Eine Zahl wird zum Politikum

von Noah Pilloud 9. Juni 2026

Polizeigewalt Die städtische Politik beschäftigt sich nach wie vor mit der Aufarbeitung der Geschehnisse rund um die Palästina-Demo im Oktober. Die Antwort des Gemeinderats auf eine Interpellation aus dem Stadtrat zur Zahl der Verletzten wirft für PdA-Stadtrat Matteo Micieli zusätzliche Fragen auf.

Die Demonstration vom 11. Oktober in Bern beschäftigt die städtische Politik nach wie vor, so sind immer noch einige Vorstösse dazu hängig. Im Januar hat die Stadtregierung die Geschehnisse rund um die Ausschreitungen an der Kundgebung in einem Bericht politisch aufgearbeitet.

Die Angaben, die der Gemeinderat darin zur Anzahl der Verletzten gemacht hatte, zog einen weiteren Vorstoss aus dem Stadtrat nach sich: In einer Interpellation wollten Vertreter*innen von der Partei der Arbeit (PdA), der Alternativen Linken (AL) und Tier im Fokus (TiF) Genaueres erfahren. Insgesamt stellen die Interpellant*innen darin 24 Fragen an den Gemeinderat.

Damit wollten die Interpellant*innen unter anderem herausfinden, weshalb sich der Gemeinderat im Bericht vor allem auf die Zahlen der Kantonspolizei Bern stützt. Diese hat eigenen Angaben zufolge Kenntnis von einer verletzten Person, beziehungsweise hat sich eine verletzte Person bei der Polizei gemeldet.

Gestern hat der Gemeinderat seine Antwort auf die Interpellation veröffentlicht – und nennt dabei Zahlen, die so bisher noch nicht bekannt waren.

Die Angaben gehen weit auseinander

Neben der im Bericht genannten Zahl der Kantonspolizei kursieren Zahlen, die weit höher sind. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schweiz beispielsweise hat mehrere Dutzend Personen interviewt, die verletzt wurden oder Verletzungen bei anderen Personen beobachtet haben, darunter von Gummigeschossen auf Kopf und Gesicht. Die Organisation stützt sich dabei auch auf eigene Beobachtungen und Auswertung von Bildmaterial. Sie verweist zudem auf Angaben freiwilliger Sanitäter*innen, die von insgesamt 326 Verletzten berichten. Diese führen diverse Verletzungen unterschiedlichen Schweregrads auf wie Schädel-Hirn-Traumas, Verletzungen durch Tränengas, Schnittwunden oder Verbrennungen. Medien wie beispielsweise das Onlinemagazin Republik zitieren ausserdem Zahlen von zwei Personen, die als unabhängige Sanitäter*innen im Einsatz waren. Sie sprechen davon rund 50 Personen behandelt zu haben, darunter zwei Schädel-Hirn-Traumata und acht stumpfe Traumata.

Weshalb weist der Gemeinderat diese Zahlen erst in der Antwort auf die Interpellation aus?

Im Bericht vom Januar erwähnt der Gemeinderat die Zahl von Amnesty zwar, schreibt dazu aber nur, er habe sie nicht annähernd verifizieren können. Konkrete eigene Zahlen nennt der Gemeinderat im Bericht aber nicht.

Anders in der Antwort auf die Interpellation. Daraus geht nämlich hervor, dass der Gemeinderat Kenntnis von höheren Verletztenzahlen hatte. So schreibt er, dass der Rettungsdienst Bern zu fünf Notfällen ausgerückt ist, die Demonstrationsteilnehmende oder an der Demonstration Unbeteiligte betrafen.

Ausserdem hat der Rettungsdienst bei den Berner Notfällen von Inselspital, Lindenhofspital und Hirslanden nach Zahlen gefragt. Insgesamt haben die Notfalldienste rund 30 ambulante Behandlungen im Zusammenhang mit der Demonstration durchgeführt. Darunter fallen vier der Verletzten, die der Rettungsdienst vor Ort behandelt hat. Sie wurden wegen einer oberflächlichen Verletzung der behaarten Kopfhaut, einem Fremdkörper im äusseren Auge, einer Gehirnerschütterung und einem Asthmaanfall in lokale Spitäler gebracht.

(Foto: Kritisches Fotografiekollektiv)

Weshalb weist der Gemeinderat diese Zahlen erst in der Antwort auf die Interpellation aus? Auf Anfrage schreibt Sicherheitsdirektor Alec von Graffenried: «Entscheidend ist die Feststellung gewesen, dass die von Amnesty International genannte Zahl von 326 Verletzten nicht eruiert werden konnte.» Diese Feststellung wie auch die Art der Abklärungen habe der Gemeinderat «im umfangreichen Bericht in angemessener Flughöhe» festgehalten, so von Graffenried weiter.

Der Gemeinderat betont, dass er keine Untersuchungsbehörde ist. Weiter betont er, dass die politische Aufarbeitung mit dem Bericht nicht abgeschlossen sei.

Was hat es mit den 326 auf sich?

Massgeblich für den Gemeinderat war also die Erkenntnis, dass er die von Amnesty genannte Zahl nicht nachprüfen konnte. Eine Zahl, die aufgrund ihrer Höhe berechtigterweise Fragen aufwirft. «Die Zahl stammt nicht von uns, sondern von den unabhängigen Demosanitäter*innen, die an dem Tag im Einsatz waren», sagt Beat Gerber, Mediensprecher von Amnesty International Schweiz sagt auf Anfrage.

(Foto: Kritisches Fotografiekollektiv)

«Wir haben aber mit einigen Dutzend Zeug*innen gesprochen, die entweder selbst Verletzungen erlitten haben, oder solche beobachtet haben», so Gerber weiter. Ausserdem habe Amnesty Bildmaterial ausgewertet, das eindeutige Verletzungen zeige.

Sowohl im Bericht, wie auch in der Antwort schreibt der Gemeinderat, er stehe im Austausch mit Amnesty International Schweiz. Das entsprechende Treffen beschreibt Gerber als «distanziert und einigermassen kritisch». Über konkrete Verletztenzahlen oder die Art der Verletzungen hätten jedoch keine Gespräche stattgefunden.

«Das ist eine reine Schutzbehauptung»

PdA-Stadtrat Matteo Micieli, der die Interpellation verfasst hat, ist empört über die Antwort des Gemeinderates: «Er weicht entscheidenden Fragen immer wieder aus, stellt sich hinter die Polizei und behandelt deren Berichte als die absolute Wahrheit.»

Für den PdA-Stadtrat ist klar: Die Stadtregierung kommt so ihrer Aufgabe nicht nach. Diese sei es, zu überprüfen, ob der Staat in Form von Stadtregierung und Kantonspolizei verhältnismässig und legitim gehandelt habe. Dies tue er nicht, indem er gewisse Informationen vorenthalte: «Dass im Bericht vom Januar die Zahl der 30 Behandlungen in den Notfällen nicht vorkommt, ist ein Skandal und zeigt, wie selektiv der Gemeinderat kommuniziert und dass er gewisse Informationen aus politischen Gründen weglässt.»

Fragen bleiben auch für den Stadtrat Matteo Micieli offen, vielleicht sogar mehr als vor der Antwort auf seine Interpellation

Störend ist aus Micielis Sicht auch, dass der Gemeinderat die Zahlen der Polizei unhinterfragt übernimmt, alle anderen Berichte aber als nicht verifizierbar darstellt. Dies wertet Micieli als reine Schutzbehauptung: «Es gibt Videos, Fotos, sehr detaillierte Medienberichte und in einem Fall sogar einen Spitalbericht.»

Aus einem entsprechenden Bericht zitiert auch die Republik in einer Recherche. Der Bericht beschreibt einen Riss in der Netzhaut, der nach einem Trauma durch Gummischrot entstand.

Es bleiben offene Fragen

Wie viele Verletzte es am Ende waren, das wird wohl immer eine offene Frage bleiben. Wer sich wann wie behandeln liess, ist schlicht zu schwierig nachzuvollziehen. Nach all den Angaben, die bisher bekannt sind, dürfte sich die Zahl aber mindestens im zweistelligen Bereich bewegen.

Weshalb die Zahlen so weit auseinandergehen, das ist eine andere Frage. Das hat einerseits damit zu tun, welche Berichte man als glaubwürdig genug einstuft. Der Gemeinderat scheint hier besonders vorsichtig zu sein.

Bist du schon Mitglied?

Das Online-Magazin Journal B macht seit 14 Jahren Journalismus für Bern. Wir finanzieren uns grossteils über Mitgliederbeiträge. Bist du schon dabei?

Andererseits hat es damit zu tun, was man genau zu den Zahlen der Verletzten zählt. Der Gemeinderat schreibt dazu: «Es gilt hier zwischen Meldungen von verletzten Personen bei der Polizei und durch den Rettungsdienst resp. die Notfalleinrichtungen behandelte Personen zu unterscheiden.» Weshalb diese Unterscheidung für ihn relevant ist, schreibt der Gemeinderat nicht. Er verweist aber auf die Vorstossantwort, in der er schreibt, dass die Polizei in jenen Fällen, in denen sie selbst Personen behandelt hat, Personalien aufgenommen habe um gegebenenfalls spätere Meldungen zu Verletzungen zu ermöglichen. Solche Meldungen seien, bis auf die eine, keine weiteren eingegangen.

Dass sich nur eine verletzte Person bei der Polizei gemeldet hat, liegt für Beat Gerber von Amnesty International Schweiz wegen der starken Repression auf der Hand: «Bei all den Verhaftungen und eingeleiteten Strafverfahren, ist eine Meldung bei der Polizei sicher nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt.»

(Foto: Kritisches Fotografiekollektiv)

Fragen bleiben auch für den Stadtrat Matteo Micieli offen, vielleicht sogar mehr als vor der Antwort auf seine Interpellation. «Uns ist zudem nicht klar, wie es nun weiter geht: Werden die Ereignisse unabhängig und neutral aufgeklärt? Hat der Gemeinderat überhaupt ein Interesse daran?»

Aus dem Stadtrat werden also wohl noch einige Fragen kommen. Und bei zukünftigen Ausschreitungen wird die Zivilgesellschaft die offiziellen Zahlen bestimmt kritischer betrachten.