Eine Bernerin, die über Wengen schreibt, sollte man in Wengen besuchen. In Interlaken Ost steige ich um. Eine Zugbegleiterin weist auf Englisch die Tourist*innen an, in den hinteren Wagen einzusteigen. Vorbei an der runden Kuppel des ausrangierten Mystery Parks, hinauf, wo sich die Zahnräder verhaken.
Am Bahnhof, auf 1274 Metern über Meer, begrüsst mich zuerst Fred, der an mir hochspringt. «Das muss er noch lernen», sagt Janica. Am Morgen war sie schon auf einer Alp oberhalb von Wengen und hat Steinpilze gefunden. Als ich es genauer wissen will, antwortet sie nur lachend: «Pilzgatekeeping isch es Ding.»
Wengen ist ein Disneyland für Alpentourist*innen. Das kleine Dorf hat rund 1300 Einwohner*innen und bietet über 5000 Gästebetten, fast viermal so viele. Janica ist hier aufgewachsen und mit 18 Jahren nach Bern gezogen um Kunst und Kulturpublizistik zu studieren. Heute arbeitet sie im Kairo, einer Quartierbeiz in der Lorraine, und stellt Bilder in Offspaces aus. Durch ihren Namen, den die meisten falsch aussprechen, ist sie es gewohnt, dazwischen zu stehen.
«Den Berg auf der Zunge» ist ihr Debüt. Im Buch kehrt die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrem Hund zurück nach Wengen, um auf das Haus der Mutter aufzupassen, die auf Safari ist. Zurück in der Heimat reflektiert sie über das Verhältnis von Stadt und Land, den Tourismus und die Mystik der Berge.


Alles erfunden
Janica zeigt mir ihr Wengen. Wir laufen durch die breite Dorfstrasse, sehen den Turm der Kirche, wo Janicas Vater früher Pfarrer war, gehen vorbei an der Grundschule und hinauf in den Wald. Wir setzen uns auf eine Wiese und blicken von oben auf das Dorf hinunter. Fred macht es sich im Schatten hinter unseren Rücken gemütlich.
«Kein Wort dieser Geschichte ist gelogen, alles habe ich erfunden» – mit diesem Satz beginnt der Roman und verweist darauf, dass der Text nicht autobiografisch ist, sondern autofiktional. Janica wollte damit auch ihre Familie und Freund*innen schützen. «Ich hatte gedacht, dass der Roman viel autofiktionaler wird, als er jetzt ist. Und dann habe ich plötzlich richtig viel Spass daran bekommen, einfach Sachen zu erfinden und zu lügen und irgendwie damit zu spielen», sagt sie.
Kein Wort dieser Geschichte ist gelogen, alles habe ich erfunden.
Materie
Was «Den Berg auf der Zunge» auszeichnet, ist eine Sprache, welche die Bergwelt erfahrbar macht. Kunstschnee macht Styroporgeräusche unter Kinderfüssen. Der Permafrost ist der Zement der Gipfel. Oder auch: «Heimweh ist Muskelkater im Herz.» Wie kommt Janica zu diesen Sätzen? «Es kann wirklich sein, dass ich einen Tag lang nur überlegt habe: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kunstschnee und Naturschnee», sagt sie. «Und ob das dann sechs Seiten waren, die ich geschrieben habe, oder ob es am Ende in einem einzigen Satz erwähnt wird, hat sich erst später entschieden.»
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Oder die Sätze fallen ihr zu: «Ich schreibe viel, wenn ich unterwegs bin», beschreibt Janica ihre Arbeitsweise. «Die Sätze kommen zufällig, und gar nicht unbedingt dann, wenn ich sie suche. Dann versuche ich, den Text darum herum zu fassen. Es geht vom Kleinen ins Grosse, nicht umgekehrt.»
Statist*innen
Das Buch setzt sich immer wieder mit dem menschengemachten Schlund zwischen der Stadt und dem Land auseinander. In einer Passage steht: «Wenn ich in der Stadt vom Dorf erzähle, können sie es nicht glauben. Für sie sind die Leute aus den Bergdörfern Statist:innen, sie stehen im Dorf herum, damit sich die Tourist:innen nicht so einsam fühlen. In den Bergen macht man Ferien.» Das merkt man dem Dorf an, die meisten Menschen, die durch die Strassen laufen, sind Feriengäste Ich frage Janica, ob es zwei Wengen gibt, ein touristisches und ein einheimisches. Nein, Wengen sei zu klein dafür, sagt sie. Aber es gebe schon Orte, wo sich mehr Einheimische bewegen.
Auf die Frage, ob das Buch eine solche Brücke zwischen Stadt und Land bauen möchte, antwortet Janica: «Ich hoffe das irgendwie schon ein bisschen, aber das ist vielleicht auch ein romantischer Wunsch, ich weiss es nicht.» Sie sei gespannt, wie die Reaktionen aus dem Dorf ausfallen werden, wenn das Buch dann in der Dorfbibliothek und Buchhandlung aufliegt, wo früher eine Apotheke war.

Der Berg fragt nicht
Geschrieben hat Janica das Buch in den Jahren 2024 und 2025. «Es regnet nicht in diesem Sommer», heisst es darin, und die Autorin beschreibt, was den Bewohner*innen drohen könnte, die im Dorf am Fusse des Felsen wohnen. «Die Gletscher schmelzen, und sobald sie verschwunden sind, werden die Felsen auf uns herunterstürzen. Erst bloss bröckelig, später brutal. Der Berg fragt nicht, er hat es noch nie getan. Dem Berg ist das Dorf egal.» Dieses Gefühl der Bedrohung wird real, wenn man zum Gletscher schaut. Janica zeigt mir, wo heute wieder etwas Schnee liegt beim Gletscher der Jungfrau, diesen Sommer sei der Schnee ganz weg gewesen. Fred bekommt nichts von dieser Bedrohung mit und schläft immer noch in unserem kühlen Schatten. Wanderer laufen vorbei und grüssen freundlich. Alles sehr idyllisch.
«Es kommt mir im Nachhinein fast vor wie eine Prophezeiung, was ich geschrieben habe», sagt Janica. Der Felssturz von Blatten habe sie fertiggemacht. Verändert hat sich dadurch auch ihr Blick auf das Dorf: «Wengen war für mich sehr lange ein Ort, der sehr sicher ist und wohin man geht, wenn man nicht weiter weiss. Und das hat sich jetzt verändert, weil diese Felsstürze passieren. Man ist hier ziemlich abgeschnitten von einer menschlichen Bedrohung, im Prinzip aber nicht von einer natürlichen. Auch wenn die natürliche vielleicht menschengemacht ist.»
Es kommt mir im Nachhinein fast vor wie eine Prophezeiung, was ich geschrieben habe.
Der Schutzpatron
Am Rande, aber sehr berührend, beschreibt Janica die Symbiose zwischen Hund und Mensch: «Meine Aufgabe ist es, ihm ein Zuhause zu geben. Seine Aufgabe ist es, mich sicher durch die Tage zu bringen.» Ich denke, hier ist Janica sicher nahe an ihrem echten Leben. Sie bestätigt dies im Gespräch: «Fredi ist für mich sehr wichtig, das ist klar. Aber in der Geschichte funktioniert der Hund als eine Art Schutzpatron. Er hilft der Erzählerin, sich durchs Dorf zu bewegen.» Auch die anderen Figuren haben klare Funktionen: «Margrit ist sehr stark, die Brückenbauerin zwischen Stadt und Land. Luc ist jemand, der die Tür ins Dorf öffnet.»


Das Vaterkind
Der Vater kam aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz, um Theologie zu studieren, heiratete und wurde Pfarrer im Bergdorf. Seine Kindheit in der alten Heimat rekonstruiert die Erzählerin und macht die Grenzen dieser Rekonstruktion selbst sichtbar. Mit Hilfe des Internets geht die Ich-Erzählerin auf Spurensuche. Im Buch steht: «Google Street View markiert die Grenzen meiner Wahrnehmung.»
Darf sie das überhaupt? «Ich bin nicht die Person, die die Geschichte meines Vaters jetzt erzählen sollte, weil er schon tot ist. Er kann ja nichts mehr dazu sagen», sagt Janica. «Gerade wenn man jemanden nicht mehr fragen kann, versucht man, sich seine Fragen selbst zu beantworten.»
Erzählt wird das auf einer zweiten Zeitebene, in der dritten Person: was «das Kind» erlebt hat, manchmal auch «das Vaterkind». Warum nicht einfach als Erinnerung in der Ich-Form? «Kurz gab es auch die Überlegung», sagt Janica. «Aber das hat dann irgendwie den Blick eines Kindes auf die Welt verloren.»
Es ist für mich ein sehr berührender Teil des Textes. «Das Kind ist kein Kind mehr und der Vater kein Vater, beide sind aus ihrer Haut gewachsen», heisst es an einer Stelle über den Abschied.
Das Ende
Die Frage, wieso die Autorin dieses Buch schreibt, ist etwas banal und trotzdem spannend: «Vielleicht ist der ganze Roman irgendwie eine Suche danach, wie ich für mich selbst die Situation hier am angenehmsten machen könnte», sagt Janica.
Wir laufen wieder hinunter ins Dorf, Janica findet noch einen Steinpilz am Wegrand und freut sich. «Du weisst gar nicht, wie selten das ist, einfach so neben dem Wanderweg», sagt sie mir, der keine Ahnung von Pilzen hat. Sorgfältig verstaut sie ihn im Rucksack bei den anderen inder Papiertüte. Vor uns läuft ein Eichhörnchen über den Weg, Fredi sieht es zuerst nicht und nimmt dann die Witterung auf, zu spät, der Nager ist schon auf eine Baum und blickt neugierig und in sicherer Distanz zu Fredi auf uns herab.


Vielleicht ist der ganze Roman irgendwie eine Suche danach, wie ich für mich die Situation hier am angenehmsten machen könnte.
Auf der Sonnenterasse des Hotels Schönegg bei einem Suure Most, erzählt Janica, was sie beim Schreiben selbst überrascht habe: dass sie den Stadt-Land-Graben, von dem sie ausgegangen sei, so gar nicht mehr finde. «Die Leute bleiben Leute. Sie sind überall genau gleich. Und sie haben alle Angst vor Veränderung.» Am Ende, sagt sie, wollten alle dasselbe: verstanden werden.
Dann nehmen wir gemeinsam den Zug zurück in die Stadt. Fredi ist sichtlich müde und geniesst die Abendsonne, die durch das Zugfenster scheint.
«Den Berg auf der Zunge». Roman. Limmat Verlag, 184 Seiten. Erscheint am 17. September 2026. Vernissage ist in der Länggasse im Offspace Bacio.

In «Den Berg auf der Zunge» kehrt die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrem Hund zurück nach Wengen. (Foto: David Fürst)