Elsbeth Wandeler ist guten Mutes. Denn das Projekt, dem sie sich seit ihrer Pensionierung widmet, wird bald Realität: In einigen Monaten eröffnet das stationäre Berner Erwachsenenhospiz im Haus Oranienburg seine Türen. Dort stehen ab diesem Sommer neun Zimmer für Menschen zur Verfügung, die nicht mehr lange zu leben haben. Es wird einen Aufenthaltsraum und einen Garten geben. Angehörige können ebenfalls in den Zimmern übernachten – wenn dies gefragt ist. Hier stehen die Wünsche der Sterbenden und ihrer Angehörigen im Zentrum.
Ursprünglich hätte das Hospiz in das ehemalige Alters- und Pflegeheim Mon Soleil in der Länggasse einziehen sollen. Gegen den Umbau erhoben jedoch mehrere Personen Einsprache: in eine Wohngegend gehöre kein Hospiz oder das eigene Haus verliere an Wert in dessen unmittelbaren Nachbarschaft, so die Sorgen.
Mit der Lösung im Altenberg ist Elsbeth Wandeler, die Präsidentin des Vereins Berner Hospize, allerdings mehr als zufrieden. Das Hospiz kann so sogar früher starten als ursprünglich geplant. Und weil es im Haus der Stiftung Diaconis ebenfalls eine spezialisierte Palliativ-Abteilung gibt, könne man zudem Synergien nutzen.
Sterbenskranke Menschen können nur für eine bestimmte Zeit auf einer Palliativ-Abteilung im Spital bleiben, da dieser Aufenthalt sehr teuer ist. Gleichzeitig wollen diese Menschen, insbesondere solche vor der Pensionierung, oft nicht einem Pflegeheim betreut werden. Ein Hospiz bietet die Möglichkeit, diese Menschen in einem familiären Umfeld auf ihrem letzten Weg zu begleiten und gleichzeitig die Angehörigen zu entlasten. Es vereint professionelle Palliativversorgung und Sterbebegleitung.
«Knackpunkt ist und bleibt aber die Finanzierung», betont Wandeler, «da müssen wir dranbleiben.» Bereits 1999 scheiterte das erste kantonale Hospiz in Bern an der schwierigen Finanzierung. Ein Blick in dessen Geschichte und über den Kantonsrand in andere Schweizer Regionen zeigt, worauf es in Zukunft ankommt.

Wie sich das Sterben gewandelt hat
Das weltweit erste Hospiz gründete Cicely Mary Strode Saunders 1967 in London. Erstmals erfuhren sterbende Menschen eine ganzheitliche Betreuung. In den 1980er-Jahren erreichte die Hospiz-Bewegung auch die Schweiz. Vereinigungen in Basel und Zürich eröffneten erste Hospize für pflegebedürftige HIV-Patienten – zu einer Zeit, als die Aidswelle weltweit Verunsicherung und Angst auslöste und Aidskranke stark stigmatisiert wurden. 1995 folgte das Hospiz Aargau in Brugg.
Auch in Bern veränderte sich der Umgang mit dem Tod. Elsbeth Wandeler arbeitete in den 1980er-Jahren als sogenannte Gemeindeschwester – eine Vorläuferform der Spitex – in Meikirch, Kirchlindach und Wohlen und erlebte diese Entwicklung mit. «Als ich anfing, gingen die Menschen noch zum Sterben ins Spital. Wir begannen dann, erstmals Menschen in der Sterbehause zuhause zu pflegen – und plötzlich kam die Nachfrage von allen Seiten.»
Die Sterbenden fühlen sich oft als grosse Belastung und trauen sich nicht, ihre letzten Wünsche zu äussern.
Wandeler betont, dass es sehr schön sein könne, wenn jemand zuhause sterbe. In den vielen Jahren, die sie als Gemeindeschwester, dann in der Spitex arbeitete, bekam sie aber auch die andere Seite mit: «Die Sterbenden fühlen sich oft als grosse Belastung und trauen sich nicht, ihre letzten Wünsche zu äussern.» Auf der anderen Seite könnten sich die pflegenden Angehörigen vor lauter Stress nicht richtig verabschieden und hätten am Schluss Schuldgefühle. «Sie denken, sie hätten Fehler gemacht und damit den Tod der Liebsten beschleunigt.» Wandeler erkannte damals: Auch in Bern braucht es einen Ort zum Sterben. Ein Hospiz.
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Den Gedanken hatten auch andere: Die Stiftung Berner Hospiz gründete 1997 am Asylweg 16 im Westen Berns das erste Erwachsenenhospiz des Kantons. Damit war es eines der ersten Hospiz-Projekte in der Schweiz. Christine Sterchi, die dort im Pflegeteam arbeitete, erinnert sich: «Damals sprach noch niemand von Palliative Care. Das Hospiz war etwas ganz Neues im Berner Gesundheitssystem.» Das Pilotprojekt im Westen Berns zeigte, was eine solche Institution leisten kann. «Es war ein freies Haus – die Angehörigen konnten gehen und kommen, wie sie wollten», erzählt Sterchi. Ein Angehöriger schilderte gegenüber dem Berner Regionaljournal 1998 die grosse Unterstützung: «Es war mehr ein Zuhause als etwas Anderes.» Doch 1999 musste das Hospiz schliessen, die durch die Stiftung durchgeführte Schlussauswertung liegt Journal B vor. Die Gesellschaft sei noch nicht bereit für ein Hospiz, heisst es darin.
Wir waren mit diesem Hospiz der Zeit um dreissig Jahre voraus.
Hauptgrund für die Schliessung war die prekäre finanzielle Lage. Das Hospiz erhielt keinerlei Subventionen oder Unterstützung durch die Krankenkassen und musste sich rein über kirchliche und private Spenden finanzieren. «Der finanzielle Druck war von Anfang an immens», so der Schlussbericht. Sterchi sagt: «Wir waren mit diesem Hospiz der Zeit um dreissig Jahre voraus.»
Knackpunkt Finanzierung
Die Finanzierung des aktuellen Berner Hospizes steht auf deutlich besseren Beinen. Im Rahmen eines Pilotprojekts erhält der Verein vom Kanton Bern bis 2030 eine maximale Tagespauschale von 635 Franken pro Patient*in und Pflegetag. Das klingt nach viel, habe aber einen Haken, erklärt Wandeler: «Weil Hospize bisher wie Pflegeheime behandelt werden, deckt dieser Betrag nur die pflegerischen Leistungen ab. Ungedeckt bleiben jedoch die Aufenthaltskosten, was mit 180 Franken pro Tag zu Buche schlägt.»
Das heisst: Benötigt ein Patient pro Tag nur 300 Franken für die Pflege, erhält das Hospiz auch nur diesen Betrag. Die Kosten für Aufenthalt und Betreuung müssen die Patient*innen selbst berappen. «Im Gegensatz zum Pflegeheim ziehen unsere Patient*innen aber nicht ins Hospiz und geben ihre Wohnung auf. Viele stehen mitten im Leben, haben Familie und Kinder. Zuhause läuft alles weiter wie bisher. Da kann der Aufenthalt im Hospiz stark ins Budget einschneiden.»

Damit alle unabhängig von ihren wirtschaftlichen Verhältnissen in die Hospize eintreten können, sind diese auf grosszügige Spenden angewiesen. «Das ist die grundlegende Problematik in der ganzen Schweiz», so Wandeler. Ausnahme bildet der Kanton Wallis: Dieser deckt mit seiner Pauschale von heute 710 Franken pro Tag und Patient auch die Hotelleriekosten ab. Das Oberwalliser Hospiz «Hope» hat deshalb etwas weniger als andere Hospize mit der Finanzierung zu kämpfen.
Damit alle unabhängig von ihren wirtschaftlichen Verhältnissen in die Hospize eintreten können, sind diese auf grosszügige Spenden angewiesen.
Weshalb orientiert sich der Kanton Bern nicht am Modell Wallis? Gundekar Giebel, Kommunikationsbeauftragter der kantonalen Berner Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) erklärt: «Im Gegensatz zum Kanton Wallis bietet der Kanton Bern zusätzlich spezialisierte Palliative-Care-Angebote, wie Palliativstationen in Spitälern und mobile palliative Dienste, die durch den Kanton zusätzlich finanziert werden. Dies führt zu einer gut ausgebauten kantonalen palliativen Versorgung.» Die Evaluation des Pilotprojekts werde zeigen, welchen Beitrag die Hospize leisten und wie eine Regelfinanzierung ab dem Jahr 2031 aussehen könnte. «Daher ist der Betrag von 635 CHF im Rahmen des Pilotprojekts aus Sicht des Kantons angemessen.»
Für Präsidentin Elsbeth Wandeler hingegen ist klar, dass der Verein Berner Hospize weiterhin dranbleiben und politischen Druck machen werde, um die Finanzierungslücke der Hospize zu schliessen. Gleichzeitig möchten sie auch an den Einsprachen gegenüber der Baubewilligung dranbleiben. «Die Mehrheit der Hospize in der Schweiz befindet sich in einer Wohngegend. Ich finde es wichtig, dass es hierzu einen richterlichen Entscheid gibt, auf den man sich später auch beziehen kann.»
Besuch im Haus Oranienburg: Im Erdgeschoss wird das Berner Hospiz im Sommer seine Arbeit aufnehmen. Auf den Tischen der Diaconis-Cafeteria sind kleine Schokoladen-Ostereier verteilt, hinter dem Haus liegt der einladende Garten. Von der Terrasse geht der Blick weit über die untere Altstadt, zum Rosengarten und den schneebedeckten Alpen im Hintergrund. Gleich unterhalb der Terrasse wächst ein alter Apfelbaum – viele seiner Äste bereits abgestorben, aber einige haben dieses Jahr erneut ausgetrieben. Leben und Tod ganz nah beieinander. Ein guter Ort zum Sterben.
Elsbeth Wandeler arbeitete selbst lange in der Pflege. Heute ist sie Präsidentin des Vereins Hospiz Bern und Vizepräsidentin der Stiftung Hospiz Bern. (Foto: Janine Schneider)