Schon mal von Caroline Farner gehört? Die 1842 geborene Thurgauerin war die zweite promovierte Schweizer Ärztin, führte eine eigene Praxis in Zürich, gründete eine Frauenklinik und ein Kurhaus für Frauen, war Vorsteherin der Frauenbewegung Fraternité, Herausgeberin der Zeitschrift «Philanthropin» und präsidierte über mehrere Jahre den Zürcher Frauenverein. Dr. med. Caroline Farner ist heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten – das Theaterkollektiv «Blaui Socke» zeichnete am diesjährigen «Festival der Satelliten» das Leben der umtriebigen Frauenrechtlerin und Ärztin nach. «Wir wollten uns mit einer Frauenfigur befassen, die kaum in den Geschichtsbüchern vorkommt», erklärt Zoe Knapp vom Kollektiv, «und haben uns gefragt: was an Caroline Farners Leben ist für uns auch heute noch relevant?»

Junge Theaterschaffende aus der ganzen Schweiz
Das «Festival der Satelliten» fand 2015 zum ersten Mal statt. Die Idee: eine Plattform für Theater-, Tanz- und Performanceprojekte junger Erwachsener zu schaffen. Jedes Jahr können sich Gruppen mit einem Produktionskonzept für die Teilnahme am Festival bewerben. Mentor*innen unterstützen die ausgewählten Stücke dann in der Umsetzung. «Dieses Jahr hatten wir über zwanzig Bewerbungen», sagt Projektleiterin Karin Maurer, «so viele wie noch nie». Eine Jury wählte aus diesen fünf Produktionen für das Festival aus. «Dabei achtet sie jeweils auch darauf, eine gewisse Diversität zu kuratieren: im Hinblick auf die Formate, aber auch sprachlich, regional, thematisch.»
Über die Jahre hat sich das Festival für junges Theater von einem bernzentrierten Projekt aus dem Umfeld der Jungen Bühne zu einem Event mit nationaler Ausstrahlung gewandelt. Die diesjährigen Gruppen stammen aus allen drei grossen Sprachregionen der Schweiz. Manche Kollektive haben schon öfters zusammen Theater gespielt, andere wie das Kollektiv hinter dem Theaterstück «Das Patriarchat im Trachtenrock» kannte sich überhaupt nicht und fand erst über Instagram zusammen.
Historisch akribisch recherchiert
Auch das siebenköpfige Kollektiv «Blaui Socke» schloss sich in dieser Zusammensetzung erst für die Festivalbewerbung zusammen. Für das Theaterstück über Caroline Farner recherchierten sie in Archiven und lasen historische Forschungsliteratur. Zur Nachbereitung gibt es fürs Publikum ein Dossier mit noch mehr Hintergrundinformationen und einer zweiseitigen Bibliografie.

Im Stück zeichnet das Kollektiv das Bild einer Frau, die Beeindruckendes geleistet hat, immer wieder aber auch gegen gesellschaftliche Widerstände kämpfen musste. So erhielt Caroline Farner die Promotion durch die Universität erst nach einer zusätzlichen, mündlichen Prüfung. Die enge Freundschaft zur neun Jahre jüngeren Anna Pfrunder wurde oft skeptisch beäugt. Gegen Annas Onkel führten sie einen langwierigen Sorgerechtsstreit um Nichte und Neffe, die die beiden zu sich nehmen wollten.
Das Kollektiv webt gekonnt Quellenzitate in fiktive Dialoge und beschwört mit wenigen Bühnenelementen eine andere Zeit herauf, ohne die heutige aus den Augen zu verlieren. Musikalisch untermalt werden die Szenen von Akkordeonklängen. Das Publikum muss immer wieder lachen – wenn etwa Caroline Farner im Handwerkunterricht verzweifelt einen Faden zerstückelt oder die Medizinstudierenden einen Blumenkohl als Gehirn sezieren – und wird gleich selbst mit Flugblättern beworben. Der Name des Kollektivs und des Stücks – «blaui Socke» – kommt übrigens vom Begriff «Blaustrümpfe»: einer früher oft abwertend verwendeten Bezeichnung für intellektuelle und literarisch interessierte Frauen, später auch Frauenrechtlerinnen. Passend dazu trägt das ganze Kollektiv unter den historisch passenden Kostümen blaue Socken.
Foto: Festival der Satelliten, Lorena Ritschard