Ein instabiler Deal

von David Fürst 20. August 2026

Literatur Sarah Elena Müllers neuer Roman «Unwucht» erzählt von sieben Jahren mit Alice und Rio. Am Teich vor dem Schloss Bümpliz spricht die Berner Autorin über Sucht, Erinnerung und ihr Schreiben.

Mittagshitze beim Schloss Bümpliz. Auf der Wasseroberfläche des Teichs schwimmen Algen, aus dem Stein in der Mitte plätschert eine kleine Fontäne. Im hiesigen Trauungslokal heiraten sonst Paare. Ein guter Ort, um mit Sarah Elena Müller über «Unwucht» zu sprechen: den neuen Roman der jungen Berner Autorin, in dem sich alles um die Brüchigkeit von Beziehungen dreht.

«Sieben Jahre zusammen, sieben Jahre getrennt. Und nicht einmal musstest du dir anhören, wie diese Zeit für mich war.» Mit diesem Vorwurf beginnt der Roman, der auf zwei Zeitebenen spielt. In der Vergangenheit der Beziehung von Alice und Rio: sieben Jahre, die geprägt sind von Liebe und Ablehnung, von gegenseitiger Gewalt und Sucht.

Das Kunststudium, in dem sich die beiden kennengelernt haben, ist lange her. Während sich Rio in kleinkriminellen Machenschaften rund um seine Drogensucht verliert, jobbt Alice als Kellnerin, wartet auf Rio, wenn er wieder mal verschwunden ist, geht ihn gleich selbst suchen oder verschwindet selbst. Erst nach sieben Jahren trennt sich Alice mit der Unterstützung von Freundinnen von Rio. In der Gegenwart versucht Alice diese Vergangenheit zu reflektieren, niederzuschreiben und Rio mit ihrer Sichtweise auf die Beziehung zu konfrontieren. Dabei stellt sich heraus, dass auch das Erzählen seine eigenen Fallstricke birgt.

Es gibt ja auch Trennungsromane, in denen nicht transparent gemacht wird, wie kompliziert es ist, wenn eine Person die gemeinsame Vergangenheit für sich beansprucht und sie dann auch noch in Literatur verwandelt.

«Ich habe im Schreibprozess gemerkt, dass das Schreiben als Akt in diesem Fall zum Text dazugehört», sagt Müller. Ihr sei wichtig gewesen, «dass die Protagonistin ihr eigenes Schreiben offenlegt». So können die Leser*innen ihren Prozess mitverfolgen, die Unsicherheiten und Machtverhältnisse gleich mitlesen.

«Es gibt ja auch Trennungsromane, in denen nicht transparent gemacht wird, wie kompliziert es ist, wenn eine Person die gemeinsame Vergangenheit für sich beansprucht und sie dann auch noch in Literatur verwandelt», sagt Müller. Es sei «ein radikaler Powermove», über die eigene Vergangenheit zu schreiben und sich diese so neu anzueignen. Gleichzeitig merke Alice, wie brüchig Erinnerung ist und dass es absurd ist, eine finale Version der Geschichte festhalten zu wollen. Manchmal habe das Gegenüber vielleicht ganz andere Erinnerungen an die gleiche Zeit.

Die Autorin macht diese Unsicherheiten im Roman sichtbar. So spricht der Protagonist Rio darüber, dass er sich an vieles selbst nicht mehr klar erinnert und fragt: «Wie soll ich mich denn einbringen, wenn ich nichts mehr weiss? Und was, wenn der, den du beschreibst, dann für immer ich bin?»

(Foto: David Fürst)

Ein sprachlicher Sog

Woran sich die beiden erinnern, ist selten schön. Der Roman beschreibt viele gewaltvolle Szenen.  Aushalten lassen sich diese Passagen nur durch die Sprache, die einen enormen Sog und hohes Tempo entwickelt. Alliterationen, Wiederholungen, Rhythmik und Witz ziehen die Leser*innen immer tiefer in die Geschichte hinein. Sätze wie: «Bier war Wahrheit, Gras war Pflicht, aber Sucht kein Thema».

Ich habe nicht wahnsinnig lange herumgewerkelt an den einzelnen Sätzen.

«Das ist zum Teil meinem schnellen Schreibprozess geschuldet», sagt Müller. «Ich habe nicht wahnsinnig lange herumgewerkelt an den einzelnen Sätzen.» Entstanden ist der Roman aus einem Textbaustein, den Müller 2024 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgetragen hatte. «Dieser Text, damals noch mit namenloser Erzählstimme, ist auf Resonanz gestossen.» Entstanden ist eine Erzählform, die sich stark von der in Müllers Erstling «Bild ohne Mädchen» (2023) unterscheidet, wo die Autorin die Geschichte viel gemächlicher und poetischer aus der Perspektive eines Kindes erzählt.

(Foto: David Fürst)

Was hält Alice bei Rio?

Rios Sucht dominiert den Alltag des Paares, Alice wiederum fühlt sich verantwortlich für die Care-Arbeit. Sogar Rios Mutter kommt zu ihr: «Sie sucht den Schlüssel zu ihrem Sohn bei mir, aber ich habe ihn nicht.» Geschlechterrollen und sexuelle Orientierung sind immer wieder Themen im Buch. Obwohl beide mit ihrem sozialen Geschlecht hadern, greife die Geschlechtergewalt trotzdem, so Müller: „Denn die strukturellen Vorprägungen begünstigen, dass Rio Alice manipulieren kann und dass Alice darauf hereinfällt.»

Trotzdem fragt man sich als Leser*in: Was hält Alice sieben Jahre lang bei Rio? «Das ist vielleicht schwer auszuhalten an dieser Lektüre», sagt Müller. «Man muss einer einigermassen intelligenten Figur zuschauen, wie sie trotz unguter Ahnungen mit einer Person zusammenbleibt, die ihr nicht guttut.»

Eine mögliche Erklärung liefert eine ältere Figur im Buch gleich selbst: die Hoffnung, dass die eigene Liebesfähigkeit grösser und stärker ist als die Droge. «Und das ist natürlich eine grosse Selbstäuschung von Menschen, die mit suchtkranken Personen Beziehungen führen», sagt Müller. Die Hoffnung sei lauter als die Vernunft: «Man verliert sich immer mehr in diesem inneren Auftrag und reflektiert gar nicht mehr: Liebt man diese Person eigentlich noch und unter welchen Umständen?»

Im Roman spitzt sich die Beziehung der beiden immer mehr zu: Eskalationspunkt ist ein sexuelles Rollenspiel in der Wohnung der beiden, das innert Minuten kippt. «Man spürt, dass es auch auf Rios Seite einen fundamentalen Hass auf Männer gibt, auf das „eigene“ Geschlecht oder vielleicht auch auf eine frühere Version seiner selbst.» Dazu die Umkehrung: Sonst ist Alice diejenige, «die ihre Aggressionen nicht im Griff hat. Aber in einem abgesprochenen Rahmen nimmt plötzlich Rios Wut überhand, obwohl er sonst nie physische Gewalt anwendet.»

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Im Roman heisst es dann: «Danach sind die beiden quitt.» Müller nennt das einen Deal: «Sie hat auf den Deckel bekommen, jetzt ist sie quitt. Jetzt darf sie wieder weg von Zuhause.» Und: «Dort zeigt sich, dass die Suchtmechanismen eben auch bei jenen greifen, die selbst gar keine Substanzabhängigkeit haben, sondern mit einer süchtigen Person versuchen, Verbindlichkeit herzustellen. Was nicht funktioniert.»

Aus der Beziehung findet Alice erst mit der Hilfe guter Freundinnen, die sie unterstützen und keine kritischen Kommentare über die Beziehung zu Rio scheuen. Rio dagegen wirkt verloren, sein Umfeld besteht lediglich aus entfernten Bekannten von früher aus der Technoszene oder Dealer*innen. «Mir war es wichtig, Alice gute Freundinnen zur Seite zu stellen», erklärt Müller. Und weshalb ist Rio so einsam? «Soziale Isolation und Sucht sind eigentlich zwei Seiten der gleichen Medaille.» Manchmal sei ihr das fast klischeehaft vorgekommen. «Und gleichzeitig bildet es eine Realität ab, die wir kennen, Schieflagen, die wiederum vom oft nicht-cis-männlichen Umfeld ausbalanciert werden.»

(Foto: David Fürst)

Ein unsicherer Pakt

Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben und die Leser*in weiss nie genau, was Fiktion ist und was wirklich passiert ist. Wie geht Sarah Elena Müller mit dem Voyeurismus der Leser*innenschaft um?

«Es gibt ja Abstufungen. Wie sehr man persönliche Details einstreut, die unmissverständlich klarmachen, wer involviert ist. Da bin ich zurückhaltend gewesen. Und das auch sehr bewusst.» Aber dass eine Geschichte auf sie projiziert werde, könne sie schlussendlich nicht verhindern. Mit der Ich-Perspektive habe sie es ja auch herausgefordert. Die Autorin verweist auf Zadie Smiths Essay «The I Who Is Not Me»: Es sei gruselig, zum ersten Mal etwas in der Ich-Form zu veröffentlichen. «Man geht mit den Leser*innen einen unsicheren Deal ein.»  Müller sagt: «Unwucht ist auch ein Roman, der autofiktionale Verfahren zugleich ernst und auf die Schippe nimmt.»

In der Autofiktion bleibe eben immer unklar, was authentisch ist und was nicht. Die Unsicherheit in der Autofiktion spiegelt auch die Unsicherheit der Protagonistin in ihrer Rolle als Erzählerin.  «Und wie oft kommt uns Unwahres echter vor als die Realität? Spannender, emotionaler, treffender?»

(Foto: David Fürst)