Alltag - Meinung

Migräne und die strukturelle Abwertung von Frauen

von Lena Allenspach 11. Dezember 2025

Gesundheit Migräne wird von der Öffentlichkeit gerne als reine Überempfindlichkeit oder als Ausrede abgetan. Dabei handelt es sich um eine neurologische Krankheit. Als solche sollten wir sie endlich behandeln, findet unsere Gastautorin.

Die deutsche Linke-Vorsitzende Heidi Reichinnek ist zu Gast in einer Talkshow – als der Moderator ihr eine Frage zur Anzahl Mietwohnungen in Deutschland stellte, hatte sie die genaue Zahl nicht bereit und begründete dies mit einer anhaltenden Migräne. Daraufhin erntete sie Spott, Häme und Hass. Manche warfen ihr vor, Migräne als Ausrede für Unsicherheit oder Nichtwissen benutzt zu haben oder sprachen ihr die Kompetenz als Politikerin komplett ab.

Diese Reaktionen sind nichts Neues: Die Volkskrankheit Migräne wird schon seit Jahrzehnten verharmlost – etwa als angebliche «Ausrede», wenn Frauen keinen Sex wollen. In vielen bekannten Serien wie King of Queens, die Nanny oder Eine schrecklich nette Familie wird Migräne als humoristisches Mittel genutzt, um Frauen darzustellen, die sich körperlicher Nähe entziehen.

Dieser Diskurs zeigt nicht nur eine chauvinistische und sexistische Welt auf, in der das Nein einer Frau nicht ernst genommen wird. Der Umgang in den sozialen Medien mit Reichinneks Aussage macht exemplarisch sichtbar, wie tief verankert dieses Klischee immer noch ist und liefert gleichzeitig eine Erklärung dafür, warum es bis heute kaum wirksame Mittel gegen diese Krankheit gibt – obwohl so viele Menschen darunter leiden.

Heruntergespielt und untererforscht

In der Schweiz leben rund 1,2 Millionen Menschen mit Migräne. 85 Prozent der Betroffenen mit chronischer Migräne sind Frauen. Im Erwachsenenalter sind Frauen dreimal so häufig betroffen wie Männer. Wie kann es sein, dass diese neurologische Krankheit immer noch weitgehendst untererforscht ist? Wie bei vielen Erkrankungen, die mehrheitlich Frauen betreffen, zeigt sich auch hier ein massiver Gender Gap.

Jahrhundertelang wurden Krankheiten, die vor allem Frauen betreffen, heruntergespielt – besonders jene, die mit dem weiblichen Zyklus zusammenhängen. Hysterisch, emotional, zu schwach: Die fehlende Sensibilisierung in der Gesellschaft hat einen direkten Einfluss auf die medizinische Forschung. Umgekehrt hat der Forschungsstand einen grossen Einfluss auf das Bild der Frauen und den Umgang damit in der Gesellschaft.

Im Erwachsenenalter sind Frauen dreimal so häufig betroffen wie Männer.

Doch warum ist das so? Der Mann gilt in der Medizin weiterhin als Standard. Oder wie die Autorin und Aktivistin für mehr Geschlechtergerechtigkeit, Caroline Criado-Perez sagt: «Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren.» Was bedeutet das konkret im Bereich der Gesundheit? Herzinfarkte werden bei Frauen oft viel zu spät oder nicht erkannt, weil die Symptome anders auftreten als bei Männern. Und Krankheiten, die die Hälfe der Bevölkerung überproportional betreffen, werden weniger stark priorisiert.

Bundesparlamentarier*innen diskutieren über Massnahmen gegen Endometriose, und wissen nicht einmal, was das ist – obschon jede 10. Frau in der Schweiz davon betroffen ist! Ein parlamentarischer Vorstoss zur besseren Behandlung von Migräne wurde im Nationalrat abgelehnt und von einem SVP-Nationalrat als einer jener Vorstösse abgetan, den man getrost streichen kann. Mit der Begründung: «Aber sagen Sie mal, Herr Kollege: Hat eine Person nach Ihrem Vorstoss weniger Migräne gehabt als vorher?»

Verständnis ist nicht selbstverständlich

Dass dieser Missstand, diese Lücke, heute immer noch dementiert und ins Lächerliche gezogen wird, macht unglaublich wütend. Und es ist mit ein Grund, weshalb wir uns so sehr für eine gleichgestellte und feministische Welt einsetzen müssen. Es ist der Grund, warum ich beschlossen habe, diesen Text zu schreiben. Ich habe Freundinnen, die an Endometriose leiden, aber über Jahre nicht diagnostiziert wurden. Schmerzen gehören halt zum Zyklus dazu, oder? Ich kenne dutzende Frauen, die durch Migräne massiv in ihrem Alltag eingeschränkt werden – gerade auch in der Politik.

Darüber zu sprechen, wie Heidi Reichinnek das tut, ist für viele oft schwierig, denn Migräne ist von aussen praktisch unsichtbar. Gerade deshalb ist es so wichtig, diese Krankheit sichtbar zu machen. Auch ich leide – wie viele Frauen – seit bald zwanzig Jahren unter Migräne. Als Politikerin ist das wie in vielen anderen Berufen und Lebensbereichen eine Herausforderung. Grosse, laute Räume mit grellem Licht, wie Parlamentssäle, sind für mich an manchen Tagen kaum auszuhalten. Ich kann an solchen Tagen meine Reden teilweise nicht halten, muss TV-Auftritte absagen oder schleppe mich trotz den Beschwerden an Termine.

Ich will nicht akzeptieren, dass die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in vielen Lebensbereichen ignoriert wird.

Vielen Frauen geht es in anderen Alltagssituationen ähnlich: Frauen übernehmen immer noch den grössten Teil der unbezahlten Betreuungsarbeit, sind sehr oft Mehrfachbelastungen ausgesetzt. Hinzu kommen Berufsumfelde, Arbeitsplätze, die unterschiedlich mit chronischen Krankheiten umgehen. In meinem kann ich auf grosses Verständnis zählen, aber das ist längst nicht bei allen so.

Ich versuche mich also davon zu lösen, dass ich wehleidig oder inkompetent wirken könnte, wenn ich aufgrund einer Migräneattacke eingeschränkt bin oder ausfalle – und man mir die Schmerzen und die neurologischen Aussetzer ja nicht ansieht. Ich versuche, mit der Krankheit zu leben, die Einschränkungen zu akzeptieren und offen darüber zu sprechen. Was ich aber nicht akzeptieren will, ist, dass die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in vielen Lebensbereichen einfach ignoriert wird: Dass Krankheiten, die vor allem Frauen betreffen, weiterhin von Teilen der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit als reine Überempfindlichkeit oder als Ausrede abgetan werden, um Frauen abzuwerten. Und ich akzeptiere nicht, dass aus diesen Gründen jener Gesundheitsbereich, der für Chancengerechtigkeit sorgt, unterfinanziert ist und dadurch wichtige Fortschritte in der Verbesserung der Gesundheitsversorgung gelähmt werden.

Statt also weiterhin frauenverachtende Klischees zu bedienen, sollten wir endlich beginnen, Migräne als das zu behandeln, was sie ist: eine neurologische Erkrankung, die Millionen Menschen in ihrem täglichen Leben einschränkt. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Lücken in der geschlechtsspezifischen Forschung und Medizin geschlossen werden. Politisch, in der Arbeitswelt, aber auch als Gesellschaft. Wir müssen endlich damit aufhören, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren.