So wird die neue alte Dampfzentrale

von Sarah Heinzmann 1. Mai 2026

Kulturförderung Gestern gab die Stadt bekannt, dass der Zuschlag für den Leistungsvertrag mit dem Kulturhaus wieder an den Verein Dampfzentrale geht. Im Gespräch erzählen die beiden Vorstandsmitglieder Barbara Keller und Catja Loepfe, wie sie das Haus neu gestalten wollen.

Der Entscheid war eine Zangengeburt: Gestern kommunizierte die Stadt, dass sie den Leistungsvertrag für das Kulturhaus wieder dem Verein Dampfzentrale gebe. Der Verein setzte sich gegen zwei Konkurrent*innen durch. Das Konzept sei überzeugend, so die Stadtpräsidentin Mareike Kruit an der gestrigen Medienkonferenz: «Es ist ein stimmiges, ausgewogenes Konzept, das Orientierung und Klarheit bietet und Motivation ausstrahlt.»

Die neue Dampfzentrale soll offener, lebendiger, vielseitiger, bespielter und verspielter werden. Das Programm der Dampfzentrale stand in der Vergangenheit in der Kritik: Der Berner Tanz erhalte zu wenig Raum, und allgemein laufe zu wenig im Kulturhaus an der Aare. Das soll sich nun ändern. Versöhnlich, mit kritischen Stimmen und offenen Türen präsentieren sich die Vertreter*innen der Dampfzentrale. Was bleibt beim Alten, was ändert sich? Darüber sprechen wir mit Barbara Keller und Catja Loepfe vom Vorstand.

Barbara Keller, heute kam heraus, dass der Leistungsvertrag verlängert ab 2028 bis 2030 weitergeführt wird. Wie fühlen Sie sich?

Barbara Keller: Ich bin unglaublich erleichtert und zugleich überglücklich. In diese Eingabe ist enorm viel Herzblut geflossen – unzählige intensive Diskussionen, viel konzeptionelle Arbeit und ein ständiges Ringen um die besten Ideen, wie wir dieses Haus noch stärker öffnen und weiterentwickeln können. Umso mehr freut es uns, dass unsere Überzeugung und unser Engagement auf so positive Resonanz gestossen sind.

Catja Loepfe, auch Sie sind im Vorstand der Dampfzentrale und waren involviert in diesen Prozess. Man könnte jetzt meinen: der Verein Dampfzentrale hat den Leistungsvertrag wieder erhalten, das ist alter Wein in neuen Schläuchen.

Catja Loepfe: Wir führen Angebote weiter, die gut funktionieren, aber wir möchten auch Neues wagen. Das Haus steht in Zukunft auf vier Säulen; vier Häuser unter einem Dach.  Ein Haus für Tanz, eins für Musik, eins für Dialog und die Dezentrale. Die unterschiedlichen Häuser sind vernetzt, ergänzen sich und reagieren aufeinander, damit es kein Gemischtwarenladen wird, sondern ein bunter Blumenstrauss von unterschiedlichsten Formaten.

Unser Ziel ist, dass die Menschen auch ohne feste Programmplanung vorbeikommen – weil sie wissen, dass hier fast jeden Tag etwas passiert.

Es wurde kritisiert, dass die Angebotsdichte der Dampfzentrale zu wenig hoch sei. Sie haben jetzt ein Konzept präsentiert, mit dem die Dampfzentrale 350 Tage im Jahr offen ist. Barbara Keller, wie genau setzen Sie das um, mit dem gleichen Budget wie bisher?

Barbara Keller: Das Budget bleibt gleich – entscheidend ist das neue Konzept. Wir bauen auf Bewährtem auf und öffnen uns gleichzeitig bewusst für neue Formate. Die Dampfzentrale soll lebendiger und zugänglicher werden: Neben grösseren Produktionen schaffen wir Raum für kleinere, spontane und überraschende Angebote. Mit Formaten wie dem «Foyer Public» im Rahmen des House of Dialog entstehen regelmässige, niederschwellige Begegnungen und Diskussionen. Unser Ziel ist, dass die Menschen auch ohne feste Programmplanung vorbeikommen – weil sie wissen, dass hier fast jeden Tag etwas passiert.

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Catja Loepfe, Sie sind schon seit vielen Jahren in der Schweizer Tanzszene aktiv, etwa beim Tanzhaus Zürich. Es kam immer wieder die Kritik, dass die Berner Tanzszene zu wenig verankert sei in der Dampfzentrale. Wie genau haben Sie diese Kritik jetzt im Konzept der neuen Dampfzentrale umgesetzt?

Catja Loepfe: Es wird eine Kooperation geben mit BETA, dem Verein, der sich für die lokale zeitgenössische Tanzszene stark macht. Wir wünschen uns dessen Mitwirkung in unserer Programmgruppe. So stellen wir sicher, dass das Programm in der lokalen Szene abgestützt ist. Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die lokalen Tanzschaffenden das Haus als ihr Haus anschauen und darin ein Zuhause finden.

Barbara Keller, Sie sind verantwortlich für das Personelle in der Dampfzentrale. Die Geschäftsleitung hat vor wenigen Wochen bekanntgegeben, geschlossen zurückzutreten. Wie genau operieren Sie in Zukunft, wenn jetzt alles anders wird und auch noch eine neue Geschäftsleitung gesucht werden muss?

Barbara Keller: Für uns ist das nicht überraschend. Seit wir gemeinsam an dieser Eingabe arbeiten, war klar, dass die Geschäftsleitung ihre Funktion zum Ende der aktuellen Vertragsperiode abgeben wird.  Umso wertvoller ist es, dass sie ihre Erfahrung und Expertise noch intensiv in diesen Prozess eingebracht hat – dafür sind wir sehr dankbar. Jetzt gestalten wir den Übergang bewusst: Es wird Veränderungen geben, auch innerhalb des Teams, und einzelne Rollen werden sich weiterentwickeln. Das verstehen wir als Chance, um gemeinsam die nächsten Schritte zu gehen und das neue Konzept mit frischer Energie und klarer Ausrichtung umzusetzen.

Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die lokalen Tanzschaffenden das Haus als ihr Haus anschauen und darin ein Zuhause finden.

Letzten Sommer hat die Stadt bekannt gegeben, dass der Leistungsvertrag neu ausgeschrieben wird. Es ist dann viel passiert den letzten Monaten: Der Vorstand ist zurückgetreten, der Verein Dampfzentrale hat ein neues Konzept ausgearbeitet, das Leitungsteam ist zurückgetreten. Jetzt wurde bekannt, dass der Verein erneut den Zuschlag kriegt. War dieser Prozess in erster Linie anstrengend oder auch fruchtbar?

Barbara Keller: Beides. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, wir hätten den ganzen Ausschreibungsprozess nicht ein bisschen verflucht zwischendurch. Es war natürlich anstrengend, emotional eine komplette Achterbahnfahrt.  Auch für die Angestellten der Dampfzentrale: Von einem Tag auf den anderen war ihre Anstellung quasi befristet. Das ist mit Unsicherheiten verbunden.  Gleichzeitig hat dieser Prozess unglaublich viel in Bewegung gesetzt. Es ist viel Energie, Engagement und neuer Elan entstanden – sowohl im Team als auch mit dem neuen Vorstand. Wir haben intensiv nachgedacht, diskutiert und unser Profil geschärft. In diesem Sinne war der Prozess nicht nur anstrengend, sondern auch sehr produktiv und richtungsweisend für die Zukunft.

Ab Herbst wird der Leistungsvertrag neu ausgehandelt mit der Stadt. Es wurde bei der Pressekonferenz klar, dass die Stadt ihre Anforderungen an die Dampfzentrale nach oben schrauben wird. Gibt es auch vom Verein Dampfzentrale Anforderungen an diesen Leistungsvertrag?

Barbara Keller: Wir stehen noch ganz am Anfang dieses Prozesses. Erst seit Anfang Woche wissen wir, dass wir den Zuschlag erhalten – entsprechend haben wir unsere konkreten Forderungen noch nicht abschliessend definiert. Klar ist: In der nächsten Phase gehen wir in die Vertragsverhandlungen und dabei wird es darum gehen, die gestiegenen Anforderungen sinnvoll umzusetzen. Unser Konzept sieht bereits eine Verdichtung des Angebots und eine stärkere Öffnung des Hauses vor. Entscheidend wird sein, gemeinsam mit der Stadt gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Weiterentwicklung realistisch und nachhaltig umgesetzt werden kann. Wie genau unsere weiteren Anliegen aussehen, wird sich in den kommenden Wochen konkretisieren.

Catja Loepfe, Sie haben viel Expertise, wenn es um Kulturvermittlung geht und wurden dann im Herbst mit ins Boot geholt. Wie genau schauen Sie in die Zukunft des Vereins der Dampfzentrale?

Catja Loepfe: Ich habe grosse Lust, dieses Haus weiterzuentwickeln und neu zu gestalten, zusammen mit dem Team. Es reizt mich, eine bestehende Struktur neu zu denken. Die Welt gestaltet sich komplexer und die Herausforderungen werden grösser. Darauf muss eine Kulturinstitution reagieren.