Ich sitze mit Freund*innen in der Bivo-Bar im Breitsch. Wir trinken Hafer-Cappuccino, lachen, reden. An uns rast ein Krankenwagen vorbei. Irgendwo erlebt gerade jemand den schlimmsten Tag seines Lebens. Wir bestellen ein Stück Kuchen.
Es geschehen so viele Dinge gleichzeitig und ich frage mich: Wie geht das eigentlich?
Für dieses Phänomen gibt es ein wunderbares Wort: Ambiguitätstoleranz. Schon beim ersten Mal habe ich mich ein bisschen in dieses Wort verliebt. Vielleicht, weil es etwas beschreibt, das mich schon lange begleitet. Die Suche nach Antworten auf Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Frage, warum meine Mutter so war, wie sie war. Was Menschen dazu bringt, anderen Menschen Gewalt anzutun. Wie Widersprüche nebeneinander bestehen können, ohne sich auflösen zu lassen.
Die Welt ist nicht unbedingt widersprüchlicher geworden. Aber ihre Widersprüche sind spürbarer geworden.
Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Widersprüche, Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten auszuhalten, ohne sofort nach einfachen Antworten zu greifen. Fehlt diese Fähigkeit, entsteht oft das Bedürfnis nach Eindeutigkeit. Die Welt wird in richtig oder falsch, gut oder böse, wir oder die Anderen eingeteilt.
Die Welt ist nicht unbedingt widersprüchlicher geworden. Aber ihre Widersprüche sind spürbarer geworden.
Durch Nachrichten, soziale Medien und digitale Vernetzung erreichen uns täglich Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen aus aller Welt. Wir wissen mehr denn je über das Leid anderer Menschen. Lesen mehr und mehr Kommentare, die uns schockieren. Wir sehen Ungerechtigkeiten, Krisen und Katastrophen. Und manchmal fühlen wir uns sogar schuldig, wenn wir glücklich sind. Schuldig, wenn wir uns auf unser eigenes Leben konzentrieren.
Wir Menschen lieben Ordnung. Wir suchen Muster, Logik und Erklärungen. Wir möchten wissen, wer verantwortlich ist, wer schuld ist und wer recht hat.
Während ich das schreibe, merke ich, wie sich in mir Widerstand regt. Mein Vorwurf gilt genau jenen Menschen, deren politische Lösungen mir zu einfach erscheinen. Laut schreit es in mir: Seht ihr denn nicht, wie einfach ihr es euch macht?
Und doch merke ich,wie ich in genau dieselbe Falle tappe. Denn auch ich beginne zu sortieren. Hier die Ambiguitätstoleranten, dort die gut-böse Denkenden. Hier die Differenzierten, dort die Vereinfacher*innen.
Vielleicht ist genau das die Krux. Dass wir alle die Welt ordnen wollen. Dass wir alle versuchen, Komplexität zu reduzieren. Dass auch die Kritik am Gut-Böse-Denken selbst schnell zu Gut-Böse-Denken werden kann.
«Ich weiss, dass ich nichts weiss», sagte Sokrates vor über zweitausend Jahren. Kaum ein Satz scheint schlechter in unsere Zeit zu passen. Und vielleicht gerade deshalb so gut.
Die grösste Herausforderung liegt oft nicht in den Ideen, sondern in den Menschen selbst. Denn Menschen sind widersprüchlich.
Wie also erreichen wir Menschen, die die Welt anders sehen als wir? Mit Verachtung vermutlich nicht. Mit Spott auch nicht. Irgendwie müssen wir die Widersprüchlichkeit nicht nur bei anderen, sondern auch bei uns selbst aushalten.
Die eigentliche Frage lautet für mich vielmehr: Warum denkt und handelt eine Person so? Aus der sozialen Arbeit begleitet mich die Haltung, dass Menschen immer einen guten Grund haben, wieso sie so handeln, wie sie es tun.
Das bedeutet nicht, dass ihr Verhalten richtig ist. Es bedeutet nicht, dass alles entschuldbar wird. Je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto seltener denke ich: Wie kann man nur? Stattdessen frage ich mich: Welche Erfahrungen hat dieser Mensch gemacht? Welche Ängste, Verletzungen oder Überzeugungen stehen hinter seinem Handeln? Nichts davon nimmt Verantwortung weg. Aber es macht es schwieriger, Menschen auf Täter*innen, gut oder böse zu reduzieren.
Ich kann akzeptieren, dass Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen, ihrer Biografie oder ihrer Werte zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Doch es gibt Grenzen. Müssen wir tolerieren, wenn Menschen anderen ihre Würde oder ihre Rechte absprechen wollen? Müssen wir akzeptieren, wenn Diskriminierung, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit als blosse «andere Meinung» dargestellt werden? Wohl kaum.
Widersprüche auszuhalten bedeutet nicht, sie hinzunehmen. Vielleicht ist es sogar die Voraussetzung dafür, sie verändern zu können.
Die grösste Herausforderung liegt oft nicht in den Ideen, sondern in den Menschen selbst. Denn Menschen sind widersprüchlich. Mein Vater kann ein liebevoller Mensch sein und gleichzeitig politische Ansichten vertreten, die mich auf die Palme bringen. Eine Freundin kann solidarisch handeln und trotzdem verletzende Aussagen machen. Ein politischer Gegner kann Positionen vertreten, die ich ablehne, ohne dass ich deshalb aufhöre, ihn als Mensch ernst zu nehmen. Aber das kann mir schwer fallen.
Es ist eine unglaubliche Aufgabe, auszuhalten, dass Menschen gleichzeitig wertvoll und problematisch, sympathisch und anstrengend, nah und fremd sein können. Dass Verständnis und Ablehnung nebeneinander existieren können. Dass ich manchmal anfangen muss zu weinen, weil ich die Gleichzeitigkeiten gerade nicht aushalte und manchmal trotzdem lachen kann.
Vielleicht liegt die Grenze der Ambiguitätstoleranz dort, wo nicht mehr darüber gestritten wird, wie wir zusammenleben wollen, sondern wer überhaupt dazugehören darf. Und dennoch ist die Sache selten so eindeutig, wie wir es gerne hätten.
Gleichzeitig beschäftigt mich noch ein anderer Gedanke.
Manchmal habe ich den Eindruck, wir haben den Umgang mit Widersprüchen zunehmend individualisiert. Aus politischen Fragen werden persönliche Bewältigungsaufgaben. Statt zu fragen, wie wir Ungerechtigkeiten verändern können, lernen wir, besser mit ihnen zu leben. Statt Konflikte auszutragen, üben wir, sie auszuhalten.
Und das ist nicht nur schlecht und nicht nur gut.
Es ist halt komplex.
Manchmal habe ich das Gefühl, die Betonung von Komplexität wird selbst zu einer Art Stillstand. Und plötzlich passiert gar nichts mehr.
«Man muss beide Seiten sehen.»
«Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.»
Dabei schliesst das eine das andere nicht aus. Wir können anerkennen, dass die Welt komplex ist und trotzdem Haltung beziehen. Wir können Widersprüche aushalten und trotzdem gegen Ungerechtigkeit kämpfen. Versuchen zu verstehen, was die Gründe sind und die Bedingungen für alle Menschen zu verbessern. Wir können akzeptieren, dass nicht alles eindeutig ist, ohne deshalb auf politische Verantwortung zu verzichten.
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Widersprüche auszuhalten bedeutet nicht, sie hinzunehmen. Vielleicht ist es sogar die Voraussetzung dafür, sie verändern zu können.
Die Welt ist kompliziert.
Menschen sind kompliziert.
Eindeutigkeit beruhigt. Sie gibt Orientierung. Vielleicht greifen wir gerade deshalb so gerne nach einfachen Erklärungen. Doch die Welt wird nicht einfacher, nur weil wir sie einfacher erzählen.
«Widersprüche auszuhalten bedeutet nicht, sie hinzunehmen», schreibt unsere Kolumnistin. (Illustration: Fabienne Marti)