Laureta Hajrullahu steht in ihrem Atelier im PROGR, probiert einen Stift auf einem Stück Kunstleder aus, tastet sich an ein Motiv heran, das später als 3D-Druck auf verschiedenen Stoffen landen soll. Es ist eine ungewohnte Materialwahl für die 28-jährige, in Pristina lebende Künstlerin, die in ihrer Kunst bis jetzt vor allem mit digitalen Medien und Videospielen arbeitete.
Für ihre zweimonatige Artist Residency am Kino Kosova Festival hat sie sich vorgenommen, etwas Neues zu versuchen: «Diesmal werden es wohl eher Gaming-Referenzen sein, aber keine echten Videospiele mehr.»

Stattdessen: Ein ganz analoges Spiel, ein Drachen, aus unterschiedlichen Materialien, die mit handgeschrieben wirkenden Texten aus dem 3D-Drucker bestückt sind. «Es ist für mich ein Privileg, hier in Bern während der Residency einfach experimentieren und mich künstlerisch weiterentwickeln zu können», sagt Hajrullahu.

Artist Residency: Austausch und künstlerisches Experimentieren
Das Festival findet dieses Jahr zum siebten Mal in Bern statt, die Artist Residency existiert seit vier Jahren. Die Idee dazu sei aus dem Wunsch entstanden, «den Leitgedanken des Festivals – kritische Reflexion und den Austausch zwischen zwei unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu fördern – auf den Bereich der bildenden Kunst auszuweiten», sagt Gisela Stöckli, Leiterin des Residency-Programms beim Kino Kosova Festival. Vor Hajrullahu waren bereits Jakup Ferri, Blerta Hashani und Lumturie Krasniqi sowie Yll Xhaferi (Journal B berichtete) zu Gast.
Man hat keine Angst, etwas auszuprobieren und zu scheitern, weil man es einfach für sich selbst macht.
Die zwei Monate in Bern böten den Kunstschaffenden vor allem Zeit und Raum zum Recherchieren und Experimentieren, sagt Stöckli. Im Zentrum stünden dabei kollaborative Prozesse, Austausch mit dem kulturellen Umfeld und die Reflexion über zeitgenössische Fragen rund um Migration, Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit.
Erstmals wird die Residency dieses Jahr gezielt mit einer Schweizer Künstlerin verknüpft: Anita Muçolli, die in Basel lebt und kosovarische Wurzeln hat. Stöckli verfolgt die künstlerische Praxis der beiden Künstlerinnen seit einiger Zeit und die beiden Künstlerinnen zusammenzubringen, war für Stöckli naheliegend: «Trotz unterschiedlicher künstlerischer Praxis berühren sich ihre Themen und ihr Zugang zur Bildsprache auf unerwartete Weise.» Aus der Zusammenarbeit der beiden Künstler*innen ist bereits ein greifbares Ergebnis entstanden: Sie haben gemeinsam die diesjährigen Festival-T-Shirts gestaltet.
Journal B ist diesjähriger Medienpartner von Kino Kosova. Das während der Residency entstandene Kunstwerk von Laureta Hajrullahu wird während des Festivals (9. – 13. September) im Labor des PROGR ausgestellt. Zudem findet am 12. September, um 16 Uhr, ein Künstlerinnengespräch im Lehrerzimmer statt, das die Praxis von Hajrullahu und Muçolli sowie ihre Zusammenarbeit «In Dialogue» vorstellt und eine Brücke zwischen bildender Kunst und dem Filmfestival schlägt.
Dass Hajrullahu ausgerechnet von einem Filmfestival zu einer Residency eingeladen wurde, passt ganz gut. Denn: Eigentlich wollte Hajrullahu selbst einmal Filmemacherin werden. Dann entschied sie sich aber für ein Druckgrafik-Studium. Dabei merkte sie bald, dass sie weniger am Film selbst interessiert war als am bewegten Bild: «Ich glaube, ich rekonstruiere in all meinen Arbeiten eine Art Szenerie für einen Film. Aber es ist kein Film, es ist ein Kunstwerk.»

Zu den Videospielelementen kam sie eher zufällig – ohne professionelles Kameraequipment vor Ort, begann sie Games zu streamen, um daraus eigene Kunstwerke zu schneiden. In ihrer Kunst geht es auch um Fragen der Autor*innenschaft: «Jetzt ist es Zeit, ein eigenes ‹Spiel› zu kreieren und nicht nur mit den Spielen anderer zu spielen.»
Zwischen Sicherheitsnetz und Mut zum Risiko
Als Künstlerin, die seit zwei Jahren ausschliesslich von ihrer Kunst lebt, sieht Hajrullahu klare Unterschiede zwischen Bern und Pristina. In der Schweiz gebe es so etwas wie ein Sicherheitsnetz, planbare Förderstrukturen und gemeinschaftliche Ateliers, dies sei im Kosovo eher selten. Zudem konzentriere sich in der Schweiz die Kunstszene nicht nur auf eine oder zwei Städte, wie etwa im Kosovo, und die Kunst werde dadurch für mehr Menschen zugänglich.
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Im Kosovo lebe man mehr «von Tag zu Tag» – was aber auch etwas freisetze: «Man hat keine Angst, etwas auszuprobieren und zu scheitern, weil man es einfach für sich selbst macht.» Die Kunstszene sei dadurch, trotz fehlender Infrastruktur, unmittelbarer und mutiger, findet Hajrullahu.

Zahlreiche Ateliergespräche, neue inspirierende Bekanntschaften, aber auch der «sehr heisse» Hitzesommer inklusive des bernischen Rituals des Aareschwumms, bleiben Hajrullahu besonders von Bern in Erinnerung: «Die Aare war magisch! Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einem Fluss geschwommen bin.»
Laureta Hajrullahu erhielt dank der Artist Residency vom Kino Kosova die Möglichkeit, während zweier Monate im PROGR zu leben und zu arbeiten. (Foto: David Fürst)