An einem warmen Spätsommertag treffe ich Eric (Ericaner) Takyi im Gässli. So wird der Teil der Jolimontstrasse im Murifeld Quartier genannt, wo Eric seit über 15 Jahren lebt. Vor den Reihenhäusern stehen Nachbar*innen, Eltern und Teenies zusammen, Kinder spielen Fussball zwischen den Häusern. Es ist eine der lebendigsten Strassen in Bern.
In Erics Wohnung im zweiten Stock steht ein Regal voller bunter Sneakers. An den Wänden hängen grossformatige Fotografien von Basketballlegenden wie Michael Jordan, auf dem Esstisch steht eine Dose Mate für mich bereit.
Das angrenzende Muri ist der Friedhof und im Murifeld herrscht das Leben.
Eric bei einem Goal im Murifeld. Fussball ist eine wichtige konstante in seinem Leben.
Für Eric ist das Murifeld mehr als ein Wohnort, es ist sein Ankerpunkt. «Hier sind wir eins. Kinder spielen auf der Strasse, die Nachbar*innen grüssen sich, jeder weiss, was läuft. Das angrenzende Muri ist der Friedhof und im Murifeld herrscht das Leben.»
Eric ist das, was man als ein Berner Original bezeichnen könnte. Der 39-Jährige arbeitet als Model und Content Creator für YB, betreute schon die Social-Media-Kanäle von Lo und Leduc und entwickelte während des Lockdowns das Getränk BERRICS, das heute lokal von Ingwerer produziert wird. Er bewegt sich mühelos zwischen Besetzer*innen-Kultur, Gastro-Bubble und Fussball-Szene.
Auf Instagram teilt der 39-jährige Influencer als Ericaner Projekte von Freund*innen, stellt lokale Veranstaltungen vor und mobilisiert damit viele Menschen. Gemeinschaft ist ihm sehr wichtig. «Wenn ich eine Person cool finde, pushe ich ihr Projekt.»
Auf die Frage, was ihn selbst am meisten geprägt hat, antwortet Eric: «Ich glaube, es ist der Sport, insbesondere der Fussball. Dort habe ich viele Leute kennengelernt, mit denen ich bis heute verbunden bin. Zum Beispiel Luc von Lo und Leduc, den ich Anfang 2000 beim FC Länggasse kennengelernt habe.»
Von Ghana ins beschauliche Marzili
Eric wurde 1987 in der ghanaischen Hauptstadt Accra geboren. 1997 kam er mit seinem älteren Bruder Isaac nach Bern ins Marzili Quartier. «Meine Eltern, Vater und Stiefmutter, wollten uns ein besseres Leben in der Schweiz ermöglichen.»
Eric konnte sich nichts unter der Schweiz vorstellen und war sehr überrascht, als er an einem Sommertag in diesem grünen Bern ankam. «Mein erster Tag in der Schweiz war sehr aufregend, alles war neu. Ich hatte ein eigenes Zimmer, lernte Legos kennen und auch Farbfernseher kannte ich bis dahin nicht. In Ghana hatte ich fast kein Spielzeug gehabt. Stattdessen interessierte ich mich mehr für Menschen. Das ist auch in Bern so geblieben.»
Der 12-jährige Eric an einem seiner ersten Weihnachtsabende in Bern. (Foto: zvg)
Anfangs sprach er nur Englisch, besuchte ein halbes Jahr die Fremdsprachenschule im Kirchenfeld und kam danach in die vierte Klasse im behüteten Marzili. Eric erkundete seine neue Umgebung, den roten Block wo er wohnte, den nahegelegenen Sportplatz und das Marzilibad.
Mit seinem ersten Freund, Dario Walter, streifte er durchs Quartier, fuhr unerlaubterweise mit einem Töffli, das sie in einem Keller gefunden hatten, und sprang vom Dreimeter-Turm im Marzilibad, wo sich im Sommer die ganze Schule traf. «Weil ich finanziell nicht viele Möglichkeiten hatte, musste ich viel improvisieren», erinnert sich Eric.
Weil er zum Beispiel keine eigenen Inlineskates hatte, bastelte er sich Rollen aus Duplo-Eisenbahn-Teilen. Weitere prägende Personen waren sein Schulfreund Davide und dessen Mutter Eva Cibula. Sie gab Eric oft Taschengeld, weil er zu Hause keines bekam. Im Gegenzug half er ihr regelmässig beim Tragen schwerer Einkäufe.
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Als Eric zwölf Jahre alt war, schickten die Eltern seinen Bruder zurück nach Ghana, ein einschneidendes Erlebnis. Sie meinten, er könne sich hier nicht mehr richtig integrieren, weil er erst als Teenager in die Schweiz gekommen war – «mega unfair», findet Eric bis heute. Bis dahin war Isaac immer an seiner Seite gewesen, sowohl im Internat in Ghana als auch auf ihrer Odyssee bei verschiedenen Verwandten. Isaac war seine wichtigste Bezugsperson.
Das Fehlen seines Bruders bleibt bis heute ein prägendes Thema in seinem Leben. «Ich gehe alle paar Jahre nach Ghana, um Isaac zu besuchen. Wir haben es gut, aber diese Trennung hat uns sehr geprägt.» Durch die unterschiedlichen Leben, die die Brüder führen, und durch den Dialekt, den Eric nicht mehr perfekt spricht, entstehe eine gewisse Distanz, die Eric sehr schmerzt.
«Du weisst nie, wer später dein Helfer wird»
2004 begann Eric eine Maurerlehre, die ihm aber nicht gefiel. Seine Eltern drohten, ihn ebenfalls zurück nach Ghana zu schicken, wenn er die Lehre nicht besteht. Eric brach die Ausbildung jedoch nach zwei Jahren ab, weil ihm der Beruf nicht gefiel. «Ich wusste ich muss meinen eigenen Weg gehen.»
Ein modernes Berner Original: Eric, auf Instagram als Ericaner bekannt.
Fussball begleitet Eric schon sein ganzes Leben. Hier bei einem kleinen Goal im Murifeld.
2006 verliess er deshalb das Elternhaus und lebte zeitweise bei Freund*innen, in Kellern oder sogar draussen. Er spielte in verschiedenen Klubs Fussball und erhielt auch durch sie viel Unterstützung. «Manchmal hatte ich nur eine kleine Tasche dabei und schlief bei Freund*innen und Bekannten.» Diese Phase prägte sein Weltbild nachhaltig: «Jeder trägt seinen Rucksack, und du weisst nie, wer später dein Helfer wird.» 2007 fand er bei der Familie Mbaye ein Zuhause im Murifeld. Ihr Sohn Djamin wurde für ihn wie ein Bruder. Heute lebt Eric immer noch im selben Haus.
Jeder trägt seinen Rucksack, und du weisst nie, wer später dein Helfer wird.
Zwischen 2008 und 2012 absolvierte er eine Lehre als Metallbauer. Gleichzeitig entdeckte er im Quartierstudio nahe dem Sonnenhof Pärkli den Rap. Er gründete zuerst die Crew «Ds Quartier», trat 2010 am Frauenfeld Festival auf und dann 2012 zusammen mit Mac Daddy die Formation Teiler Gang.
Heute blickt er kritisch auf seine frühen Songs zurück. «Ich bin nicht stolz auf diese sexistischen Texte.» Auch heute ist Musik für Eric sehr wichtig: «Musik begleitet mich und ich singe gerne für mich, so läuft alles runder.» Er überlegt sich mittlerweile auch wieder mit dem Musikmachen anzufangen.
Der 39-Jährige sammelt leidenschaftlich gerne Sneakers.
2013 half Eric beim Aufbau eines Standes für die Sneakerness-Messe – einer der grössten Sneaker und Lifestyle-Messe in Europa. Die Organisator*innen bemerkten sein handwerkliches und kommunikatives Talent und luden ihn ein, künftig bei der Content Creation mitzuarbeiten. So wurde Eric zu einem der Gesichter von Sneakerness.«Mir persönlich ist Kleidung sehr wichtig und ein guter Style fängt bei den Schuhen an und geht hinauf zu den Hosen, Shirts und Schmuck.»
Eric steigt mit mir auf den Dachboden. An drei Kleiderstangen hängen hier rund 120 Trikots von Profifussballern, die er in den Klubs kennengelernt hatte. «Zu jedem Trikot habe ich eine Geschichte. Es ist ähnlich wie ein Fotoalbum. Wenn ich das Trikot in die Hände halte, erinnere ich mich, von wem ich es geschenkt bekommen habe und was wir gemeinsam erlebt haben.»
Erics Dachboden ist ein kleines Fussballtrikot-Museum.
Ratschlag an sein jüngeres Ich
Ich frage den bald vierzigjährigen Eric nach mehreren Stunden Gespräch, was er seinem jüngeren Ich mitgeben würde? Er überlegt und sagt: «Mehr über Gefühle sprechen, ehrlich sagen, was dich beschäftigt. Männer lernen oft nicht, über Gefühle zu sprechen. Das hat mich lange blockiert und mir auch geschadet.»
Und weil Eric immer wieder Leute getroffen hat, die ihm geholfen haben, obwohl er sie nicht gut kannte, entwickelte er ein Lebensmotto: «Jeder Mensch kann einmal wichtig werden, als Freund*in, Helfer*in oder Mentor*in. Gib zurück und vergiss nicht, das Morgen ist nicht versprochen.»
Diese Energie spürt man, wenn man mit Eric in Bern unterwegs ist. Als wir auf der Münsterplattform einen Eistee trinken, kommt jemand vorbei und fragt nach etwas Geld. Eric gibt fünf Franken. Vielleicht ist er gerade deshalb ein modernes Berner Original: weil er den Menschen vorurteilsfrei auf Augenhöhe begegnet und allen gegenüber grosszügig ist, auch wenn er sie nicht kennt.

Eric Takyi fühlt sich im Murifeld zuhause, hier im August 2025. (Foto: David Fürst)