Den Weg der «Legendenfrauen» weitergehen

von Olivia 11. Juni 2026

Vista-Activa Unsere Kolumnistin hat nach der umstrittenen Budgetdebatte im Winter erlebt, was Protest und Mobilisierung bewirken können. Auch deshalb geht sie am feministischen Streiktag wieder auf die Strasse.

Es ist Wintersession und irgendwelche Männer haben darüber abgestimmt, dass ihnen der Schutz von Schafen mehr Wert ist, als der Schutz von Frauen. (Nur 38,5% der Mitglieder im Nationalrat sind Frauen. Das heisst, Männer erreichen ohne Frauenstimmen die Mehrheit). Genauer gesagt wurden in der Budgetdebatte 3,5 Millionen Steuergelder zusätzlich für den Schutz von Schafen freigegeben, nicht aber 1 Million zusätzlich für die Prävention von sexualisierter Gewalt.

Ich bin so wütend, denn geschlechtsspezifische Morde an Frauen nehmen zu: 2025 wurden im häuslichen Bereich 34 Tötungsdelikte verzeichnet. 2024 waren es 26, was einen Anstieg von rund 30% bedeutet. Aber auch die Erzählungen von Freund*innen von sexuellen Übergriffen nehmen zu und misogyne Ansichten junger Männer nehmen zu. Laut einer aktuellen Studie finden ein Drittel der männlichen Jugendlichen, dass die Frau ihrem Ehemann gehorchen sollte. Und ja, die Anzahl Schafe die von Wölfen gerissen werden nimmt auch zu. Die Entschädigungen für Wolfsrisse haben sich seit 2021 ungefähr verdoppelt. Und ja, ich befürworte, dass Geld zum Schutz von Schafen eingesetzt wird. Ich finde es aber gleichzeitig unverzeihlich, dass kein zusätzliches Geld für Prävention vor geschlechtsspezifischer Gewalt eingesetzt wird.

Wir machen Lärm, wir sind wütend und laut. Und auf einmal ist da nicht nur Wut, sondern ganz viel Verbundenheit, Kraft und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Es ist Winter 2025 und mit der grössten Wut im Bauch, sehe ich auf Instagram, dass eine spontane Kundgebung organisiert wird. Mit der grössten Wut im Bauch, radle ich zu meiner besten Freundin und male ein Plakat. Mit der grössten Wut im Bauch, schreibe ich Nachrichten an Freund*innen aus Bern – da einige vielleicht noch nicht mitbekommen haben, was abgeht. Mit der grössten Wut im Bauch, treffe ich mich mit vielen mir bekannten FLINTA+ Personen und fremden FLINTA+ Personen auf dem Bundesplatz. Wir machen Lärm, wir sind wütend und laut. Und auf einmal ist da nicht nur Wut, sondern ganz viel Verbundenheit, Kraft und das Gefühl, nicht allein zu sein. Online wird ein Appell gestartet und nach kurzer Zeit haben bereits 500’000 Menschen unterschrieben. All das führt schliesslich dazu, dass der Nationalrat den Entscheid korrigiert und die Million doch noch bewilligt wird.

Nun ist es schon bald der 14. Juni 2026. Im Winter haben wir bewiesen, dass FLINTA+ Personen ihre Lobby auf der Strasse haben. Die Forderungen des feministischen Streiks sind unter anderem die konsequente Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt. Noch lange ist die Schweiz nicht da, wo sie sein sollte. Die Umsetzung der Istanbul-Konvention lässt vielerorts auf sich warten, und noch immer fehlen ausreichend Schutzplätze für Betroffene. Solange FLINTA+-Personen von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind und wir immer noch nicht gleiche Rechte haben, solange gehen wir auf die Strasse.

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Und wie Slam Poetin, Miriam Schöb, in ihrem Text zum 8. März so schön sagte: «Dass wir da sind, wo wir jetzt sind, kommt nicht davon, dass Generationen vor uns aufs Maul sassen. Und ja, es ist unangenehm und ja es ist schwierig. Aber das Frauenstimmrecht wurde nicht deshalb eingeführt, weil die grossartigen Legendenfrauen von damals nett und herzig darum baten.» (von der Kolumnistin sinngemäss aus dem Schweizerdeutschen übersetzt)

Am 14. Juni haben wir die Möglichkeit, den Weg der «Legendenfrauen» weiterzugehen. Wir treten in ihre Fussstapfen und kämpfen nicht nur gegen Rückschritt, sondern vor allem auch für Fortschritt. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich hätte echt Bock, dass meine Nichten keine Angst mehr auf dem Nachhauseweg haben müssten oder endlich für ihre unbezahlte Arbeit eine Entlöhnung erhalten würden. Genau dies sind zwei der Forderungen des feministischen Streiks 2026.

Deshalb geht auf die Strassen! Seid wütend und laut.