Heute hält sie es zum ersten Mal in den Händen – noch vor der Arbeit hat Lorena Müllerin die Buchexemplare bei der Post abgeholt. Nun sitzt sie im Innenhof des Berner Generationenhauses und klappt den frisch gedruckten Einband auf.
Das Buchcover zieht sich über alle vier Seiten des Buches, auch über die Innenseiten des Buchdeckels. Erst aufgeklappt fügen sich die grossen, schwarzen Buchstaben zu den Worten: «Friere ich». Gestaltet hat es die Berner Künstlerin Leila Šurković. «Leilas Überlegung dahinter war, dass manche Hilferufe so gross sind und trotzdem nicht gehört werden», erklärt Müllerin. «Auf den ersten Blick fragt man sich vielleicht, warum die Buchstaben so angeordnet sind. Aber das Gefühl dahinter ist grösser als das geschriebene Wort.»
Der Titelsatz «In der stärksten Mittagssonne friere ich» stammt aus einer der neun Geschichten, die die junge Bernerin in Ich-Perspektive erzählt. Die Geschichten beruhen auf den Erfahrungen von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Sie sind anonymisiert und fiktionalisiert, bleiben aber in ihrem Kern an reale Erlebnisse gebunden. Es sind Geschichten über Gewalt, die nicht immer so aussieht, wie der Begriff vielleicht vermuten lässt. Im Buch geschieht sie in der Ferienhütte, im Maisfeld oder im Teenagerzimmer. Der Täter ist der ‘Boyfriend’, der Freund der Eltern, der Kumpel.
Über den «nicht einfachen» Lesestoff schreibt Lorena Müllerin im Prolog: «Ich musste ihn schreibend festhalten, weil die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt, die mich und viele andere prägen, nach einer Sprache verlangen». Bis heute sei dies Kern ihres Schreibens: Worte finden für das, was sich nicht einfach sagen lässt.
Eine Realität existiert erst, wenn wir sie ausdrücken können. Solange uns das Vokabular fehlt, bleibt sie unsagbar.

Wenn die Begriffe nicht reichen
Müllerin beschäftigt das Thema schon lange. Während einer Awareness-Schulung zur Prävention sexualisierter Gewalt des Vereins Flirt Don’t Hurt begann sie sich zu fragen, wie über etwas gesprochen werden kann, das häufig als unaussprechlich gilt. «Eine Realität existiert erst, wenn wir sie ausdrücken können», sagt sie. «Solange uns das Vokabular fehlt, bleibt sie unsagbar.»
Die bestehende Sprache über sexualisierte Gewalt sei oft aus der Perspektive der Täterschaft geprägt und lasse keinen Raum für die breite Palette an Emotionen, die eine betroffene Person durchlebt. «Wir haben nur diese riesigen, schweren Überbegriffe. Ein Wort wie ‹Vergewaltigung› ist so belastet, dass man meint, es nur für die extremsten Fälle verwenden zu dürfen. Dadurch verliert es seine Alltäglichkeit im Diskurs – obwohl viele alltägliche Grenzüberschreitungen de facto Vergewaltigungen sind.»
Als Referenz nennt sie Kübra Gümüşays «Sprache und Sein». Gümüşay beschreibt darin, wie Sprache Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern mit hervorbringt: Was benannt werden kann, wird denkbar, sichtbar und verhandelbar.

Neun Stimmen, eine literarische Klammer
Entstanden ist das Buch aus Müllerins Masterarbeit im Studiengang Kulturpublizistik an der Zürcher Hochschule der Künste. Am Anfang stand eine lange Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt, die sich durch Reflexion eigener Erfahrungen, Gespräche mit Freund*innen und die Beschäftigung mit unterschiedlichen Formen des Sprechens über sexualisierte Gewalt zog. Daraus entstand der Wunsch, Betroffenen zuzuhören.
Es fühlte sich an, als könnten wir diese Last, die Betroffene oft allein tragen, ein Stück weit teilen und dadurch verkleinern.
Über einen Aufruf auf Instagram fand sie Menschen, die bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen. «Dass mir diese Menschen so viel Vertrauen geschenkt haben, hat mich tief berührt», sagt Müllerin. «Es fühlte sich an, als könnten wir diese Last, die Betroffene oft allein tragen, ein Stück weit teilen und dadurch verkleinern.»
Am stärksten wog diese Verantwortung beim Transkribieren. Sie hörte die Aufnahmen immer wieder an: «Mir war wichtig, nichts wegzulassen oder hinzuzufügen. Ich wollte die Definitionsmacht der Betroffenen über ihre eigene Geschichte respektieren.» Diese Phase war das Schwerste für die Autorin: «Die Intensität habe ich völlig unterschätzt.»
Aus den Gesprächen entstanden neun literarische Texte. Jede hat ihre eigene Tonalität, mal finden sich Anglizismen, mal nicht. Eine gemeinsame literarische Handschrift hält sie dennoch zusammen. Die Gewitterwolke etwa wird zur Metapher für etwas Bedrohliches, Invasives und Unberechenbares, das plötzlich aufzieht und einen ganzen Tag verändert. «Über solche Bilder versuche ich Gefühle spürbar zu machen, die schwer nachzuvollziehen sind, wenn man selbst nichts Vergleichbares erlebt hat», sagt Müllerin

Mit dem Buch möchte sie verschiedene Zugänge öffnen: «Die neun Geschichten bieten die Chance, sich in irgendeiner Form wiederzuerkennen – als betroffene oder als aussenstehende Person. Der darauffolgende Essay schlägt die Brücke: Er zeigt, dass diese neun Personen mitten unter uns sitzen könnten und dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, nicht um Einzelfälle.»
Gerade Männer aus ihrem Umfeld sagten ihr nach der Lektüre, sie hätten das Thema noch nie über einen so emotionalen, literarischen Zugang erfahren. «Es geht tiefer als ein sachlicher oder juristischer Text.» Wo Statistiken und Fachbegriffe abstrakt bleiben, macht Müllerin über die neun Geschichten ein Gefühl greifbar. Originell ist dabei, dass Müllerin einen literarischen Raum schafft und den Stimmen darin trotzdem ihre Eigenständigkeit lässt. Wie treffsicher ihr das gelingt, wühlt einen als Leser*in auf. Nicht umsonst empfiehlt die Autorin im Prolog, beim Lesen Pausen einzulegen und sich Zeit zu lassen, das Gelesene zu sortieren.
Ihr war auch wichtig, dass nichts wie ein Polizeibericht klingt: Die gewaltausübende Person bleibt in den meisten Geschichten bewusst vage im Hintergrund, während Perspektive und Gefühlswelt der Protagonistin im Zentrum stehen.

Ein Buch der geteilten Verantwortung
Dass Müllerin so genau hinschaut und benennt, kommt nicht von ungefähr. Ihre Mutter, der sie das Buch widmet, hat es ihr vorgelebt: Sie benennt Ungerechtigkeiten klar und direkt. Dieses gemeinsame Benennen habe sie geprägt.
Ein Tagebuch-Kind war sie nie, und auch heute schreibt sie entgegen dem Klischee nicht nächtelang durch, bis ein Text steht – lieber an belebten Orten, wie hier im Innenhof des Berner Generationenhauses. Die grosse Papiertasche mit der frisch gedruckten ersten Auflage steht nun, wenige Tage vor der Veröffentlichung, verheissungsvoll neben ihr. Sie sei voller Vorfreude und auch aufgeregt, wie das Buch ankomme.
Vielleicht gibt das Buch ihnen ein Wort oder den Mut, die eigene Geschichte irgendwann selbst zu erzählen.
«Betroffenen wünsche ich ein kollektives Gefühl der Solidarität: Ihr seid nicht allein. Vielleicht gibt das Buch ihnen ein Wort oder den Mut, die eigene Geschichte irgendwann selbst zu erzählen. Nichtbetroffenen wünsche ich, wirklich hinzuhören und hinzusehen, im Alltag aufmerksam zu sein. Und vor allem: eine Verschiebung der Verantwortung. Es darf nicht länger Aufgabe der Betroffenen sein, die Aufklärungsarbeit zu leisten.»
Vollständigkeit beansprucht das Buch nicht. «Sexualisierte Gewalt ist ein riesiges Thema, mein Buch zeigt nur einen Ausschnitt», sagt Müllerin. «Es soll ein Anstoss sein, mehr zu lesen, zu lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Geschichten im Buch sind wahr, sie stehen für sich – aber stellvertretend für unzählige andere Stimmen, die ungehört bleiben.»
«In der stärksten Mittagssonne friere ich» erschien am 11. August 2026 im Lenos Verlag und lässt sich hier bestellen.

Sorgt mit ihrem ersten Buch für Aufsehen: Lorena Müllerin (Foto: David Fürst)