Digital gegen häusliche Gewalt

von Janine Schneider 15. September 2026

Gewaltprävention Mit seinem neuen Tool «way_out» will der Berner Verein Tech against Violence Jugendlichen und Erwachsenen näherbringen, was Beziehungen stärkt und wo problematische Muster oder Vorstellungen hineinspielen.

Dein Crush möchte, dass du deinen Standort teilst. Wie geht’s dir dabei?

A) Ich finde das auch gut, es gibt mir ein sicheres Gefühl

B) Mir ist das unangenehm, ich will meinen Standort lieber nicht teilen

C) Ich will keinen Stress, also teile ich meinen Standort nicht.

Kleine Emojis poppen auf, sobald eine der drei Antworten angewählt ist. Sie flimmern über den Bildschirm, addieren zum Punktestand auf. Grenzen, Selbstreflexion und Empathie – das sind die drei Fähigkeiten, die Jugendliche beim «Love Quest» sammeln können. Das Quiz soll spielerisch näherbringen, was Beziehungen stärkt und wo problematische Muster oder Vorstellungen hineinspielen. Es ist Teil des neuen digitalen Tools «way_out», das der Verein Tech against Violence mit Sitz in Bern diese Woche lanciert.

Mit Flyern macht der Verein auf sein Angebot aufmerksam. (Foto: David Fürst)

Tech against Violence existiert seit sechs Jahren. Der Verein entwickelt digitale Angebote zur Prävention von häuslicher Gewalt. «Wir sind keine Beratungsstelle, sondern wir schaffen digitale Lösungen, die bestehende Angebote ergänzen sollen», erklärt Miriam Steffen, wissenschaftliche Leiterin bei «Tech against Violence». 2022 lancierte der Verein mit #withyou ein erstes digitales Unterstützungsangebot für Betroffene häuslicher Gewalt. Auf der Website kann man sich zu toxischen Beziehungen, den verschiedenen Formen von Gewalt und Hilfsmöglichkeiten informieren. Ausserdem einen Test machen, wie wohl man sich in der eigenen Beziehung fühlt. Die Idee dahinter: viele suchen zu spät Hilfe, erklärt Steffen: «Auf einer Website kann man sich niederschwellig und im eigenen Tempo informieren.»

Viele Betroffene sagen, sie seien oft gefragt worden: Warum gehst du nicht einfach? Warum tust du dir das an?

2024 folgte «Safe withyou»: ein Onlinespeicher zur Dokumentation von Beweismitteln häuslicher Gewalt und Stalking. «Wir arbeiten eng mit Fachstellen und Betroffenen zusammen, um Tools zu entwickeln, die ihren Bedürfnissen entsprechen», so Steffen. Von dieser Seite kam denn auch der Vorschlag, dass sie als nächstes ein Tool für Menschen entwickeln sollten, die Gewalt ausüben oder Grenzen überschreiten. «Bislang haben wir vor allem Unterstützung für Betroffene bereitgestellt. Aber wir können nicht nur die Folgen bekämpfen, sondern wir müssen auch dort ansetzen, wo Gewalt entsteht.» Im Bereich der Täterarbeit gibt es bislang kaum digitale Angebote.

Foto: David Fürst

«Wir wollen auch der Täter-Opfer-Umkehr entgegenwirken», sagt Steffen. «Viele Betroffene sagen, sie seien oft gefragt worden: Warum gehst du nicht einfach? Warum tust du dir das an?» Die Verantwortung werde also ihnen zugeschrieben. «Aber wir können auch diejenigen fragen, die gewalttätig werden: Warum übst du Gewalt aus? Wie kannst du das ändern?»

Die Botschaft von «way_out» lehnt sich an zentrale Grundprinzipien der Gewaltprävention an: Gewalt ist eine Entscheidung und du kannst dich jeden Tag neu entscheiden. Veränderung ist möglich. Das soll auch bestärkend wirken. «Wir werden nicht gewalttätig geboren und müssen auch nicht gewalttätig bleiben», erklärt Steffen, aber es bedinge, dass man sehr kritisch das eigene Verhalten reflektiere. «Was uns sehr wichtig ist: Gewalt wird zu keinem Zeitpunkt beschönigt oder verharmlost. Gewalt wird klar benannt und nicht entschuldigt.»

Viele von uns kennen Menschen, die bereits Gewalt erlebt haben. Aber kaum jemand kennt eine Person, die Gewalt ausübt. Wie kann das sein?

«way_out» wurde in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachstellen erarbeitet, darunter auch der Fachstelle Gewalt Bern und Solvio, dem schweizerischen Dachverband für Gewaltprävention. Finanziert hat es zu einem grossen Teil das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann, hinzu kamen Beiträge weiterer Institutionen und Stiftungen.

Entstanden sind zwei Websites: eine für Erwachsene und eine für Jugendliche. Die Seite für Erwachsene besteht aus informativen Texten zu den verschiedenen Arten von Gewalt, der Gewaltspirale, ihren Ursachen und Folgen. Auch die rechtliche Lage wird thematisiert. Die Besucher*innen werden direkt angesprochen. Zitate von Klienten aus der Gewaltprävention schaffen eine gewisse Nähe. Ausserdem verweist die Website auch auf Hilfsangebote für Menschen, die keine Gewalt mehr ausüben möchten.

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Ein Kapitel ist auch dem sozialen Umfeld gewidmet. «Viele von uns kennen Menschen, die bereits Gewalt erlebt haben. Aber kaum jemand kennt eine Person, die Gewalt ausübt. Wie kann das sein?», fragt Miriam Steffen. Auf der Website finden sich deshalb auch Hinweise, wie man frühe Warnzeichen im eigenen Umfeld erkennt und wie man reagieren kann.

Das für Jugendliche entwickelte Tool hat ein anderes Ziel. Der Verein spricht mit der Website und den Quiz weniger direkt Tatpersonen an, sondern möchte Jugendliche früh für diese Themen sensibilisieren: Was macht eine gute Beziehung aus? Was ist respektvoll? Wann sind wir auf Augenhöhe? Was ist Konsens? Was sind Grenzüberschreitungen? Wo beginnt Gewalt? Fachpersonen sollen die Website und die Spiele «Love Quest» und «My Yes, Your Yes. Der Konsenscheck» für eigene Workshops an Schulen verwenden können.

Foto: David Fürst

Aber wie erreicht der Verein überhaupt sein Zielpublikum? Das erste Tool, #withyou, hatte nach Angaben des Vereins bereits relativ viel Echo. Im letzten Jahr verzeichnete es 26‘000 Besucher*innen. In diesem Jahr seien es Ende August schon 20‘000. Ob das auch so einfach wird, wenn es um Täter geht?

Um die Jugendlichen zu erreichen, setze der Verein vor allem auf Fachpersonen. «Uns ist bewusst, dass sie unsere interaktiven Tools wohl nicht von selbst nutzen», sagt Steffen. Was die Erwachsenen anbelangt, hofften sie jedoch darauf, dass durchaus auch Menschen, die gewalttätig sind oder es werden können, selbst auf die Website stossen und sich informieren würden. «Die Fachstellen aus der Gewaltberatung haben uns gesagt, dass sich erstaunlich viele von selbst bei ihnen melden würden.» Das gäbe ihnen Hoffnung. Wohl gleich in mehrfacher Hinsicht.