Ein «Velotürli» durch Europa

von Nicolas Eggen 16. März 2026

B-Kanntschaft Sechs Monate unterwegs, rund 14’000 Kilometer im Sattel und unzählige unvergessliche Eindrücke: Der 26-jährige Berner Fotograf Nico Kobel hat fast ganz Europa mit dem Velo durchquert und zeigt in einer Ausstellung im PROGR, was er dabei alles erlebt hat.

Der 26-jährige Berner Fotograf Nico Kobel ist letztes Jahr sechs Monate mit seinem Velo rund 14’000 Kilometer durch Europa gereist. Dass er dabei bis zum Nordkap fahren würde und wieder zurück, war am Anfang der Reise noch nicht klar gewesen: «Mein primäres Ziel war es, loszufahren», erzählt Nico. Das Nordkap sei einfach eine Idee gewesen, die schon länger in seinem Kopf herumspukte.

Ein festes Ziel und vor allem ein Enddatum für seine Reise hatte er sich bewusst nicht gesetzt. Stattdessen wollte er sich maximale Freiheit lassen und einfach mal losfahren. Als sich im Frühling 2025 die Firma auflöste, bei der Nico arbeitete, nutzte er die Gelegenheit und entschied sich aufzubrechen.

«Jetzt oder nie»: Nico Kobel im Mai 2025 zu Beginn seiner Veloreise. (Foto: Nico Kobel)

Seine Route führte ihn von der Schweiz zunächst Richtung Osten. Über Österreich, Slowakei, Tschechien und Polen ging es weiter durch die baltischen Staaten bis nach Finnland und nach Norwegen zum Nordkap. Danach folgte Nico der norwegischen Küste wieder nach Süden und fuhr über Schweden, Dänemark, Deutschland und Belgien bis nach Frankreich und Spanien.

«Velotürli Europa»: Nico Kobel hat seine Reise unter anderem auf Polarsteps dokumentiert. (Screenshot Polarsteps)

Sein «Velotürli» hat Nico unter anderem auch auf Polarsteps detailliert festgehalten. Auf der Plattform konnten seine Freund*innen und Verwandten die Reise quasi in Echtzeit miterleben. Jeden Tag postete Nico einen kurzen tagebuchartigen Eintrag mit Fotos und Videos.

Unberührte Wildnis im hohen Norden

Zu den grössten Highlights seiner Reise zählt Nico die nördlichen Regionen Skandinaviens: «Je weiter nach Norden, desto besser.» Vor allem Finnland und Norwegen beeindruckten ihn mit ihrer Weite, der unberührten Natur und den Möglichkeiten zum Wildcampen mit den zahlreichen «Shelters».

«Shelters» sind meist kostenlose Holzhütten, die Übernachtungsmöglichkeiten in der Natur bieten. (Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

«Finnland war einfach ein Traum. Du fährst von Shelter zu Shelter, kannst irgendwo in einem See baden, kochst dort dein Zeug und hast keinen Menschen gesehen den ganzen Tag. Das fand ich wirklich schön.»

Bild von Tag 68 in Norwegen, kurz vor dem Nordkap. (Foto: Nico Kobel)

Ein besonderes Erlebnis war für ihn zudem die Mitternachtssonne im hohen Norden: Tage, an denen die Sonne nie unterging und man selbst am späten Abend noch ohne Zeitdruck weiterfahren konnte. «Ich hatte manchmal das Problem, dass es morgens um vier Uhr im Zelt zu warm wurde, weil die Sonne schon draufschien», erzählt Nico lachend.

Zu den Highlights seiner Reise zählt Nico Skandinavien: «Je weiter nach Norden, desto besser.» (Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

Die meiste Zeit war Nico allein unterwegs – etwas, das er grundsätzlich sehr genoss. Besonders reizvoll fand er jedoch die Mischung: tagsüber alleine fahren, abends aber andere Reisende treffen.

«Die Strecke heute ist die kürzeste, langsamste, anstrengendste und gleichzeitig auch mit Abstand schönste, die ich auf der ganzen Tour gefahren bin», schreibt Nico auf Polarsteps zu diesem Foto. (Foto: Nico Kobel)
(Foto: Nico Kobel)
(Foto: Nico Kobel)

Trotz schwierigen Bedingungen: «Ein Abbruch der Reise kam für mich nie infrage»

Ganz ohne Herausforderungen verlief seine Veloreise jedoch nicht: «An einem kühlen Morgen und bei starkem Wind die sehr feuchte Kleidung anziehen ist echt nie ein Highlight», schreibt Nico im Eintrag zu Tag 70 in Norwegen.

Wenn Situationen schwierig wurden, wie etwa bei Kälte und Nässe, half Nico vor allem eine einfache Haltung: akzeptieren, dass es gerade hart ist, und wissen, «wann ich meine Grenzen erreicht habe». (Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

Hinzu kamen aber auch Mücken, starker Gegenwind, oder schlicht sehr anstrengende Etappen. «Trotzdem kam für mich ein Abbruch der Reise nie infrage», erinnert sich Nico zurück.

Wenn Situationen schwierig wurden, half Nico vor allem eine einfache Haltung: akzeptieren, dass es gerade hart ist, und wissen, «wann ich meine Grenzen erreicht habe». Meistens würden solche Phasen ohnehin wieder vorbeigehen, sagt er.

Mit der Zeit hat er gelernt mit den alltäglichen Herausforderungen umzugehen: «Es läuft fast nie alles nach Plan und man muss jeden Tag so nehmen wie er kommt. Viele Probleme wirken im Moment grösser, als sie im Rückblick tatsächlich gewesen sind. Wenn man einen Plan B hat und seine Grenzen kennt, kann man die meisten Schwierigkeiten gut bewältigen.»

Tausende von Kreuzfahrttourist*innen steigen am Nordkap aus den Cars, während Nico und zwei andere Radreisende hinter einer Mauer Schutz vor dem aufziehenden Sturm suchen. (Foto: Nico Kobel)

Eine weitere Herausforderung war für Nico die Ernährung: Er lebt mit Zöliakie, einer Glutenunverträglichkeit, was das Essen unterwegs oft kompliziert machte. Besonders in abgelegenen Regionen sei es manchmal schwierig gewesen, geeignete Lebensmittel zu finden, erzählt er.

Eindrücke von Tag 170 in Spanien. (Foto: Nico Kobel)

 

Vor allem die kleinen Dörfer und Städtchen gefallen Nico besonders. (Foto: Nico Kobel)

 

(Foto: Nico Kobel)

Häufig schlief Nico im Zelt beim Wildcampen oder auf Campingplätzen, die für ihn oft den besten Kompromiss zwischen Natur, Komfort, Sicherheit und «Schonung fürs Budget» boten. Denn finanziert hat er sich die Reise allein durch sein Erspartes.

Der Berner Fotograf Nico Kobel am 23. Oktober 2025 beim Punta de Tarifa, dem südlichsten Punkt des europäischen Festlandes. (Foto: Nico Kobel)

Zusätzlich nutzte er Online-Plattformen für Veloreisende um bei Privatpersonen übernachten zu können. In manchen Situationen entschied er sich aber auch bewusst für ein Hotel wenn es nicht anders ging: etwa, wenn er krank war oder seine Ausrüstung komplett durchnässt war.

Gemeinsame Ausstellung im PROGR

Seine Reiseerfahrungen möchte Nico nun gemeinsam mit Ronja Bovbjerg in einer Ausstellung teilen. Auch Ronja hat eine längere Veloreise hinter sich. Die beiden haben sich über Instagram kennengelernt und trafen sich während ihren Veloreisen zufällig in Norwegen.

Ronja und Nico in Norwegen. (Foto: Nico Kobel)

Dort entstand dann auch die Idee, ihre Eindrücke nicht nur online auf Instagram zu zeigen, sondern in einer gemeinsamen Ausstellung in Bern zu präsentieren.

Diese organisieren und finanzieren sie selbst um «andere Menschen fürs Radreisen zu inspirieren» und mit Interessierten in Kontakt zu kommen, wie Nico erklärt. Am 20. Und 21. März präsentieren die beiden Veloreisenden im PROGR ihre Erfahrungen mit zahlreichen Bildern, Videos und Texten.

Am 20. Und 21. März präsentieren die beiden Veloreisenden ihre Erfahrungen mit Bildern, Videos und Texten in einer Austellung im PROGR in Bern. (Foto: zvg)

Dabei betont er, dass hinter den spektakulären Bildern oftmals viele unsichtbare Herausforderungen stecken: die tägliche Planung der Route, die Suche nach Essen oder einem Schlafplatz, und Entscheidungen, die man ständig alleine treffen muss. Gerade diese Mischung aus schönen Momenten und schwierigen Situationen mache eine solche Veloreise aber letztlich aus.

Diese Realität als Bikepacker und warum sie das Reisen mit dem Velo trotz allen Herausforderungen lieben, möchten er und Ronja mit ihrer gemeinsamen Ausstellung im PROGR zeigen.

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Lange hier in Bern stillstehen wird Nico aber nicht. Bereits im kommenden Sommer plant er eine neue längere Tour: Mit einer Freundin will er eine fünf- bis sechswöchige Veloreise durch den Balkan machen. Und langfristig träumt er auch von grösseren Projekten ausserhalb Europas, etwa Veloreisen durch Australien, Neuseeland oder Kanada.