innen für einen Verbleib und gegen das Vorgehen des Kantons.

Als die ehemalige Schreinerei noch besetzt war. (Foto: Sam von Dach)

Anfang Mai 2019 liess der Kanton das Gebäude mit einem grossen Polizeiaufgebot räumen. Das Aufgebot war allerdings nicht nötig: Zum Zeitpunkt der Räumung befand sich niemand mehr in der ehemaligen Schreinerei.

Für den Zaun zahlte lange der Kanton

Am Tag der Räumung erhielt das Holzhaus ein neues Accessoire; ein vier Meter hoher Zaun ummantelte plötzlich die ehemalige Schreinerei, zu seinen Füssen und am oberen Ende kringelte sich Stacheldraht der Kante entlang. Eine Plakette zeigte das Logo der Sicherheitsfirma, die von nun an das Haus überwachte.

Eine ganze Generation Studierender wird das Gebäude wohl nur als «Haus mit dem Zaun» gekannt haben.

Der Verkauf, die Räumung, der Zaun – das alles empörte und verstörte. Dass Freiräume nur solange möglich sind, bis eine kommerzielle Nutzung daher kommt, sorgte für Ernüchterung. Es gab weitere friedliche Demonstrationen und Kundgebungen. An einem Abend Ende Mai errichteten Unbekannte Barrikaden auf den Strassen rund um die Reitschule und lieferten sich Strassenschlachten mit der Polizei. In einem Communiqué nahmen einige von ihnen Bezug auf die Fabrikool-Räumung. Die Mediengruppe der Reitschule verurteilte damals die Gewalt.

Um das Haus an der Fabrikstrasse blieb es hingegen ruhig. Für die Sicherheitsfirma wurde die Überwachung wohl bald zum Routinegang. Der Zaun hingegen blieb und das Haus damit leer. Für lange Zeit. Eine ganze Generation Studierender wird das Gebäude wohl nur als «Haus mit dem Zaun» gekannt haben.

Für die Überwachung der ehemaligen Muesmatt-Schreinerei kam lange der Kanton auf. «Der Vertrag für die Arealüberwachung ging mit Nutzen und Gefahr nach Vorliegen der rechtskräftigen Baubewilligung per 1. Juli 2023 auf die Baurechtsnehmerin über», schreibt die BVD auf Anfrage. Das heisst, gut vier Jahre lang bezahlte der Kanton die Sicherheitsfirma. Und zwar 1’476.65 Franken im Monat, wie es bei der BVD weiter heisst. Insgesamt dürfte der Kanton also mehr als 70’000 Franken für die Überwachung des Gebäudes ausgegeben haben.

Eine Geschichte, an die es sich zu erinnern lohnt

Weshalb war es so lange still um das Haus? Weshalb dauerte es so lange, bis die Baubewilligung vorlag? Verschiedenen Medienberichten und der Website der «Halle 16» zufolge, waren sich der Architekt Manuel Vatter und die Denkmalpflege lange nicht einig.

Streitpunkt war beziehungsweise ist der Dachstock des Gebäudes. Nach seinen Plänen hätte der Architekt einige Balken versetzen müssen. Davon wollte die Denkmalpflege aber nichts wissen. Manuel Vatter entschied sich gegen den Ausbau des Dachstocks. Hier hätten WG-Zimmer für rund 700 Franken im Monat entstehen sollen. Laut Denkmalpflege wäre dies auch ohne den Eingriff in die Dachkonstruktion möglich gewesen.

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Nun blieben also die Foodboxen und Bar im Erdgeschoss und die teuren Studi-Zimmer im Obergeschoss. Neun Jahre nach der ursprünglichen Belebung gehen wieder Menschen ein und aus, in der ehemaligen Schreinerei Muesmatt. Ob das Angebot den Bedürfnissen des Quartiers entspricht, wird sich zeigen müssen.

Zu hoffen bleibt, dass die Geschichte des Hauses und der Grund, weshalb wieder Leben in die Bude kam, nicht in Vergessenheit geraten. Besetzt wenige Tage nach der Räumung an der Effingerstrasse 29, zeigte das Fabrikool, dass ein konstruktiver Dialog möglich ist und dass in einer Zwischennutzung viel Inspirierendes entstehen kann. Die Geschichte des Fabrikool zeigt aber auch, dass die Eigentümer*innen trotzdem am längeren Hebel sitzen und dauerhafte Lösungen für Freiräume noch weit entfernt sind.