Am Montag, 27. Juli, sind die drei Bären Finn, Björk und Ursina im Bärenpark so munter unterwegs, als wären sie zu viert. «Wir haben soeben drei Bären gesehen, und weiter hinten noch einen», freuen sich zwei Frauen aus Paris. Priya Vin und Vinod Ramachandran aus Dallas in den USA sind ebenfalls guter Laune: «Heute konnten wir die Bären beobachten. Gestern war keiner da».

Priya ist Reise-Influencerin, besucht hochgetaktet europäische Reiseziele und schreibt einen Artikel über Bern. Das Hotel hätte ihnen empfohlen, den Bärenpark zu besuchen. Wie denn die Einheimischen dazu stehen, möchte sie wissen. Ich zögere nur kurz, weil mir die Debatten um den neuen Bärenpark durch den Kopf gehen, und dass der Stadtrat das Motto «500 Jahre Bären» für ein Stadtfest einstimmig abgelehnt hat.
Doch Vinod wird sofort misstrauisch: «Es sind doch nicht etwa Demonstrationen geplant?». Ich kann ihn beruhigen. Dann möchte er wissen, ob sich die Bären ihre Nahrung selbst suchen, als handle es sich um einen amerikanischen Nationalpark. Ich verneine.

Aber Thomas Zurbuchen, Gruppenleiter Raubtiere im Tierpark Bern und damit zuständig für den Bärenpark, revidiert mein Bild der rundum versorgten Bären: «Gerade nach der Winterruhe verzichten wir etwa einen Monat auf Fütterung. Da sie erst langsam in die Gänge kommen, reicht ihnen in dieser Zeit das frische Gras. Ohnehin können sie fressen, was sie im Gelände finden. Das kann auch mal eine erbeutete Taube, Krähe oder Ratte sein, zudem Ameiseneier, und natürlich später im Jahr Früchte und Beeren.»

Bären ernähren sich zu 80 Prozent vegetarisch, hinzu kommen Fleisch und Fisch vorwiegend als Aas sowie Eier und Insekten. Vor der Winterruhe vertilgen Braunbären rund dreissig bis vierzig Kilogramm Futter – pro Tag. Den grössten Teil erhalten sie als Fütterung in kleinen und grossen Stücken, oft gut versteckt in der Anlage.
Geduld ist gefragt
Die Bären sind nicht mehr wie im alten Bärengraben blossgestellt. Sie können sich verstecken. Als der Bärenpark neu war, habe es deswegen einige Reklamationen gegeben, sagt Thomas Zurbuchen. «Am ehesten sind es heute noch Besucher*innen aus Asien, welche die Bären verpassen, da viele oft nur kurz im Bärenpark und für wenige Stunden in Bern verweilen.»

Mittlerweile habe sich herumgesprochen, dass Geduld nötig sei. Wenn man dann einen Bären entdecke, sei dies ein Highlight. Weil Bären zwar viel, aber auch kleine Häppchen wie Beeren fressen, sind sie ausdauernd unterwegs auf Futtersuche und somit immer wieder sichtbar für die Besucher*innen. Viele Menschen sind erstaunt, wie gross und stark die Bären sind. Selten könne man sie so nah und unmittelbar in ihrer natürlichen Umgebung erleben, sie riechen, hören, ihnen beim Schwimmen zusehen.
«Hier hat es sogar Bären?»
Ich stürze mich wieder in den bunten Strom der Besucher*innen. Eine tamilische Familie aus Dänemark liebt Städtetrips. Sie spaziert dem Tramdepot entlang und ist hingerissen von der Berner Altstadt-Kulisse. «Was, hier hat es sogar Bären?» Eine Überraschung, die sie mit Begeisterung aufnehmen. Max und Toni kommen aus Taiwan. Toni lebt mit seiner Partnerin in Lausanne und will Max die Schweiz zeigen. «Very good for first time visitors», beschreibt Max den Bärenpark diplomatisch.

Besonders passend sei der Ort ja, weil die Bären der Stadt den Namen gaben, wie er eben erfahren habe. Das sei zwar eine gute Geschichte, stimme aber wohl nicht, halte ich entgegen, glücklicherweise ohne Max und Toni die fröhliche Laune zu verderben. «Ja weshalb hat es dann Bären hier?» Gute Frage. Bären gibt es in Bern seit über 500 Jahren. Sie gehören zu Bern, sie gaben der Stadt den Namen: Diese millionenfach erzählte Geschichte entwickelte über die Jahrhunderte eine eigene Anziehungskraft. Man besucht, was andere auch besuchen. Ein Alleinstellungsmerkmal, das alle anderen Sehenswürdigkeiten der Schweiz in den Schatten stellt.
Wer Bern besucht, besucht den Bärenpark
«Ich kenne in Bern den Bärengraben, wo man Bären mit Äpfeln füttern kann», erzählte mir vor zwei Wochen ungefragt ein älterer Herr im griechischen Patras, bei dem ich mich nach dem Weg zum Hafen erkundigte. Dazu kommt die Aussicht: «Die Lage direkt an der Aare ist wunderbar, und man hat von oben einen tollen Blick über Fluss und Altstadt.», schreiben Besucher*innen bei Tripadvisor.
Meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Schweiz
Der Bärenpark zählt mit rund 1.8 Millionen Besucher*innen pro Jahr zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz. Je nach Zählweise führt der Bärenpark die Rangliste sogar an. Auf alle Fälle sind es weit mehr als die eine Million Tourist*innen, die jährlich Bern besuchen. Doris Slezak, Kommunikationsbeauftragte des Tierparks, erklärt die Diskrepanz: «Es gibt viele Berner*innen, die immer wieder ‹ihre› Bären besuchen. Es gibt auch viele Jogger*innen und Spaziergänger*innen, die am Bärenpark vorbeikommen und in ihre Strecke die Berner Bären einbauen.» Er gehört das ganze Jahr über als traditioneller Ausgangs- oder Schlusspunkt zu fast jedem Altstadtbesuch. «Wer Bern besucht, besucht den Bärenpark», fasst Thomas Zurbuchen zusammen.

Im Winter allerdings kriegen die Besucher*innen kaum einen Bären zu Gesicht. Die Winterruhe, welche die Bären in künstlichen Höhlen im Hang verbringen, dauert von Anfang November bis Ende März. Sie hätten zwar schon selbst Höhlen gegraben, die ihnen dann aber wohl doch zu feucht waren, erzählt Thomas Zurbuchen. Meine junge Nichte Chelly aus Südafrika liess sich jedoch auch Ende November nicht davon abhalten, nach den Bären – wenn auch vergeblich – Ausschau zu halten. Allerdings, so Zurbuchen, könnten sie sich durchaus auch im Winter für ganz kurze Zeit draussen die Beine vertreten.
Bist du schon Mitglied?
Das Online-Magazin Journal B macht seit 14 Jahren Journalismus für Bern. Wir finanzieren uns grossteils über Mitgliederbeiträge. Bist du schon dabei?
Was ihn selbst an den Bären fasziniere, frage ich zum Schluss Thomas Zurbuchen, während wir auf dem Uferweg stehen, wo vor uns, getrennt durch eine Abschrankung aus Glas, das Aarewasser durch die Anlage fliesst. «Es ist ein Wildtier, gross und stark. Bären können besser rennen, klettern, schwimmen als wir Menschen, und sind doch friedlich. Sie sind sensibler als man denkt, und haben ihre eigene Individualität.» Und als sei es geplant, gönnt sich Finn gleich daneben ein kühles Aarebad.
Der Bärenpark zählt mit rund 1.8 Millionen Besucher*innen pro Jahr zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz. (Foto: David Fürst)