Ein Comic wie eine gute Wurst

von Bettina Wegenast 3. Juli 2026

Comic-Auszeichnung Der Berner Martin Oesch hat mit «Fleischeslust» den Preis für das «beste deutschsprachige Comic-Debüt 2026» am Comic Salon Erlangen gewonnen. Der Illustrator und Metzger erzählt darin von einem Handwerk im Wandel und von Fragen, die sich heute rund ums Thema Fleisch kaum mehr vermeiden lassen.

Erwin Merz tut sich schwer mit der Entscheidung. Er war gern Metzger und stolz auf sein Handwerk. Würste waren eine seiner Spezialitäten, die richtige Mischung von Fleisch, Fett und Gewürzen erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Aber die Konkurrenz durch die Supermärkte und Kundinnen wie Frau Disli, die sich mit ihm über die Verwendung von Nitritpökelsalz streiten, machen ihm zunehmend zu schaffen. Als ihm dann noch ein Meerschweinchen zum Töten und Entsorgen gebracht wird, weil den Haltern die Einschläferung beim Tierarzt zu teuer ist, hat er genug. Das ist nicht mehr seine Welt. Er gibt auf. Und er stellt sich Fragen, die er sich vorher nicht gestellt hat. Hat er als Metzger indirekt die Abholzung der Regenwälder mitverursacht? Weil er den ganzen Seich mitgemacht hat? Aber das war doch früher kein Thema!

Informationen, Überlegungen und Kunst vermischen sich in «Fleischeslust» wie in einer feinen Wurst.

Im Comic «Fleischeslust» erzählt der Berner Illustrator Martin Oesch die Geschichte des Metzgers Erwin Merz. Oesch hat damit Anfang Juni den Preis für das «beste deutschsprachige Comic-Debüt 2026» am Comic Salon Erlangen gewonnen, dem bedeutendsten Comic-Festival im deutschsprachigen Raum. Damit hat er sich gegen drei andere, sehr lesenswerte Erstlinge durchgesetzt.

(Foto: David Fürst)

Martin Oesch arbeitet selbst als Metzger. Die Lehre absolvierte er in einem kleinen Betrieb in Thun. «Mein Lehrmeister war prägend für mich», sagt Oesch, «er hatte die Haltung: es ist ein Tier gestorben und deshalb wollen wir alles davon verwenden. Ihm war sehr wichtig, dass wir das ganze Handwerk von Grund auf lernen und jedes Stück des Tieres gut kennen.» Auch später arbeitete Oesch immer in kleinen Betrieben, grosse Fabriken haben ihn nie interessiert.

Eine fleischige Ästhetik

Bereits 1906 beschrieb Upton Sinclair in seinem sozialkritischen Roman «Der Dschungel» (als Comic gezeichnet von Katja Gehrmann), wie die Schlachtfabriken in Chicago nicht nur Tiere, sondern auch Menschen fressen. Und 2004 setzte sich die Autorin Susanna Schwager in zwei Büchern über ihre Grosseltern («Fleisch und Blut» und «Die Frau des Metzgers») mit dem Thema auseinander.  Die Veränderung in der Fleischproduktion als Indikator für gesellschaftlichen Wandel ist also nicht neu. Aber kein Buch wirkt auch als Objekt so fleischig wie «Fleischeslust».

(Foto: David Fürst)

Als gelernter Metzger stellt Oesch nicht nur die richtigen Fragen, sondern kennt sich mit dem Handwerk bestens aus: plastisch zeigt er uns, wie Tiere geschlachtet, zerlegt und in einzelne Stücke abgepackt werden. Mit Filzstiftzeichnungen in unterschiedlichen Rosatönen gelingt es Martin Oesch, ästhetisch einen Bezug zu seiner Materie herzustellen. «Wenn du mit Filzstiften arbeitest, gibt es kein Zurück, du kannst nichts mehr korrigieren», sagt er, «wie beim Metzgen auch, sobald du mit dem Messer geschnitten hast.»

(Foto: David Fürst)

Zudem variiert der Illustrator geschickt mit verschiedenen Erzählformen des Comics: das geplättelte Ambiente der Metzgerei verpackt er in sauber genormte Panels, die Abläufe im Schlachthof werden in einem lauten Wimmelbild zusammengefasst und in Erwins Träumen kreisen Gedanken und Bilder in einem blauroten Sog. Informationen, Überlegungen und Kunst vermischen sich hier im Comic wie in einer feinen Wurst. Das Buch selbst hat eine angenehm griffige Haptik und das raue, saugfähige Papier lässt die kräftigen Farben leuchten.

(Foto: David Fürst)

Keine fertigen Antworten

Im Comic hadert Protagonist Erwin mit vielen Fragen zur Fleischindustrie und wie die Industrialisierung diese in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Sein alter Freund Joni ist als Bauer auf Bio umgestiegen und trinkt sogar selbst Hafermilch. Erwin wiederum steht neuen Entwicklungen eher zögerlich gegenüber. «Das haben Erwin und ich gemeinsam», schmunzelt Oesch, «aber das Buch hat mir auch beigebracht, mehr loszulassen und flexibel zu bleiben.»

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«Fleischeslust» liefert denn auch keine fertig abgepackten Antworten. Fleisch essen, und wenn ja, wie viel und welches? «Die Leserinnen und Leser müssen sich diese Fragen selbst beantworten», sagt der Autor, «das kann ich nicht für sie übernehmen.» Stattdessen zeigt der Comic auf, welchem Strukturwandel die Metzgereien und die Fleischindustrie unterliegt und welche Sorgen und Gedanken die Menschen beschäftigen, die in diesem Beruf arbeiten.

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