Alltag - Kolumne

When Nurses Eat their Young

von Céline Rüttimann –28. Oktober 2026

Who cares? Der Pflegenotstand führt auch zu Mobbing unter den Pflegekräften. Der Nachwuchs wird dabei oft überfordert, schikaniert und ausgegrenzt.

Auf meinem Weg zum Diplom zur Pflegefachfrau begegneten mir diverse Berufsbildner*innen. Und ich muss sagen, es gab mehr Gute als Schlechte. Allerdings sorgten die Schlechten dafür, dass ich fast die Ausbildung hinschmiss.

Im September vor vier Jahren begann eines meiner Ausbildungspraktika in einem Berner Spital. Mein zuständiger Berufsbildner, nennen wir ihn Roman, machte sich etwa zwei Tage nach meinem Start auf der Station für vier Wochen aus dem Staub, um in den Urlaub zu fahren. Was für ein Timing.

Währenddessen wurde ich von den anderen Berufsbildner*innen auf der Station betreut, die keine Ahnung von meinem Studienplan hatten. Nennen wir eine davon Pflegefachfrau Daniela. Eines schönen Morgens stand Daniela neben einem Patienten und machte eine Blutentnahme ohne Handschuhe. Das macht man, wenn man auf Hygienevorgaben und den Arbeitsschutz pfeifft. Sie sah mich dabei an und sagte: „Das machst du aber nicht so, du ziehst dir Handschuhe an.“ Sie war für mich kein grosses Vorbild.

Die Zusammenarbeit mit meinem Berufsbildner wurde für mich immer mehr zur Schikane.

Daniela war ausserdem gut darin, mich vor anderen Azubis blosszustellen, weil ich zum Beispiel nicht alle Nebenwirkungen eines Medikaments ad hoc aufzählen konnte. Sie verbot mir daraufhin, das Medikament intravenös zu verabreichen. Der Lerneffekt erschloss sich mir nicht ganz. Daniela schloss mich auch immer wieder von Lernsituationen aus und begegnete mir mit Desinteresse. Sie zeigte auch gerne, welche der Azubis sie mochte und welche nicht. Die Lernende im ersten Lehrjahr zur Fachfrau Gesundheit nannte Daniela oft „Schätzeli“. Mich und andere Studierende nannte sie ständig beim falschen Namen. Ich vermutete bald, dass sie es absichtlich machte.

Nach sechs Wochen, der Hälfte meines Praktikums, arbeitete ich erst wieder mit meinem Berufsbildner Roman zusammen. Er befand, dass meine Leistungen nicht seinen Erwartungen entsprächen, aber ich hätte ja noch sechs Wochen Zeit, mich zu verbessern. Ich war frustriert und müde. Das lag auch daran, dass ich meinen Praktikumslohn, trotz 100-Prozent-Pensum nicht zum Leben reichte, nebenher verbotenerweise als Sitzwache in einem anderen Spital aufbesserte.

Auszubildende Pflegefachkräfte bezahlen oft auch für die systembedingte Überlastung ihrer älteren Kolleg*innen. (Illustration: Sarah Blaser)

Die Zusammenarbeit mit meinem Berufsbildner wurde für mich immer mehr zur Schikane. Zwischenmenschlich verstanden wir uns überhaupt nicht. Meine vorherigen Praktika waren sehr gut verlaufen – doch nun schlief ich schlecht, hatte Angst, Fehler zu machen und zweifelte an mir selbst. Schliesslich wandte ich mich an die Berufsbildungsverantwortliche des Praktikumsbetriebs und fragte sie um Rat. Nach dem Gespräch bat ich sie, nicht mit Roman zu sprechen, bevor ich es selbst getan hatte. Das Wochenende kam und am Montag stand ich wieder auf der Station. Am Nachmittag wurde ich zu einem Gespräch mit Roman zitiert. Er erzählte mir, die Bildungsverantwortliche habe mit ihm gesprochen. Er fragte mich direkt, ob ich ein Problem mit ihm habe. Die Aussprache verlief nicht konstruktiv und ich hatte Angst, ehrlich zu sein, schliesslich befand ich mich in einem Abhängigkeitsverhältnis, da er mich ja bewertete.

Fazit: Ich war baff. Die Verantwortliche hatte mein Vertrauen missbraucht und mir noch mehr Ärger eingehandelt. Es folgten noch ein paar Telefonate und fragwürdige Situationen, bis ich die Reissleine zog und das Praktikum abbrach. Auch das war ein einziger Kampf. Von schulischer Seite bekam ich nur spärliche Unterstützung und ich durfte das Praktikum erst verschieben, als ich am Telefon drohte, das gesamte Studium hinzuschmeissen.

Ich frage mich, wie viele Pflegefachpersonen sich in diesem Text wiedererkennen. Sei es der heulende Student, sei es die mobbende Ausbildnerin.

Es fühlte sich damals wie eine Niederlage an. Heute bin ich froh, habe ich diese Entscheidung getroffen. Denn eine kluge Pflegefachfrau, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, machte mich Jahre später mit dem folgenden Phänomen bekannt: Nurses eat their young. Es beschreibt die im Pflegeberuf verbreitete Schikane von Studierenden und Lernenden durch erfahrene Pflegekräfte. Ursachen sind oft Arbeitsdruck, Stress und Machtausübung. Der Berufsverband spricht auch von horizontaler Gewalt.

Das abgebrochene Praktikum holte ich später auf einer anderen Station nach. Dort ging es mir besser und ich verstand mich gut mit meiner Berufsbildnerin. Am letzten Tag, als ich das Praktikum und damit meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, verliess ich das Spital, meine Unterlagen unter dem Arm. Und ich dachte nur: Fuck. Denn das war erst der Anfang. Im Studium wurde mir bereits gesagt: Die Zeit als frisch Diplomierte wird die härteste Zeit. Weil da bist du auf dich allein gestellt und keiner hält mehr deine Hand. Neu eingestiegene Pflegefachpersonen verlassen den Beruf immer wieder schon nach kurzer Zeit wegen Belastung und Überforderung.

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Und dennoch traf ich während meiner Ausbildung auch auf Pflegefachpersonen, die zwar keine Berufsbildner*innen waren, aber mir trotz Stress im Alltag sehr viel beigebracht haben, mit viel Humor und Geduld. Ihnen winde ich ein Kränzchen.

Ich frage mich, wie viele Pflegefachpersonen sich in diesem Text wiedererkennen. Sei es der heulende Student, sei es die mobbende Ausbildnerin. Dazu gebe ich einen gut gemeinten Rat (dem Pflegenotstand zuliebe).

Sei nicht wie Pflegefachfrau Daniela oder Pflegefachmann Roman.

Damit dringend benötigte Fachkräfte ihre Ausbildung überhaupt abschliessen.