Mit vier Jahren sammelte Sophie Chioma Gerber im Wohnzimmer erste «Bühnenerfahrung», die eigene Familie war das erste Publikum. «Die mussten immer zuschauen», erzählt Sophie lachend.
Mit fünf kam Sophie an die New Dance Academy nahe dem Berner Bahnhof, wo Vivi Lang, eine Freundin der Familie, unterrichtete. Dort ging bei einem Baby Freeze, einer Figur aus dem Break-Dancing, der erste Milchzahn verloren.
Wir treffen Sophie im Rosengarten und setzen uns auf den grossen Rasen. Für Anfang Oktober ist es noch warm, rundherum wird gepicknickt und Frisbee gespielt. Sophie hat eine grosse Wasserflasche und Notizen auf dem Handy dabei. Vor kurzem hat Sophie mit der queerfeministischen Rapcrew ETO im ausverkauften Dachstock das Debütalbum «Sibcity» getauft.

«Ich habe nie gefreestyled»
An der New Dance Academy ging es vor allem um kommerzielle Jobs. Mit zehn stand Sophie im Westside mit Detlef D! Soost auf der Bühne. Freestyle war damals kein Thema. «Im kommerziellen Tanz weisst du in jedem Moment, was du machen musst», sagt Sophie. «Es geht um die Show und um Kontrolle über den Körper.»
Nach dem Sportgymnasium wollte Sophie nach London, um in die kommerzielle Tanzwelt einzusteigen und bei Auditions für Jobs vorzutanzen. Dann machte die Coronapandemie einen Strich durch die Rechnung. Eine Ausbildung war eigentlich nicht geplant, bis Sophie die Höhere Fachschule für zeitgenössischen und urbanen Bühnentanz in Zürich entdeckte, damals einer der wenigen Orte, an denen man trotz der Pandemie noch trainieren durfte.
Die Fachschule eröffnete neue künstlerische Zugänge, insbesondere Improvisation, auf Englisch: Freestyle. «Das ist ironisch. Freestyle kommt nicht aus einer Schule. Er kommt daher, dass Leute zusammen Musik abspielten und dazu tanzten.» Als Kind im Wohnzimmer hatte Sophie ganz von selbst getanzt. Jetzt kam zum ersten Mal seit Langem wieder der Mut, sich fernab von Choreos zu bewegen.
In der Schule prägte der Tänzer Ivan Wolfe Sophie mit einer Übung namens «Authentic Movement». Man steht mit geschlossenen Augen im Raum, ohne Musik, und lässt den Körper entscheiden, wie er sich bewegen soll. «Am Anfang ist das seltsam. Du denkst: Wenn ich mich jetzt bewege, habe ich es ja entschieden.» Mit der Zeit wurde es befreiend. Heute läuft manchmal einfach ein Hip-Hop-Track, und Sophie wartet ab, was passiert. Ein Bounce komme immer, oder ein Kopfnicken. Darin liegt bis heute die Faszination: «Man hört Musik, bewegt sich dazu, und es bewegt einen innerlich wie äusserlich.»
Freestyle kommt nicht aus einer Schule. Er kommt daher, dass Leute zusammen Musik abspielten und dazu tanzten.

Die Hype-Person
ETO, das sind Freund*innen aus der Kindheit, zwei davon aus der Schulzeit. Als die anderen anfingen, zu rappen und Beats zu produzieren, war Sophie einfach dabei. Den ersten Auftritt, am Marzili-Fest, organisierte die Mutter. Einen eigenen Rap-Part gab es damals noch nicht. Trotzdem stand Sophie auf der Bühne, als «Hype-Person», so die eigene Beschreibung. Dabei geht es darum, das Publikum zu animieren, mit Tanz, der dem Auftritt von ETO eine neue Ebene verleiht. «Dadurch waren Tanz und Rap von Anfang an gleichwertig.»
Der Weg ans Mikrofon führte über einen krankheitsbedingten Ausfall. Sophie kannte die Parts und sprang ein. «Da habe ich gemerkt: Das macht mega Spass.» Seither übernimmt Sophie an Konzerten immer wieder Parts und hat fürs Album wieder angefangen zu schreiben und zu rappen. Die ersten Texte entstanden mit zwölf, zusammen mit der Cousine, auf Englisch.
Beim Rappen hilft der Tanz, vor allem für den Rhythmus. Und vom Freestyle weiss Sophie, wie man dramaturgisch einen Part aufbaut. Im Song «Primetime» rappt Sophie eine Zeile, die eigentlich eine Tanzanweisung ist: «vor, zrügg, Bounce, aha». «Ich bin stark im Flow, weniger stark mit Bildern oder Metaphern. Da bin ich noch nicht so weit.»
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Tanz nach vorne
Auf vielen Rap-Bühnen gilt Tanz weniger als Rap. Wird doch getanzt, sieht es oft so aus, wie Sophie es beschreibt: «sexy angezogene Frauen, die sexy Bewegungen machen.» Bei ETO wollte Sophie das aufbrechen. Die Crew zog mit. Die anderen sagten: «Wenn eine Choreo passiert, soll sie nicht hinter uns passieren, sondern vor uns. Sonst sind wir nur im Weg.»
Ein Vorbild hatte Sophie dafür nicht. Erst im Nachhinein hätten einige gesagt, im K-Pop gebe es das ja oft, ganze Gruppen, die auch tanzen. Und bei Superstars wie Beyoncé oder Zara Larsson sei Tanz ebenfalls wichtig. «Aber dann ist halt immer alles durchgetaktet», sagt Sophie. Bei ETO soll die Grenze verwischen, wann etwas spontan ist und wann choreografiert.
Nur tanzten nicht alle von Anfang an gern auf der Bühne. Rea, eine der Rapper*innen, tanzt selbst Breakdance. Andere standen das ganze Konzert lang am gleichen Fleck, rechts aussen, zeigten wenig Bewegung. Vor der Tour traf sich die Crew anderthalb Monate lang jeden Montag. Sophie gab Tanzinputs. Alle liefen durch den Raum, viermal im Bounce gehen, viermal im Bounce stehen, und probierten vor dem Spiegel Posen aus. Wichtig war, dass sich alle wohlfühlen und niemand eine Choreo tanzt, ohne zu wissen, warum. Die Person vom rechten Rand sei richtig aufgeblüht und habe Freude am Tanzen gefunden.
Die Choreos entstehen oft auf Sophies Handy. Darauf sind unzählige Videos: Ein Song wird durchgetanzt, Anweisungen werden ins Video geschrien. Auf der Bühne arbeitet ETO mit Formationen, ähnlich wie im Fussball. Jede Person kennt ihre Position, aber wann wer wohin geht, ist nicht fixiert. Sophie nennt das «organisierte Spontaneität».

Drei Minuten ohne Plan
Wie gut das funktioniert, zeigte sich an der Plattentaufe im Dachstock. Nach einer Stunde Konzert legte die Crew mitten im Publikum einen schwarz-weiss karierten Tanzboden aus, für einen Cypher. Ein Cypher ist ein Kreis, in dem sich Menschen beim Tanzen unterstützen. Eine Person tritt in die Mitte und zeigt ihre Schritte, die anderen schauen zu, halten den Raum und feuern die tanzende Person an. Je mehr die Leute reingehen, desto besser wird er.
Fünf Minuten hätte der Cypher dauern sollen. Nach zwei Minuten war er wegen eines Missverständnisses vorbei. Geplant war danach nur eine kurze Überleitung: zwei Tanzschritte mit dem ganzen Publikum, bis über die In-Ears das Zeichen kommt, dass es weitergeht. Das Zeichen kam nicht. «Ich dachte nur: Scheisse, wann kommt es endlich?», erzählt Sophie. Also wurde improvisiert, drei Minuten lang, mit dem ganzen Saal. Runter, rauf, vor, zurück. Gemerkt hat es niemand.
«Bei einer durchgetakteten Show hiesse es jetzt: alles verkackt», so Sophie. «Wir haben es als Chance genutzt.» Dabei war die Nervosität an diesem Abend so gross wie selten, die Knie zitterten schon am Tag davor.
Wie weit Tanz tragen kann, zeigt der Song «Squads». Die Choreo dazu hat sich verbreitet, ohne dass ETO je ein Video davon gepostet hätte. Die queere Tanzcrew Unapologetic mit rund 50 Leuten aus mehreren Deutschschweizer Städten feierte den Song und lernte die Schritte. Eine Zeit lang war das Fussballteam aus Ostermundigen das lauteste Publikum, es kannte alle Songs. Inzwischen können die Leute an den Konzerten die Choreo schon, bevor Sophie sie vorzeigt.

Keine Excuses
Neben ETO tanzt Sophie weiterhin kommerziell und in kulturellen Tanzproduktionen. Lange fühlte sich das wie zwei Welten an, jetzt wachsen sie langsam zusammen. «Es ist ja immer die gleiche Person, mit einer Emotion, einem Charakter oder einer Message», findet Sophie.
Ich glaube, das ist der grösste Konflikt. Wenn ich meine Praxis nicht machen kann, verliere ich die Verbindung zum Tanz.
Schwieriger ist das Zeitmanagement. Mit ETO ist viel los, fürs Training bleibt weniger Zeit. Manchmal steht eine Tanzshow an, und Sophie würde eigentlich lieber einfach trainieren. «Ich glaube, das ist der grösste Konflikt. Wenn ich meine Praxis nicht machen kann, verliere ich die Verbindung zum Tanz.»
Ausgerechnet bei ETO ist das kein Problem. Auf dieser Bühne zählt nicht die Technik, sondern die Freude an der Bewegung. «Es geht nicht darum, wie krass du tanzt. Es ist nur schon krass, dass du dich bewegen kannst.» Dass Sophie gerade weniger trainiert, kommt dort sogar gelegen.
Das soll auch beim Publikum ankommen. Zu wenige Leute bewegen sich an Konzerten, findet Sophie. Am Ende der Plattentaufe, bei «Primetime», wurde der Saal in die Pflicht genommen: «Ihr habt jetzt keine Excuses. Ihr habt ja ein paar Tanzschritte gelernt.»
Sophie Chioma Gerber fühlt sich beim Tanzen sicher. (Foto: David Fürst)
