Die Stadt vertreibt eine trans Frau aus dem «Paradiesli» – und entschuldigt sich dafür

von Noah Pilloud 1. Juli 2026

Schutzräume Die Wegweisung und Anhaltung einer trans Frau im Frauenbereich des Marzili stiess am Sonntag auf Unverständnis. Die Stadt räumt nun Fehler ein. Der Fall wird Bern aber wohl noch weiter beschäftigen.

Ein Polizeieinsatz im städtischen Freibad Marzili am Sonntagabend sorgte für breite Empörung und einige Diskussionen. Eine trans Frau musste Polizeigewalt erleben, weil zwei Besucherinnen mit ihrer Anwesenheit im Frauenbereich nicht einverstanden waren und sowohl das Personal des Freibads als auch der Sicherheitsdienst nicht imstande waren, den Konflikt zu lösen.

Der Fall schockiert viele in Bern. Nicht nur deshalb, weil sie die Art und Weise, wie die Betroffene von der Polizei behandelt wurde, als brutal erlebten. Als schockierend werten viele auch, dass sie diskriminierendem Verhalten ausgesetzt war und darin weder vom Freibadpersonal noch vom Sicherheitsdienst Taktvoll Unterstützung erhielt.

Wie frei ist das Freibad Marzili? (Foto: David Fürst)

Es geht dabei um die Frage, wen Schutzräume genau schützen, und wie die Stadt damit umgeht, wenn nicht alle ihre klare und offene Haltung teilen.

Inzwischen hat sich die Stadt für den Vorfall entschuldigt. Die Geschichte ist damit aber noch nicht abgeschlossen und es bleiben einige Fragen zu klären. Doch der Reihe nach.

Der Vorfall

Die trans Frau hielt sich am Sonntagabend im sogenannten «Paradiesli» auf – einem abgeschirmten FKK-Bereich für Frauen innerhalb des Freibads Marzili. Zwei Besucherinnen missfiel ihre Anwesenheit offenbar: Sie beschwerten sich beim Personal des Freibads. So berichten es Badegästi*innen, die den Vorfall beobachtet haben, in einer Medienmittelung.

Auch die Stadt schreibt in einer Medienmitteilung, dass sich mehrere Personen über die Anwesenheit der trans Frau beschwerten. Sie sei «aufgrund einiger körperlicher Merkmale von anderen Badegästen nicht weiblich gelesen» worden.

Die Leitung des Freibads bat die Betroffene deshalb, das «Paradiesli» zu verlassen.

Einige Besucher*innen, die das Geschehen beobachtet hatten, solidarisierten sich mit der Frau und setzten sich dafür ein, dass sie bleiben kann.

Als sie der Bitte, das «Paradiesli» zu verlassen, nicht nachkam, suchte der Sicherheitsdienst «Taktvoll» das Gespräch, konnte die Lage aber ebenso wenig beruhigen.

Die konfliktbeladene Stimmung hat zu dieser falschen Einschätzung der Situation geführt.

Die Freibadleitung verständigte daraufhin die Polizei, um die Betroffene wegweisen zu lassen. Dies, obwohl sie die Zutrittsregelung erfüllt, wie die Stadt selbst schreibt: In ihrem Ausweis ist das weibliche Geschlecht vermerkt.

Dies sei ein Fehlentscheid gewesen, räumt die Stadt mittlerweile ein: «Die konfliktbeladene Stimmung hat zu dieser falschen Einschätzung der Situation geführt.»

Im Frauenabteil dürfen sich gemäss den Regeln des Freibads alle aufhalten, die sich als Frauen identifizieren und so leben. Im Zweifelsfall entscheidet der Eintrag des amtlichen Geschlechts. (Foto: David Fürst)

Der Polizeieinsatz

Die gerufene Polizei traf bald ein – bei den ersten Polizisten vor Ort handelte es sich um Männer, wie das Umfeld der betroffenen Frau schreibt. Die Polizei bestätigt auf Anfrage, dass die nächste verfügbare Patrouille eine reine Männerpatrouille war.

«Dass ausgerechnet Männer einen geschützten Frauenbereich betreten, um eine Frau aufgrund ihrer Geschlechtsidentität zu verhaften, wird von Betroffenen als bitterer Widerspruch wahrgenommen», schreiben die Augenzeug*innen in ihrer Medienmitteilung.

Bei der später eingetroffenen Verstärkung waren auch Polizistinnen dabei. Zunächst sprachen die Einsatzkräfte die Wegweisung aus und drückten die betroffene trans Frau auf den Boden, um sie dann in Handschellen abzuführen, weil sie sich gegen die Wegweisung wehrte. «Die Person hat schwere Hämatome und Kratzer davongetragen», heisst es in der Medienmitteilung der Augenzeug*innen.

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Die Polizei sei «von Beginn an auf Machtdemonstration statt auf Deeskalation» aus gewesen, so die Augenzeug*innen weiter. Die Polizei habe die Anwesenden etwa mit Pfefferspray und Schlagstöcken bedroht.

Auf Anfrage bestätigt die Medienstelle der Kantonspolizei Bern dies in Teilen: «Es stimmt, dass Pfefferspray angedroht wurde, da unsere Einsatzkräfte bei der Anhaltung massiv bedrängt wurden. Dieser musste jedoch nicht eingesetzt werden. Ein Schlagstock wurde nicht angedroht.» Der Einsatz von Zwangsmitteln erfolge stets nach den gesetzlichen Vorgaben sowie den Grundsätzen der Verhältnismässigkeit, so die Medienstelle.

In der Medienmitteilung schreibt die Kantonspolizei Bern zudem, dass eine unbekannte Person eine Polizistin tätlich angegriffen und leicht verletzt habe.

Die Spontankundgebung

Nach der Anhaltung wurde die Betroffene auf die Polizeiwache Waisenhaus gebracht. Vor der Einfahrt zu Wache versammelten sich die solidarischen Augenzeug*innen. Nachdem die Verhaftete nach mehreren Stunden wieder entlassen worden war, riefen die Anwesenden zur Spontankundgebung auf.

An der Kundgebung wurden mit Kreide Slogans auf die Strassen geschrieben. (Foto: Tobias Ettlin)

Zu diesem Zweck versammelten sie sich auf dem Waisenhausplatz. Der Kundgebung schlossen sich in der Folge weitere Menschen an.

Die Menschenmenge von rund hundert Personen zog vom Waisenhausplatz zum Rathaus und wieder zurück. Die Polizei begleitete den Umzug.

Am Sonntag formte sich ein spontaner Protestzug durch die Stadt. (Foto: Tobias Ettlin)

Wie Mitglieder dieser Redaktion vor Ort beobachten konnten, verlief der Umzug friedlich. Mehrere Polizisten machten während der Kundgebung Foto- und Videoaufnahmen mit ihren Handys. Auf Anfrage schreibt die Medienstelle der Kantonspolizei, dies sei im Rahmen von Kundgebungen «nicht unüblich». Im Fall vom Sonntagabend sei dies geschehen «mit Blick auf den tätlichen Angriff auf eine Mitarbeiterin». Die Bilder würden im Rahmen der gesetzlichen Fristen gelöscht, so die Kantonspolizei.

Kurz vor dem Rathaus kam es zu einem Zwischenfall: Ein Polizist packte ein Kartonschild der Demonstrierenden, riss ein Stück ab und hob dann sein Handy, um die Menschen hinter dem Schild zu filmen. Das bestätigen eigene Ton- und Videoaufnahmen dieser Redaktion.

Die Kantonspolizei kommentiert den Vorfall wie folgt: «Eine Person hielt einen Karton unmittelbar vor einen Polizisten, um ihm die Sicht aktiv zu verdecken. Dieser entfernte den Karton, welcher dabei beschädigt wurde.»

Das sagt die zuständige Gemeinderätin

Die städtischen Freibäder fallen unter den Zuständigkeitsbereich der Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS). Vorsteherin des BSS ist die Gemeinderätin Ursina Anderegg vom Grünen Bündnis. Sie bedauert den Vorfall und entschuldigt sich für den Fehler: «Aufgrund der konfliktbeladenen Situation hat das zuständige Personal einen Fehlentscheid getroffen.»

Der Konflikt im «Paradiesli» sei indes nicht neu, sagt die Gemeinderätin: «Wir kennen die Diskussion, es gab immer mal wieder Meldungen oder Situationen, die unter den Besucher*innen selbst geregelt wurden.»

Es geht hier um Körperlichkeiten und Verunsicherung, deshalb ist es wichtig, dass wir Aufklärungsarbeit machen und in einen Dialog kommen.

Das Berner Sportamt habe bereits im letzten Jahr eine interne Orientierungshilfe erstellt für den Umgang mit Schutzräumen und geschlechterspezifischen Räumen in sämtlichen städtischen Sportanlagen. «Dafür haben wir mit der Fachstelle für Geschlechterfragen der Stadt Bern sowie mit Fachorganisationen wie dem Transgender Network Switzerland zusammengearbeitet», führt Ursina Anderegg aus.

Der Vorfall vom Sonntagabend werde intern aufgearbeitet und die Direktion werde das Gespräch mit den meldenden Personen als auch mit den betroffenen Personen suchen, so Anderegg. Ausserdem will die Direktion die Zutrittsregeln fürs «Paradiesli» in der Öffentlichkeit transparenter kommunizieren. Intern sollen weitere Sensibilisierungsmassnahmen und Schulungen stattfinden.

(Foto: David Fürst)

Der Gemeinderätin ist es wichtig, zu betonen, dass es keine schwarzweisse Regel gibt, die auf alle Fälle anwendbar ist: «Es geht hier um Körperlichkeiten und Verunsicherung, deshalb ist es wichtig, dass wir Aufklärungsarbeit machen und in einen Dialog kommen.»

Das sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse.

Dass es manche Frauen verunsichert, wenn in geschlechterspezifischen Räumen Körper sichtbar werden, die dort früher nicht sichtbar wurden, dafür hat Ursina Anderegg Verständnis. «Und dass dies zu Spannungen führt, ist nachvollziehbar.»

Diese Spannungen liessen sich nicht mit einfachen Regeln aus der Welt schaffen, ist Anderegg überzeugt: «Das sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse.»

Eine wichtige Debatte – aber auf wessen Kosten?

Dieser Aushandlungsprozess schlummerte hinter den Mauern des Paradiesli wohl schon eine Weile vor sich hin. Dass die Diskussion nun in einer breiten Öffentlichkeit stattfindet, sorgt nun wohl dafür, dass der Prozess schneller in Gang kommt.

In Zeiten, in denen trans und nonbinäre Personen mit aussergewöhnlich viel Gewalt und Anfeindungen konfrontiert sind und ihre Rechte unter Beschuss stehen, ist es wichtig, dass die Stadt Bern ein klares Zeichen setzt. Nun haben sowohl Politik als auch Zivilgesellschaft die Chance, sich eindeutig zu den Rechten von trans Menschen zu bekennen.

Ein gewaltvoller Polizeieinsatz hätte dafür nicht notwendig sein müssen. Denn so wird eine notwendige Diskussion zu queeren Rechten ausgerechnet auf Kosten einer queeren Person angestossen. Neben den körperlichen Verletzungen wird der Vorfall für die Betroffene wohl auch ein juristisches Nachspiel haben: Wie die Polizei schreibt, wird sie gegen die angehaltene Person Strafanzeige wegen Hinderung einer Amtshandlung erstatten. Weil sie sich gegen eine Wegweisung wehrte, die gar nie hätte ausgesprochen werden sollen.

(Foto: David Fürst)