Der 26-jährige Berner Fotograf Nico Kobel ist letztes Jahr sechs Monate mit seinem Velo rund 14’000 Kilometer durch Europa gereist. Dass er dabei bis zum Nordkap fahren würde und wieder zurück, war am Anfang der Reise noch nicht klar gewesen: «Mein primäres Ziel war es, loszufahren», erzählt Nico. Das Nordkap sei einfach eine Idee gewesen, die schon länger in seinem Kopf herumspukte.
Ein festes Ziel und vor allem ein Enddatum für seine Reise hatte er sich bewusst nicht gesetzt. Stattdessen wollte er sich maximale Freiheit lassen und einfach mal losfahren. Als sich im Frühling 2025 die Firma auflöste, bei der Nico arbeitete, nutzte er die Gelegenheit und entschied sich aufzubrechen.

Seine Route führte ihn von der Schweiz zunächst Richtung Osten. Über Österreich, Slowakei, Tschechien und Polen ging es weiter durch die baltischen Staaten bis nach Finnland und nach Norwegen zum Nordkap. Danach folgte Nico der norwegischen Küste wieder nach Süden und fuhr über Schweden, Dänemark, Deutschland und Belgien bis nach Frankreich und Spanien.

Sein «Velotürli» hat Nico unter anderem auch auf Polarsteps detailliert festgehalten. Auf der Plattform konnten seine Freund*innen und Verwandten die Reise quasi in Echtzeit miterleben. Jeden Tag postete Nico einen kurzen tagebuchartigen Eintrag mit Fotos und Videos.
Unberührte Wildnis im hohen Norden
Zu den grössten Highlights seiner Reise zählt Nico die nördlichen Regionen Skandinaviens: «Je weiter nach Norden, desto besser.» Vor allem Finnland und Norwegen beeindruckten ihn mit ihrer Weite, der unberührten Natur und den Möglichkeiten zum Wildcampen mit den zahlreichen «Shelters».


«Finnland war einfach ein Traum. Du fährst von Shelter zu Shelter, kannst irgendwo in einem See baden, kochst dort dein Zeug und hast keinen Menschen gesehen den ganzen Tag. Das fand ich wirklich schön.»

Ein besonderes Erlebnis war für ihn zudem die Mitternachtssonne im hohen Norden: Tage, an denen die Sonne nie unterging und man selbst am späten Abend noch ohne Zeitdruck weiterfahren konnte. «Ich hatte manchmal das Problem, dass es morgens um vier Uhr im Zelt zu warm wurde, weil die Sonne schon draufschien», erzählt Nico lachend.




Die meiste Zeit war Nico allein unterwegs – etwas, das er grundsätzlich sehr genoss. Besonders reizvoll fand er jedoch die Mischung: tagsüber alleine fahren, abends aber andere Reisende treffen.



Trotz schwierigen Bedingungen: «Ein Abbruch der Reise kam für mich nie infrage»
Ganz ohne Herausforderungen verlief seine Veloreise jedoch nicht: «An einem kühlen Morgen und bei starkem Wind die sehr feuchte Kleidung anziehen ist echt nie ein Highlight», schreibt Nico im Eintrag zu Tag 70 in Norwegen.


Hinzu kamen aber auch Mücken, starker Gegenwind, oder schlicht sehr anstrengende Etappen. «Trotzdem kam für mich ein Abbruch der Reise nie infrage», erinnert sich Nico zurück.
Wenn Situationen schwierig wurden, half Nico vor allem eine einfache Haltung: akzeptieren, dass es gerade hart ist, und wissen, «wann ich meine Grenzen erreicht habe». Meistens würden solche Phasen ohnehin wieder vorbeigehen, sagt er.
Mit der Zeit hat er gelernt mit den alltäglichen Herausforderungen umzugehen: «Es läuft fast nie alles nach Plan und man muss jeden Tag so nehmen wie er kommt. Viele Probleme wirken im Moment grösser, als sie im Rückblick tatsächlich gewesen sind. Wenn man einen Plan B hat und seine Grenzen kennt, kann man die meisten Schwierigkeiten gut bewältigen.»

Eine weitere Herausforderung war für Nico die Ernährung: Er lebt mit Zöliakie, einer Glutenunverträglichkeit, was das Essen unterwegs oft kompliziert machte. Besonders in abgelegenen Regionen sei es manchmal schwierig gewesen, geeignete Lebensmittel zu finden, erzählt er.



Häufig schlief Nico im Zelt beim Wildcampen oder auf Campingplätzen, die für ihn oft den besten Kompromiss zwischen Natur, Komfort, Sicherheit und «Schonung fürs Budget» boten. Denn finanziert hat er sich die Reise allein durch sein Erspartes.

Zusätzlich nutzte er Online-Plattformen für Veloreisende um bei Privatpersonen übernachten zu können. In manchen Situationen entschied er sich aber auch bewusst für ein Hotel wenn es nicht anders ging: etwa, wenn er krank war oder seine Ausrüstung komplett durchnässt war.
Gemeinsame Ausstellung im PROGR
Seine Reiseerfahrungen möchte Nico nun gemeinsam mit Ronja Bovbjerg in einer Ausstellung teilen. Auch Ronja hat eine längere Veloreise hinter sich. Die beiden haben sich über Instagram kennengelernt und trafen sich während ihren Veloreisen zufällig in Norwegen.

Dort entstand dann auch die Idee, ihre Eindrücke nicht nur online auf Instagram zu zeigen, sondern in einer gemeinsamen Ausstellung in Bern zu präsentieren.
Diese organisieren und finanzieren sie selbst um «andere Menschen fürs Radreisen zu inspirieren» und mit Interessierten in Kontakt zu kommen, wie Nico erklärt. Am 20. Und 21. März präsentieren die beiden Veloreisenden im PROGR ihre Erfahrungen mit zahlreichen Bildern, Videos und Texten.

Dabei betont er, dass hinter den spektakulären Bildern oftmals viele unsichtbare Herausforderungen stecken: die tägliche Planung der Route, die Suche nach Essen oder einem Schlafplatz, und Entscheidungen, die man ständig alleine treffen muss. Gerade diese Mischung aus schönen Momenten und schwierigen Situationen mache eine solche Veloreise aber letztlich aus.
Diese Realität als Bikepacker und warum sie das Reisen mit dem Velo trotz allen Herausforderungen lieben, möchten er und Ronja mit ihrer gemeinsamen Ausstellung im PROGR zeigen.
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Lange hier in Bern stillstehen wird Nico aber nicht. Bereits im kommenden Sommer plant er eine neue längere Tour: Mit einer Freundin will er eine fünf- bis sechswöchige Veloreise durch den Balkan machen. Und langfristig träumt er auch von grösseren Projekten ausserhalb Europas, etwa Veloreisen durch Australien, Neuseeland oder Kanada.
Der Berner Fotograf Nico Kobel am 12. Juli 2025 beim Nordkap. (Foto: Nico Kobel)
