Am 22. November war ich in Bern, um für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege zu demonstrieren. Ich lauschte den Forderungen der Redner*innen und ich verstehe, warum sie wütend sind. Denn ich bin auch wütend. Wütend auf die Politik, wütend auf ein System, das seine Mitarbeitenden ausbeutet, zu wenig Lohn zahlt und ihnen immer mehr Arbeit auflastet. Dabei geht es nicht nur um den Workload der pflegerischen Tätigkeiten. Ich erlebe täglich, wie der Pflege auch Aufgaben aus anderen Bereichen zugeschoben werden, die sie zusätzlich erledigen muss.
In Deutschland protestierten zum Beispiel im November die Pflegekräfte der Helios-Klinik, weil sie nebst der Pflege auch noch die Bettenreinigung und –aufbereitung übernehmen sollten, um Kosten zu sparen. Bisher sei dies die Aufgabe der Reinigungskräfte gewesen. Die Arbeitsverdichtung mit Serviceleistungen wie Essen verteilen und Wäsche einräumen nehme zu, so der Tenor der befragten Pflegenden. Als ich dies las, wuchs meine Wut.
Ein Tag im Leben von Erika
Denn ein typischer Tag als Pflegefachperson (nennen wir sie Erika) in der Langzeitpflege sieht etwa so aus:
Als Erika morgens auf dem Dienst erscheint, ist eine Mitarbeiterin krank und eine Temporärmitarbeitende ist gar nicht erst aufgetaucht. Sofort planen die Pflegenden um und verteilen die Bewohner*innen auf das restliche Team.
Während Erika im Frühdienst die Medikamente verteilt, klingelt bestimmt zwanzigmal das Telefon mit Anliegen von Pflegehelfenden, Azubis und einer Angehörigen, die Auskunft darüber möchte, wie sich ihre Mutter im Heim eingelebt hat. Zwischendurch geht Erika zu den Bewohner*innen, die ihr zugeteilt sind und führt die Pflege durch.

Während sie eine Bewohnerin duscht, ruft die Aktivierung an und teilt ihr mit, dass Herr XY dringend auf die Toilette muss. Sie drückt der Bewohnerin die Duschbrause in die Hand und organisiert am Telefon eine Pflegende, die Herr XY auf die Toilette bringt.
Kaum ist die Bewohnerin geduscht, verteilt Erika weiter Medikamente. Als sie einem Bewohner die Tabletten verabreichen möchte, fängt er an zu schreien und wirft sein Frühstück über den Tisch. Nachdem sie beim Putzen geholfen hat, geht sie weiter auf die Rufklingel. Bevor sie den Raum verlassen kann, kommt ein Mitarbeiter der Hauswirtschaft auf sie zu und hält ihr ein angefangenes Joghurt unter die Nase, mit der Bitte, sie solle doch schauen, ob da noch Medikamente drin sind, die eine Bewohnerin reingespuckt habe.
Wenn zusätzliche Aufgaben dazukommen
Am späteren Vormittag nimmt sie am interdisziplinären Rapport teil, an dem alle Berufsgruppen beteiligt sind. Dort wird darüber diskutiert, dass neu die Pflege die Spiegelschränke in den Zimmern putzen und die Schmutzwäsche einsammeln soll, nicht mehr die Reinigungskräfte. Neu sollen die Pflegenden im Spätdienst zudem die Serviceangestellten beim Servieren unterstützen.
Danach leitet Erika den Pflegerapport, der von drei Telefonanrufen unterbrochen wird. Erstens eine Bewerberin für die Nachtwache. Zweitens die Aktivierung, die meldet, dass Frau XY auf die Toilette muss. Drittens der Administrator, dass Erika doch bitte in Zimmer XY kontrollieren soll, ob da ein Fernseher drinsteht, damit er das abrechnen kann.
Ich glaube, den Pflegenden fällt es oft schwer, Nein zu sagen und sich zu wehren – mir geht es jedenfalls oft so.
Nachdem die anstehenden Aufgaben verteilt sind, beantwortet Erika Mails von Ärzt*innen und Angehörigen. Während sie mit der Apotheke telefoniert, meldet eine Lernende, dass Frau XY gestürzt ist und erbrechen muss. Erika beendet das Telefonat, untersucht die Bewohnerin und verteilt Aufgaben ans Pflegeteam. Erika meldet den Vorfall dem diensthabenden Arzt, da der Hausarzt nicht erreichbar ist. Unterdessen klopft eine Bewohnerin am Stationsbüro und bittet sie darum, ihren Partner (der noch zu Hause wohnt) doch bitte anzurufen und an seinen Zahnarzttermin zu erinnern.
Das System macht Nein sagen schwer
Am Mittag verteilt sie wieder Medikamente, bis eine Angehörige sie bittet, ihren Vater zu untersuchen, er habe starke Bauchschmerzen. Während sie beim Bewohner ist, klingelt ihr Telefon. Der Administrator erinnert sie daran, dass sie noch die Mutation eines Bewohners ausfüllen muss, der ins Spital ausgetreten ist. Zudem sei die Post noch nicht verteilt worden, das müsse noch dringend von der Pflege gemacht werden.
Zwischendurch beantwortet Erika wieder Mails, bestellt Medikamente bei der Apotheke und legt einen Dauerkatheter. Mit dem Telefon am Ohr geht sie auf die Rufklingel, um das Büsi einer Bewohnerin zu verarzten, weil es an der Pfote blutet.
Am Nachmittag meldet ihr eine Bewohnerin, dass ihr Sauerstoffgerät nicht mehr richtig funktioniere. Erika meldet es umgehend dem technischen Dienst weiter, der daraufhin mit der Wartungsfirma telefoniert. Danach erklärt er ihr, dass die Pflege regelmässig den Filter des Geräts wechseln muss, damit es einwandfrei funktioniert.
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Dass Erika all die beschriebenen Aufgaben übernimmt, ist nicht selbstverständlich. Und im aktuellen Pflegenotstand sogar bedenklich. Denn bei so vielen zusätzlichen Leistungen fehlt den Pflegenden wieder wichtige Zeit, die sie bei den Patient*innen benötigen würden. Ich glaube, den Pflegenden fällt es oft schwer, Nein zu sagen und sich zu wehren – mir geht es jedenfalls oft so.
Was Pflegende wirklich entlasten würde
Das Gesundheitswesen funktioniert nicht ohne Interdisziplinarität und es ist wichtig, dass die verschiedenen Berufsgattungen einander unterstützen. Ich begrüsse daher den Ansatz von Gesundheitsinstitutionen, die ihren Hotellerie- und Reinigungsangestellten anbieten, einen Kurs für Pflegehelfende zu besuchen. Dort können sie die Grundlagen im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen lernen.
Dass Erika all die beschriebenen Aufgaben übernimmt, ist nicht selbstverständlich. Und im aktuellen Pflegenotstand sogar bedenklich.
Als Pflegende würde es mich zum Beispiel sehr entlasten, wenn Serviceangestellte die Heimbewohner*innen auch beim Essen eingeben unterstützen könnten. Wenn die Aktivierungsfachfrau mich nicht jedes Mal anrufen müsste, weil die Heimbewohner*innen auf die Toilette müssen, sondern dies selbst übernehmen könnte, wäre mir das im Alltag eine enorme Hilfe. Denn in einem Pflegeheim oder Spital arbeiten nicht nur die Pflegenden mit den Pflegebedürftigen zusammen, sondern auch alle anderen beteiligten Berufe.
Ich erlebe immer wieder, wie andere Berufsgattungen versuchen, die Pflegenden zu unterstützen. Ich wünsche mir aber ein Umdenken, dass die Pflege nicht als Auffangbecken für allerlei Serviceaufgaben herhalten muss, weil sie rund um die Uhr für die pflegebedürftigen Menschen da ist. Besonders jetzt, wo sowieso schon Fachkräftemangel herrscht, kann das Motto nicht mehr lauten: Toll, die Pflege macht’s.
Céline Rüttimann demonstriert für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege (Illustration: Sarah Blaser).
