Am Anfang der Berufsschule stand eine private Sonntagsschule

von Willi Egloff 6. Mai 2026

Berufsbildung Erst hiess sie «Handwerkerschule Bern», später «gewerblich-industrielle Berufsschule Bern», heute nennt sie sich «gibb Berufsfachschule Bern». Sie ist nicht nur die grösste, sondern auch die älteste Berufsschule der Schweiz. Dieses Jahr feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen.

Jahrelang liess der Berner Kunsttischler Gabriel Samuel Ebersold seine Lehrlinge jeden Sonntag zum «technischen Zeichenunterricht» antraben. An den übrigen Wochentagen gab es dafür keine Zeit, da von früh bis spät gearbeitet wurde. Diese private Sonntagsschule steht am Anfang der staatlichen Berufsbildung in Bern.

Denn im Jahre 1826 wird aus dieser «technischen Zeichnungsschule» mit Hilfe des Standes Bern die «Handwerkerschule Bern». In einem gemieteten Zimmer werden die ausschliesslich männlichen Lehrlinge nun jeden Abend zwischen 19.30 und 21.30 Uhr auch in Mathematik, Zeichnungslehre, Rechtschreiben und Physik unterrichtet. Der sonntägliche praktische Zeichnungsunterricht beim Kunsttischler Ebersold wird fortgeführt.

Die Jubiläumsschrift illustriert einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt.

Wie sich über die Jahrzehnte hinweg aus dieser winzigen Abend- und Sonntagsschule die grösste Berufsschule der Schweiz entwickelte, hat die Berufsfachschule Bern aus Anlass ihres 200-jährigen Bestehens aufgearbeitet und in einer sehr informativen und attraktiv gestalteten Jubiläumsschrift dargestellt. Lernende aus der Berufsgruppe «Fachleute Information und Dokumentation» haben diesen Prozess dokumentiert und Trouvaillen aus der Schulgeschichte auf der gibb-Webseite zugänglich gemacht. Aus einem schulinternen Wettbewerb ging zusätzlich ein Projekt für einen Imagefilm hervor, welcher im Oktober der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Ein Spiegel der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

Die Jubiläumsschrift befasst sich schwerpunktmässig mit der Entwicklung von Berufsbildern und den Veränderungen in der schulischen Vorbereitung auf diese beruflichen Tätigkeiten. Sie spiegelt damit gleichzeitig wichtige Etappen der bernischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und illustriert einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt.

So erfahren wir, dass es nicht weniger als 65 Jahre dauerte, bis erstmals eine weibliche Lernende die Schule besuchen durfte. 1893 meldete sich die erste «Lehrtochter» und erkämpfte damit den Weg zur Berufsbildung auch für junge Frauen. Schon im Folgejahr treten nicht weniger als 88 Schülerinnen in die Handwerkerschule ein.

Nach mehreren Namensänderungen heisst die Schule heute «gibb Berufsfachschule Bern». (Foto: David Fürst)

Fast zur gleichen Zeit sehen die Verantwortlichen auch endlich ein, dass ein Unterricht am Abend, im Anschluss an einen neun- bis zehnstündigen Arbeitstag, die Lernenden überfordert.  Im Wintersemester 1891/1892 wird als erster Schritt der Unterricht vom Mittwochabend auf den Mittwochnachmittag verlegt.

Neben der zeitlichen Belastung sehen sich die Lernenden auch finanziellen Hindernissen gegenüber. Die Handwerkerschule wird zwar von Bund und Kanton unterstützt, ist aber weiterhin ein privates Unternehmen. Es finanziert sich zu einem erheblichen Teil über Schulgebühren. Dass diese für viele Jugendliche eine zu hohe Hürde darstellten, wird klar, als ein kantonales Lehrlingsgesetz 1906 den Anspruch auf kostenlosen Unterricht festschreibt. Als Folge der Abschaffung der Schulgebühren steigt die Nachfrage nach Berufsausbildung so rasant an, dass die bestehende Privatschule dem Ansturm nicht mehr gewachsen ist. Auf Anfang 1910 wird daher die private «Handwerker- und Kunstgewerbeschule» von der Gemeinde übernommen und in die «Gewerbeschule der Stadt Bern» umgewandelt.

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Expansion über die ganze Stadt

Weil sich die Angebote an beruflichen Ausbildungsgängen laufend differenzieren und damit auch die Zahl der Lernenden ungebremst weiterwächst, werden die seit dem Jahr 1899 genutzten Schulräume im Kornhaus bald einmal zu knapp. Mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes in den Jahren 1937-1939 am Eingang der Lorrainestrasse erhält nicht nur die Gewerbeschule erstmals ein eigenes Schulhaus, sondern auch die Stadt Bern ein architektonisch herausragendes Bauwerk.

Die Baudirektion der Stadt will zwar zunächst vom Projekt des jungen Architekten Hans Brechbühler nichts wissen, da sie diesem ein «unschweizerisches Design» vorwirft. Sie ändert ihre Meinung, als sich herausstellt, dass die vom Architekten vorgeschlagene Konstruktionsweise eine schnelle und kostengünstige Realisierung möglich macht. Protestantischer Spareifer verhilft so dem «Neuen Bauen» in Bern zum Durchbruch.

Mit dem Bau von Hans Brechbühler kam das neue Bauen nach Bern. (Foto: David Fürst)

Kaum fertiggestellt, ist das neue Schulgebäude aber schon wieder zu klein. Anfang der 60er-Jahre zieht ein Teil der Ausbildungsgänge in das Schulhaus Steigerhubel, Anfang der 90er-Jahre entsteht an der Bümplizstrasse ein neues Zentrum für gastgewerbliche Berufe und das Schulgebäude in der Lorraine wird durch einen zweiten Bau erweitert. Zusätzlich zieht ein Teil der gibb 1997 in das nahe gelegene Schulhaus Viktoria ein.

Wechsel zum Kanton

2001 wird die «Gewerblich-industrielle Berufsschule Bern» von einer städtischen zur kantonalen Schule. Auf diesen Zeitpunkt hin übernimmt der Kanton die Zuständigkeit für alle Berufsfachschulen und Gymnasien. Das gilt übrigens auch für die auf dem gleichen Areal angesiedelte, aber von der gibb unabhängige «Technische Fachschule Bern», die sogenannte «Lädere».

Der neue Campus des Architekten Frank Geiser wurde 1999 eröffnet. (Foto: David Fürst)
Foto: David Fürst

Weil die gibb längst nicht mehr nur in gewerblichen und industriellen Berufen tätig ist, sondern auch zahlreiche Ausbildungsgänge im Dienstleistungssektor anbietet, wechselt sie 2019 ein weiteres Mal ihren Namen. Sie nennt sich jetzt «gibb Berufsfachschule Bern». Sie betreut inzwischen an 7 verschiedenen Standorten rund 7’000 Lernende in 70 verschiedenen Ausbildungsgängen, führt rund 1’000 Studierende zur Berufsmaturität, und bietet für nochmals rund 1’000 Personen berufliche Weiterbildungen an. Sie ist damit nicht nur die älteste, sondern auch die grösste Berufsfachschule der Schweiz.

Wann wird wo gefeiert?

Diese 200-jährige Entwicklung soll in diesem Jahr gebührend gefeiert werden. «Gemeinsam setzen wir Leuchttürme, die zeigen, wie vielfältig, kreativ und zukunftsorientiert unsere Bildung ist», heisst es dazu in der Jubiläumsschrift.

Viel Konkreteres ist über die Festlichkeiten aber weder dieser Publikation noch der gibb-Webseite zu entnehmen. Die Planungen dafür scheinen noch nicht genügend fortgeschritten zu sein, um sie in der Öffentlichkeit bekanntmachen zu können.