Es ist die Struktur, die sich wandeln muss

von Noah Pilloud 24. März 2026

Antirassismus Auch wenn sie es gerne wären: Kulturinstitutionen sind immer noch nicht wirklich divers und inklusiv. Menschen, die Rassismus erfahren, treffen auf Schwellen und Hürden. Ein Podium anlässlich der Aktionswoche gegen Rassismus nahm sich diesem Thema an.

Die Frage bleibt in der Luft hängen und schwebt zwischen den Köpfen der Podiumsteilnehmer*innen und der Stuckdecke des Foyers im Berner Stadttheater. «Seid ihr gewillt, dafür einige langjährige Dauerkartenbesitzer*innen zu verlieren?» Die Frage gestellt hat der Musiker und Schauspieler Yannis Maviaki, auch bekannt unter seinem ehemaligen Musikernamen Z the Freshman, gerichtet war sie an Bühnen Bern als städtische Kulturinstitution, die Schwellen abbauen will, um diverser und inklusiver zu werden.

Wie ernst es Institutionen damit ist, zeigt sich dann, wenn Diversität nicht einfach ein nettes Extra ist, sondern wenn sie kostet. Die Frage bringt das Dilemma, in dem sich Bühnen Bern befindet, also auf den Punkt. Denn natürlich können sich auch subventionierte Häuser der kapitalistischen Logik entziehen. Doch damit sie Schwellen und Hürden abbauen können, müssen sie aktiv Raum schaffen.

Noch schlimmer, als nicht angefragt zu werden, ist es, ein Token zu sein.

Über Fragen rund um Schwellen in Kulturinstitutionen diskutieren anlässlich der städtischen Aktionswoche gegen Rassismus an diesem Sonntagnachmittag neben Maviaki die Choreografin und Tänzerin Baba Altenburger sowie der Schauspieler und Theaterpädagoge Mbene Mwambene. Zum Podium eingeladen hat Bühnen Bern, moderiert wird es von der freien Schauspielerin Gulshan Sheikh und der Theaterpädagogin Fabienne Biever.

So unterschiedlich die Wege sind, auf denen die Podiumsteilnehmer*innen zur Kunst gelangt sind, so sehr ähneln sich ihre Erfahrungen mit Rassismus und Schwellen auf ihrem Weg: Manche Rollen oder Funktionen blieben ihnen lange verwehrt, zugehört wird ihnen vor allem dann, wenn es darum geht, über Rassismuserfahrungen zu sprechen.

Gulshan Sheikh, Baba Altenburger, Mbene Mwambene, Yannis Maviaki und Fabienne Biever (v.l.) diskutierten im Stadtteater über Inklusion und Schwellen in Kulturinstitutionen. (Foto: David Fürst)

«Noch schlimmer, als nicht angefragt zu werden, ist es, ein Token zu sein», sagt Baba Altenburger. Eine Person also, die engagiert wird, damit eine Institution sich als progressiv und divers verkaufen kann. Oft sind diese Personen allein oder in einer Minderheit, was dazu führt, dass sie mit ihren Rassismuserfahrungen allein dastehen und zusätzlich die mentale Arbeit verrichten müssen, ihren Kolleg*innen Rassismus zu erklären. «Ich bin auch hier aufgewachsen, alles Wissen das ich über Rassismus habe, musste ich mir über Bücher aneignen – also könnt ihr das auch», sagt Altenburger.

Die Erfahrungen der Podiumsteilnehmer*innen zeigen: Es muss noch viel geschehen, damit Hürden endlich verschwinden. Mit gutem Willen ist es nicht gemacht, was es braucht, sind strukturelle Veränderungen.

Der Wandel muss auch hinter der Bühne stattfinden

Im Gespräch im Anschluss ans Podium erklären Gulshan Sheikh und Baba Altenburger genauer, was mit strukturellen Veränderungen gemeint ist. «Aus meiner Sicht braucht es in den Institutionen noch sehr viel Sensibilisierung», meint die Freie Schauspielerin Gulshan Sheikh. Wichtig ist ihr, zu betonen, dass diese Entwicklungen von den Institutionen angestossen werden müssen.

Damit Schwellen sowohl im Amateur*innen-Bereich abgebaut werden, wie im professionellen Bereich, kann Repräsentation eine wichtige Rolle spielen. «Wenn ich als Schwarzes Mädchen jemanden in der Hauptrolle auf der Bühne sehe, der so aussieht wie ich, kann ich mir eher vorstellen, hier auch einen Platz zu haben», erklärt Baba Altenburger. Dennoch ist die Tänzerin und Choreografin überzeugt, dass Wandel nicht zwingend auf der Bühne beginnen muss.

Foto: David Fürst

Ein diverses Ensemble sei für sie oft nur Kosmetik, erklärt Altenburger: «Die Institutionen sollen sich hinterfragen, wie es hinter der Bühne aussieht.» Wer entscheidet, was gespielt wird? Wer sind die Choreograf*innen, wer die Regisseur*innen? Diese Fragen müssen sich die Institutionen stellen, meint Altenburger.

Dabei geht es nicht nur darum, wer diese Positionen besetzt, ergänzt Gulshan Sheikh, sondern auch darum, dass sie ihr Handeln reflektieren: «Sie müssen sich überlegen, aus welchen Gründen sie sich für ein bestimmtes Stück entscheiden, und welches Publikum sie damit ansprechen.» Hier sieht Sheikh noch viel Luft nach oben. «Es muss erkennbar werden: Hier wird nicht nur divers gespielt; das ganze Haus ist divers.»

Wieso auch Klassismus eine Rolle spielt

Zu einem diversen Haus gehört ein diverses Publikum. Im Gespräch wird immer wieder klar, dass es den beiden nicht nur eine Rolle spielt, wer an den Projekten beteiligt ist, sondern auch, für wen sie überhaupt umgesetzt werden. Machen die Institutionen Kunst für ein elitäres Publikum, stehen auch bei Diversität und Inklusion unter diesen Vorzeichen.

Echte Diversität hingegen entstehe dann, wenn sich die Kunst auch an ein diverses Publikum richtet. «Dafür müssen die Institutionen einen Schritt auf jene Menschen zu machen, die sie im Publikum haben wollen», erklärt Gulshan Sheikh und ergänzt, «sie müssen die Themen aufgreifen, die jene Leute beschäftigen.»

Foto: David Fürst

Dass das Publikum oft sehr weiss und bildungsbürgerlich daherkommt, habe jedoch nicht nur mit den Inhalten zu tun, weist Baba Altenburger darauf hin: «Die Intersektion von Rassismus und Klassismus spielt hier eine Rolle.» Von Rassismus betroffene Menschen hätten etwa oft die Ressourcen nicht, regemässig ins Theater zu gehen. Denn Menschen mit Rassismuserfahrungen sind überproportional von Armut betroffen, zudem verstärkt Rassismus soziale Ungleichheit. Dies habe wieder zur Folge, dass Menschen mit Rassismuserfahrungen weniger Räume finden, für Tanz oder Schauspiel und damit in den Institutionen untervertreten sind.

Um diesen gordischen Knoten zu lösen, braucht es Zeit und Geduld, es braucht den Willen, Privilegien abzugeben und zu teilen. Vor allem aber braucht es einen beherzten Ruck, um eine Entwicklung in Gang zu setzen. Und der muss von den Institutionen aus kommen und von jenen die bisher von der strukturellen Ungleichheit profitiert haben. Denn die von Rassismus betroffenen Menschen sind es müde, ständig Erklärungen und Lösungen liefern zu müssen.

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