Ich erinnere mich noch gut an den Tag meiner Ankunft in der Schweiz. Ich zog von einer Hauptstadt in die andere: vom albanischen Tirana nach Bern. Die Landschaft war wunderschön, die Luft rein und die Menschen wirkten freundlich. Ich war begeistert und fest entschlossen, mir in meiner neuen Wahlheimat eine Zukunft aufzubauen. Doch bald merkte ich, dass die Integration in der Bundesstadt kein Selbstläufer ist – besonders wenn man nicht aufgrund seiner Fähigkeiten, sondern aufgrund seiner Herkunft beurteilt wird.
Während meiner Jobsuche hier in Bern erlebte ich eine Episode, die mich fassungslos zurückliess. Ein Schweizer Freund wollte mir helfen und leitete meinen Lebenslauf an eine Kollegin in einer Personalagentur weiter. Ihre Antwort per E-Mail war ein Schock:
«Der albanische Lebenslauf ist interessant, aber wir müssen erst einmal sehen, ob die albanische Prinzessin für eine der Stellen geeignet ist.»
In diesem Moment wurde mir klar, dass meine Jobsuche komplizierter werden würde als erwartet. Ich wurde auf ein Etikett reduziert, das voller negativer Stereotype steckte. Seine Kollegin hatte mit ihrer Unbekümmertheit ein tiefes Vorurteil offenbart, ein verzerrtes Bild einer ganzen Kultur. Ich fühlte mich wie auf einer Auktion, beurteilt nach meiner Nationalität, nicht nach meiner Kompetenz. Mein Selbstvertrauen war erschüttert; ich fühlte mich plötzlich wie ein Eindringling in einem Land, das ich bis dahin als offen empfunden hatte.
Wir müssen erst einmal sehen, ob die albanische Prinzessin für eine der Stellen geeignet ist.»
Es ist inakzeptabel, dass jemand, der im Personalwesen arbeitet – einem Bereich, in dem so viel über Vielfalt und Inklusion gesprochen wird –, sich solche diskriminierenden Ansichten erlaubt. Wenn eine Personalverantwortliche die Schwere einer rassistischen Äusserung nicht erkennt, entstehen berechtigte Zweifel an ihrer fachlichen Kompetenz. Wie kann sie das Potenzial einer Bewerberin beurteilen, wenn sie ihre eigenen Vorurteile nicht erkennt?
Dieser Vorfall wirft ernsthafte Fragen zur Unternehmenskultur in Bern auf. Es ist unerlässlich, dass Firmen in die Schulung ihrer Mitarbeitenden investieren und klare, strenge Richtlinien gegen jede Form von Diskriminierung einführen. Nur so können wir ein gerechteres Arbeitsumfeld für alle schaffen.
Die unsichtbaren Mauern
In Bern begegnet einem Rassismus oft subtil. Mikroaggressionen, wie ich sie erlebt habe, sind oft verletzender als offensichtliche Hassbekundungen. Es sind diese kleinen, alltäglichen Demütigungen, die das Selbstwertgefühl untergraben und ein Klima des Misstrauens schaffen.
Dazu gehört auch die «gläserne Decke» der Sprache: Wenn ich versuche, mein Deutsch im Alltag zu üben, wechseln viele Berner*innen sofort auf Englisch, sobald sie einen Akzent hören. Sie denken, sie seien hilfsbereit, aber sie signalisieren: «Du gehörst nicht dazu.» Hinzu kommt, dass soziale Kreise in Bern oft wie Festungen wirken, die seit der Schulzeit bestehen. Für Aussenstehende sind sie fast undurchdringlich, was dazu führt, dass Migranten oft unter sich bleiben – man lebt in derselben Stadt, aber in parallelen Welten.
Wenn ich versuche, mein Deutsch im Alltag zu üben, wechseln viele Berner*innen sofort auf Englisch, sobald sie einen Akzent hören.
Meine Erfahrung ist kein Einzelfall, sondern Teil einer beunruhigenden Statistik. Aktuelle Berichte zeigen, dass die Situation für Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz zunehmend angespannt ist:
- Massiver Anstieg: Laut dem Bericht des Beratungsnetzes für Rassismusopfer von April 2025 stieg die Zahl der gemeldeten Vorfälle im Jahr 2024 um fast 40 Prozent an.
- Brennpunkt Arbeitsmarkt: Fast jede fünfte betroffene Person erlebt Diskriminierung direkt bei der Stellensuche.
- Wahrnehmung: Laut der Erhebung des Bundesamts für Statistik (2024) geben fast 30 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund an, in den letzten fünf Jahren rassistisch diskriminiert worden zu sein.
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Bern kann es besser machen
Rassismus ist wie ein Virus, der das Fundament unseres friedlichen Zusammenlebens untergräbt. Doch wie jeder Virus kann er mit Solidarität und Empathie besiegt werden.
Zur Woche gegen Rassismus hier in Bern müssen wir uns fragen: Schauen wir hinter unsere eigene Höflichkeit? Echte Inklusion bedeutet, dass ein Name im Bewerbungsprozess keine Rolle spielen darf und dass wir die Geduld haben, mit Menschen Deutsch zu sprechen, auch wenn es noch nicht perfekt ist. Jeder Mensch verdient es, als Weltbürger*in behandelt zu werden. Nur wenn wir offen über diese Themen sprechen, schaffen wir eine Gesellschaft, in der sich jeder Mensch wirklich wertgeschätzt fühlt.
Unsere Gastautorin traf auf unerwartete Mauern, als sie in die Schweiz kam. (Illustration: Athavan Erambamoorty)
