Anneli Binder, Sie kuratieren bereits zum achten Mal «Tanz in Bern». Was macht dieses Tanzfestival aus?
Es sind drei Wochen im Jahr, in denen die Dampfzentrale zu einem Ort wird, an dem sich Menschen begegnen, verweilen und wo etwas zwischen Publikum und den Künstler*innen passiert, das wir nicht voraussehen können. Tanz in Bern findet auch abseits der Bühne statt. Mit viel Kontextprogramm, Veranstaltungen, die rund um die Vorstellungen stattfinden, und einem Festivalzentrum laden wir jeweils ein, gemeinsam mit einem Thema unterwegs zu sein.
Dieses Jahr zum Motto «Mensch!». Warum?
Wir haben den Eindruck, dass das Menschliche gegenwärtig an den Rand gerät. Wir sind als Menschen in Frage gestellt von Klimakatastrophe, Krisen und den Entwicklungen der KI. Uns geht es darum, das, was uns als Mensch ausmacht, anzurufen. Darum das Ausrufezeichen. «Mensch!» ist ja auch Appell im Alltag, ebenso gibt es sogar im Englischen das Adjektiv «menschy» für eine Person, die aussergewöhnlich freundlich und integer ist. Wir haben neun Produktionen programmiert, die sich dem Menschen auf sehr unterschiedliche Weise nähern. Uns beschäftigt, was uns jenseits aller diskursiven Zugriffe, etwa aus den Religionen, Wissenschaften oder der Politik, ausmacht und eint: Lust, Schmerz, Trauer, Euphorie, Langeweile – alle diese grundlegenden menschlichen Erfahrungen.
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Ist Tanz näher am Menschen als andere Kunstformen?
Ich will die Bühnenformen nicht gegeneinander ausspielen. Die Kraft des Tanzes sehe ich darin, dass er die Zuschauenden in ihrer Autonomie belässt, nicht alles erklärt und sie darum auf eine existenzielle Art aussetzt und mit eigenen Erfahrungen konfrontiert. Beim Sprechtheater können sich die Menschen am Text und der Handlung orientieren – im Tanz passiert vieles über die körperliche und unbewusste Ebene. Das hat eine Unmittelbarkeit. Und es ermöglicht auch eine Verbundenheit mit anderen Körpern und Empfindungen. Ein Beispiel dafür ist das Stück «Crowd» von Gisèle Vienne. Die Performance ist bereits zehn Jahre alt, aber sehr aktuell: Wir sind als Zuschauende körperlich mit dabei, wie eine Gruppe von ravenden Menschen aus einer Partystimmung immer mehr in einen aggressiven Zustand verfällt. Das Ganze ist unglaublich intensiv und herausfordernd. Das Publikum begegnet dem Abgründigen im Menschen. Das kann Tanz.
Uns beschäftigt, was uns eint: Lust, Schmerz, Trauer, Euphorie, Langeweile – alle diese grundlegenden menschlichen Erfahrungen.
Das Festival nennt sich Tanz in Bern – doch zeigt es internationale Tanzkunst. Kommt lokales Tanzschaffen zu kurz?
Mich stört dieser implizite Ruf nach mehr lokaler Kultur. Für mich ist es kein Widerspruch, internationales Tanzschaffen an einem Berner Festival zu zeigen, zumal ja auch die Berner Stadtgesellschaft divers, migrantisch und international ist. Das wird schlicht nicht mitgedacht bei diesem Diskurs um lokale Kultur. Das ist das eine. Zudem ist es unser städtischer Auftrag, mit diesem Festival internationales Tanzschaffen nach Bern zu bringen. Das macht die Dampfzentrale zu einem Ort mit Strahlkraft, den man auch ausserhalb der Schweiz kennt.
Sie bringen grosse Namen wie Sharon Eyal und Adam Linder nach Bern.
Adam eröffnet das Tanzfestival dieses Jahr mit dem Stück «Drip Tekhne», das die Evolution des Menschseins durchspielt. Zu Sharon Eyal oder Adam Linder etwa hat Tanz in Bern und unser Publikum eine langjährige Beziehung aufgebaut. Wir setzen auf eine Mischung von bekannten Künstler*innen und neuen. Es ist vor allem unser Anliegen, mit dem Tanz Brücken zu bauen und Bindungen zu etablieren.
Das Kunstschaffen gerät durch kulturfeindliche und antidemokratische Entwicklungen weltweit unter Druck. Gelder und Orte verschwinden. Kulturhäuser in der Schweiz haben trotz Spardruck noch immer Ressourcen. Bringt das auch eine politische Verantwortung mit sich?
Unbedingt. Zum einen geben wir internationalen Kompanien, die in ihren Kontexten oft unter erschwerten Bedingungen arbeiten, eine Bühne. Zum anderen wählen wir Werke, die Horizonte eröffnen. Dieses Jahr besucht uns etwa die Lia Rodrigues Companhia de Danças mit ihrem Stück «Borda». Lia Rodrigues beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Menschen am Rand der brasilianischen Gesellschaft und kreiert mit ihren Tänzer*innen eindrückliche Tableaux Vivants der Conditio Humana.
Wir geben internationalen Kompanien, die in ihren Kontexten oft unter erschwerten Bedingungen arbeiten, eine Bühne.
Sie bespielen ein linkes, bildungsbürgerliches und weisses Publikum. Wie geht das mit dem Anspruch auf Diversität zusammen?
Danke für diese Frage. Die Reichweite unseres Programms beschäftigt uns ebenfalls. Wir verstehen uns selbst als lernende Institution und suchen nach Wegen, so offen wie möglich zu sein. Unser Haus ist im Wandel, hat aber einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, das ist so. Und ja, wir predigen zum Chor eines bestimmten Milieus. Doch glaube ich, dass es heute notwendig ist, uns gegenseitig darin zu bestärken, wofür wir einstehen, und diese Haltung gemeinsam zu erleben. Das umfasst unbedingt auch, unsere eigenen Denkgewohnheiten und unreflektierten Annahmen zu befragen. Ich sehe uns allerdings nicht als exklusiv linken Ort. Alle, die für Kultur und Demokratie einstehen, sind willkommen.
Sie zeigen bei Tanz in Bern eine Vielfalt an Körpern und körperlichen Erfahrungen.
Ja. Ein Tanzfestival zu kuratieren, bedeutet auch immer, zu entscheiden, welche Körper sichtbar werden. Zugleich treiben uns Fragen des Zugangs um. Etwa für Menschen mit Behinderungen. Mit Massnahmen wie Early Onboarding möchten wir es Menschen mit eingeschränkter Mobilität erleichtern, unsere Veranstaltungen zu besuchen. Und als Person ohne Behinderung am Einlass einmal warten zu müssen, kann ebenso Teil einer Festivalerfahrung sein.
Im vergangenen Jahr kamen wir an die Grenzen.
Die Dampfzentrale hat mit dem nicht verlängerten Leistungsvertrag der Stadt und der Neuausschreibung, die 2025 folgte, zwei turbulente Jahre hinter sich. Auf eigenen Wunsch geben Sie und Ihre Kollegen Ende 2027 die Leitung ab. Wie geht es Ihnen?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir in dieser Zeit immer gut ging. Die Zahlen stimmten und doch entzog man uns den Leistungsvertrag. Das gesamte Team hat gelitten und wir kämpfen mit Krankheitsausfällen. Zum Glück kam viel Rückhalt von unseren Künstler*innen und aus dem Publikum. Dass wir dann an der Neuausschreibung des Leistungsvertrags mitarbeiten konnten und der Verein Dampfzentrale mit dem Plan D den Zuschlag erhielt, lese ich als Zeichen des Vertrauens. Im vergangenen Jahr kamen wir an die Grenzen, es war für uns viel unbezahlte Arbeit neben der regulären Programmation. Doch mit dem Plan D steht nun ein gutes Konzept für die Zukunft des Hauses. Ich wünsche allen, die es umsetzen werden, das Beste. Aber jetzt freue ich mich erstmal irre auf das Festival und Tanz in Bern.
Dieses Interview erschien zuerst bei der Berner Kulturagenda. 
Anneli Binder ist die künstlerische Leiterin des Festivals «Tanz in Bern». (Foto: David Fürst)
