Das Foto zeigt mehrere Frauen und einen Jungen im Korridor einer Bibliothek. Einige Frauen unterhalten sich fröhlich, während der Junge angespannt ins Nichts starrt. Alle warten auf etwas, was die Betrachtenden nicht sehen können. Wie Fotograf Åke Ericson auf dem Rundgang durch die Ausstellung erzählt, sollte in der Bibliothek im ukrainischen Ripky eine Buchdiskussion stattfinden. Jedoch sei kurz zuvor ein Luftalarm losgegangen und die Besucherinnen hätten die «Zwei-Wände-Regel» befolgt – wenn es keine Möglichkeit gibt, einen Schutzraum aufzusuchen, sollte man zwei Wände zwischen sich und das Freie bringen.
Bombenalarm, zerstörte Gebäude und beschädigte Bestände – das ist die Realität ukrainischer Bibliotheken seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Der preisgekrönte schwedische Fotograf Åke Ericson hat das Land im April 2025 besucht, zusammen mit Thord Eriksson, Chefredaktor des Bibliotheksbladet, dem Magazin des schwedischen Bibliothekverbandes. Ziel der Reise war es, zu dokumentieren, wie der Krieg die Arbeit der ukrainischen Bibliotheken beeinträchtigt und verändert. Für Åke Ericson war es bereits die zwölfte Reise in die Ukraine, aber die erste seit Beginn des Krieges.
Der Krieg in der Ukraine erscheint uns manchmal weit weg. Aber als ich die Bilder aus den Bibliotheken gesehen habe, merkte ich, wie nah er uns eigentlich ist.»
Seine Fotos sind zurzeit in der Ausstellung «Krieg gegen die ukrainischen Bibliotheken» in der Berner Kornhausbibliothek zu sehen, die noch bis Ende Januar läuft. An der Vernissage erklärte Dani Landolf, Direktor der Kornhausbibliotheken, weshalb er die Ausstellung nach Bern geholt hat: «Der Krieg in der Ukraine erscheint uns hier in der Schweiz manchmal weit weg. Aber als ich die Bilder aus den Bibliotheken gesehen habe, merkte ich, wie nah er uns eigentlich ist.»

Thord Eriksson, der ebenfalls zur Vernissage angereist ist, erzählt, dass sie anfangs dachten, sie würden mit den ukrainischen Bibliotheken ein Randthema des Krieges behandeln. Sehr schnell jedoch, so der Journalist, hätten sie begriffen, dass Bibliotheken sehr zentral in diesem Konflikt seien. Denn der Angriff auf ukrainische Bibliotheken sei gezielt – Russland würde mit seinem Angriff ebenso Sprache, Literatur, Kultur und Geschichte der Ukraine zerstören wollen.
Die Folgen zählt an der Vernissage Viktoriia Polova auf, Koordinatorin der Ukrainischen Biblioteksvereinigung: 16 getötete Bibliothekar:innen, 237 total zerstörte Bibliotheken, 975 beschädigte Bibliotheksgebäude, 510 Bibliotheken, die ihren gesamten Bestand verloren haben, 4’025 Bibliotheksangestellte, die ihre Arbeit aufgeben mussten.
Viele wenden sich von der russischen Sprache ab
Die Fotos von Åke Ericson zeigen diese Realität des Krieges auf eindrückliche Weise: Da sind die Mauern einer zerstörten Bibliothek zu sehen, die Spuren eines Drohnenangriffs vor einer Kinderbibliothek, die Ruinen des Kulturhauses in Jahidne. Aber Åke Ericson zeigt in seinen Aufnahmen auch, wie die ukrainischen Bibliotheken im Krieg eine neue, wichtige Rolle übernehmen. Wie Schutzräume im Keller von Bibliotheken eingerichtet wurden, in denen Kinder bei Luftangriffen zur Schule gehen können. Wie eine Bibliothekarin Kisten mit Büchern auspackt, die Book Aid International, eine britische Organisation, geliefert hat, um die Bestände ukrainischer Bibliotheken aufzufüllen. Wie in Bibliotheken therapeutische Angebote stattfinden: Yogakurse oder Kunsttherapie.
Seit Beginn des Krieges sei es zu einer Renaissance des Lesens gekommen.
Bibliotheken erhalten in Zeiten des Krieges einen neuen Stellenwert. An der Podiumsdiskussion, die zur Ausstellungseröffnung am vergangenen Dienstagabend mit Gästen aus der Ukraine, Schweden und der Schweiz stattfand, erzählte Kinderbuchautorin Kateryna Yehorushkyna, dass es seit Beginn des Krieges zu einer «Renaissance des Lesens» gekommen sei. Viele Ukrainer*innen würden auch selbst zu Stift und Papier greifen, um in den Stunden und Tagen der Energieengpässe eine Aufgabe zu haben. Und das mittlerweile oft eher auf Ukrainisch als auf Russisch – der Sprache des Feindes.

Auch auf vielen von Åke Eriscons Fotos zeigt sich, wie sich das Verhältnis zu russischer Literatur und Sprache seit Beginn des Krieges verändert hat. Da sind verhüllte Statuen russischer Dichter in der Vernadskyj-Bibliothek in Kyjiw zu sehen oder Bücher in russischer Sprache, die nicht mehr in den Regalen stehen, sondern unter der Ausleihtheke liegen – falls sie doch jemand lesen möchte. Auch Yehorushkyna wandte sich von der russischen Sprache ab, wie sie auf dem Podium erzählte: Sie könne nicht Russisch sprechen, wenn Russland ihre Vorfahren umgebracht habe, wie es während des Holodomors und der Stalinschen Repression geschah.
Die Fotoausstellung läuft noch bis Ende Januar. Die Bilder hat die Kornhausbibliothek mit einem Büchertisch ukrainischer Autor*innen ergänzt. Besonders eindrücklich: Zu ihrem Schutz in Plastik verpackte, halb verbrannte Bücher – papierne Überlebende eines russischen Angriffs auf die Druckerei «Faktor Druk» in Charkiw.
Dieses Haus steht in der Stadt Semeniwka, die so nahe an der russischen Grenze liegt, dass der Luftalarm bei einem Angriff nicht rechtzeitig ausgelöst werden kann. (Foto: Åke Ericson)
