Zur SRG-Halbierungsinitiative gibt es viel zu hören (Radio), viel zu schauen (TV) und viel zu kommentieren (Online-Meinungen).
Männer jagen, Frauen sammeln. So ein Quatsch. Seit wir aus unseren zugigen Neandertaler-Höhlen herausgekrochen sind und eine 3.5-Zimmer-Wohnung mit Balkon bezogen haben, hat sich alles verändert. Parität. Mann und Frau machen alles zu gleichen Teilen. Nochmals Quatsch. Richtig ist hier und jetzt: Männer kommentieren, Frauen schweigen.
Zu diesem Ergebnis komme ich, wenn ich Online-Kommentare ansehe. Zum Beispiel jene zur SRG-Initiative. Ich habe 100 Zusendungen zu diesem Thema in den Tamedia-Publikationen untersucht. Herrjemine. 95 Männer wollten mich von ihrer Meinung überzeugen, bloss 5 Frauen versuchten, mich auf ihre Seite zu ziehen, 5 Prozent also.
Die Tamedia-Produkte (Bund, BZ, Tagi, Basler Zeitung…) habe ich gewählt, weil diese Leserschaft die politische Realität der Schweiz widerspiegelt. Bisschen links von der Mitte, bisschen rechts von der Mitte, wenig linksaussen, wenig rechtsaussen. Ich beschränkte mich auf Stellungnahmen, bei denen ich per Vornamen das Geschlecht bestimmen konnte. Ja oder nein war für mich kein Thema.
Jetzt kommt ein methodischer Einwand. Untersuchungen belegen, dass lineares Dampfradio und Farbfernsehen (Redifusion) nur noch was für Senioren sind. Die Alt-Feministinnen kämpfen zwar seit Jahrzehnten dagegen an. Doch bei den Älteren meist vergeblich: Bei vielen altgedienten Senioren haben die Männer sowohl die Hosen an wie auch die Finger auf der Tastatur. Die Kommentarhoheit beim Thema SRG hat deshalb zum Teil gesellschaftlich-demografische Gründe. Oder kurz: Alte weisshaarige Männer vermelden beim SRG-Thema was zu vermelden ist.
Zeitgleiches Radio und Fernsehen sind was für Grauhaarige. Immer? Bei allen Themen? Wie sieht es bei einem Beitrag aus, der alle gleichermassen angeht? Am 8. März stimmen wir auch über die Individualbesteuerung ab, über die Heiratsstrafe. Und siehe da. Bei diesem Thema vermindert sich die Männerschwemme. Immerhin 20 Prozent Frauen äussern sich nach einen Tamedia-Interview mit Bundesrätin Karin Keller-Sutter.
Wohin man klickt, es sind Männer
Männer schreiben, Frauen schweigen. Den Stresstest für diese These wollte ich mit einem Artikel über Mode machen. Der Beitrag über Prada, Chanel und Co. erschien im Herbst 2024. Auch die engagiertesten Gleichstellungsbeauftragten werden einräumen, dass mehr Frauen als Männer einen Shopping-Artikel anklicken. Meine Untersuchung ergab: Wohin man klickt, es sind Männer. Bloss 16 Prozent Frauen. Damit erklären 84 Prozent Männer der wohl überwiegend weiblichen Leserschaft die Modewelt.
Warum ist die Männerschwemme so gross? Ist dies so, weil die Frauen weniger Bock haben, alles besser zu wissen? Weil die Frauen weniger Bock haben, andere klein zu machen? Weil die Frauen weniger Bock haben, aufzutrumpfen? Ist dies genetisch bedingt, anerzogen oder gottgewollt? Ich ducke mich hinter die dicke Mauer des Nichtwissens. Sollen doch die Anthropologinnen, die Verhaltensforscher, die Pädagoginnen und von mir aus die Theologen entscheiden.
Wir sind dabei, die Kommentarschreiber zu zerlegen. Versorgen wir sie doch gleich in sechs Schubladen. Weils nur Männer sind verzichten wir auf Doppelpünktli, Sternli und Unterlineli.
Besserwisser: Sind Kommentierende ein Durch-Schnitt durch die Bevölkerung? Nein. Sie sind besser. YB wechselt in der zweiten Matchhälfte einen Spieler aus. Nei-aber-nei. Der Besserwisser hätte ganz gewiss nicht diesen, sondern jenen aufs Feld geschickt.
Bestwisser: Für einen Strassenausbau liegen drei Varianten vor. Oberirdisch, unterirdisch, ausserirdisch. Der Bestwisser verweist im Kommentar auf die absolut einzig mögliche Version hin.
Hocherhabene: Da gibt es einen Kommentierer, der sich jedes Mal als Biologe, Diplombiologe, bezeichnet. Ein anderer erwähnt stets, dass er Jurist sei. Er schliesst seinen Beitrag immer mit den Abkürzungen seiner akademischen Titel. Hochwürden ist leider schon katholisch besetzt. So müssen sich die beiden und die anderen ihres Genres mit der Bezeichnung Hocherhabene begnügen. Der dipl. Biol. nützt sein Wissen nicht nur für Alpenmurmeltiere und Pfingstrosen, sondern beurteilt auch die Weltlage.
Senfdazugeber: Manche Kommentierende haben ein Spezialgebiet. Zum Beispiel Justiz oder die Verhältnisse auf Mallorca. Besonders erfrischend aber selten sind die Verschwörungskreativen. Weitaus häufiger als diese Spezialisten sind jene, die über alles Bescheid wissen. Seis der Regenwald, die Wohnungsnot, oder Marco Odermatts Wachsprobleme: Die Senfdazugeber sind dabei, im Bild und kulinarisch nahe bei denen, welche die Weisheit mit den Löffeln gefressen haben. Weisheit mit Senf. Ä Guete.
Wahrsager: Ob ja oder nein, die Halbierungsinitiative wird die Medienlandschaft verändern. Der Wahrsager prognostiziert, nein, er weiss ganz genau, wie, wo, was passieren wird. Das Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, weiss der Wahrsager zwar, aber wozu hat er seine unfehlbare Kristallkugel?
Oberstlehrer: Er ist der Onkel des Besserwisser, übertrifft diesen aber durch Hintergrundwissen und seinen pädagogischen Dampfhammer. Der Oberstlehrer ist die letzte Instanz vor Gott und kontrolliert orthografisch dessen Hausaufgaben (die Schrifttafeln von Moses).
Klar, es gibt auch die ordentlichen Kommentierer. Sie sind höflich, schreiben verständlich. Aber sie sind so selten wie ein Zwiebelfisch. Alte Setzersprache: falsch abgelegte Bleiletter im Setzkasten der Zeitungsdruckerei.
Warum ist die Männerschwemme in Online-Kommentaren so gross? Ist dies so, weil die Frauen weniger Bock haben,
alles besser zu wissen? (Foto: David Fürst)
