«Ich weiss nicht, warum sie uns dort nicht mehr haben wollen», sagt Johan Stadler, der eigentlich anders heisst. Er steht mit seinen Freunden auf dem Bahnhofplatz in Bern und blickt zum Haupteingang des Bahnhofs. Wegen des grossen Aschenbechers in der Mitte wird der überdachte Bereich «Roucher» genannt. Früher hätten sie dort oft stundenlang gestanden – zwischen dem Restaurant Tibits und dem neuen «Brauhaus». «Man war vor Regen, Wind und Sonne geschützt. Gerade im Sommer war es brätschvoll», sagt er.

Heute hält sich dort kaum noch jemand aus seinem Freundeskreis auf. Schuld sei die Musik, die den Eingangsbereich des Bahnhofs beschallt. Für Stadler ist der Grund dafür klar: «Die SBB spielen dieses Geklimper, um uns zu vertreiben.» Mehrere Personen in der Runde nicken zustimmend. «Früher haben wir dort einfach unser Bier getrunken und niemandem etwas getan», erzählt er. Inzwischen habe sich vieles geändert.

Der Kreis trifft sich heute unter dem Baldachin auf dem Bahnhofplatz. Menschen kommen dazu, andere ziehen weiter. Die Jüngsten sind Ende zwanzig, die Ältesten um die sechzig. Eine Bierdose macht die Runde, Zigaretten werden geteilt, ein Hund liegt zu Füssen seiner Besitzerin. Die Gruppe vereint Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten: Einige haben eine feste Arbeit und ein Dach über dem Kopf, andere sind mittel- und wohnungslos. Für sie ist der Bereich um den Bahnhof fast wie ihr Wohnzimmer – nur dass an heissen Tagen die Sonne auf den Asphalt knallt und an kalten Tagen eisiger Wind über die offene Fläche zieht.
Wäre doch schön, wenn wir Musikwünsche äussern könnten. Aber die SBB wollen uns wohl lieber verscheuchen.
Ein paar Meter weiter dreht Leo Ruggle, der ebenfalls anders heisst, auf einem Trottinett kleine Runden. Er bezeichnet sich als randständig. Auf die Musik angesprochen, grinst er, kneift das linke Auge zusammen und winkt ab. «Die Musik ist doch dezent.» Ihn störe der Sound kaum. Die Aufregung kann er nicht nachvollziehen. Ironisch fügt er an: «Wäre doch schön, wenn wir Musikwünsche äussern könnten. Aber die SBB wollen uns wohl lieber verscheuchen.» Dass er nun mehr Zeit draussen auf dem Platz verbringt, kommentiert er ebenfalls mit Humor: «Es fehlen nur ein Brunnen und ein paar Pflanzen. Palmen wären doch gut – wie auf einer italienischen Piazza.» Ruggle lacht.
Infrastruktur gegen das Verweilen
Täglich gehen bis zu 300 000 Menschen durch die Berner Bahnhofshallen. Der Haupteingang ist ein Nadelöhr. Der Bereich am Bahnhofplatz ist immer belebt, da er ein beliebter Treffpunkt ist. Um zu verhindern, dass sich grössere Gruppen ansammeln, beschallen die SBB den «Roucher» seit Mai 2024 mit Musik. Aus vier Lautsprechern links und rechts des Eingangs rieselt sie beinahe ununterbrochen. Morgens läuft Ambient, nachmittags klassische Musik, erst am Abend nichts mehr. Je nach Stück verleiht die Musik dem Ort etwas Erhabenes – mal zurückhaltend mit Klavierklängen, mal ergreifend mit dramatischen Sinfonien.

Wer den Eingang nur kurz passiert, nimmt die Musik wohl kaum wahr. Wer jedoch länger bleibt, erlebt sie anders: Mit der Zeit dränge sie sich auf, wiederhole sich und werde dominant, sagt Stadler, der hier früher viele Stunden verbrachte. «Das hält man doch nicht den ganzen Tag aus. Bis am Abend drehst du durch.»
Laut SBB hat sich durch die Musik der Personenfluss verbessert. Den Vorwurf der Verdrängung weist das Unternehmen auf Nachfrage zurück. An Bahnhöfen seien grundsätzlich alle willkommen. Gleichzeitig müsse am Eingang ein möglichst reibungsloser Personenfluss gewährleistet werden, heisst es.
Sie weichen einfach an andere Orte aus.
Das sieht Eva Gammenthaler anders. Die Sozialarbeiterin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit Bern überquert den Bahnhofplatz in Richtung Heiliggeistkirche. Vor deren Eingang sitzen Menschen auf den Bänken, reden und rauchen, Gammenthaler wird von vielen begrüsst. Die einen fragen nach Notschlafstellen, andere nach einer Zigarette. Viele kennt Gammenthaler seit Jahren. An heissen Tagen verteilt sie Wasser, manchmal hilft sie bei der Suche nach einer Unterkunft oder vermittelt Ratsuchende an andere Stellen.

Rund um den Bahnhof treffe sie regelmässig Personen an, die einen grossen Teil des Tages hier verbrächten. Seit die SBB den «Roucher» mit klassischer Musik beschallen, halten sich manche seltener dort auf. Sie begegne ihnen nun häufiger auf dem Bahnhofplatz oder bei der Heiliggeistkirche. Für Gammenthaler ist das kein Zufall. «Das ist eine gezielte Verdrängung von Menschen, die nicht den gängigen Normvorstellungen entsprechen.» Die Betroffenen verschwänden dadurch nicht. «Sie weichen einfach an andere Orte aus.»
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Die Musik am Bahnhofseingang sei dabei nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die sie seit Jahren beobachte. «Sitzflächen werden durch Armlehnen unterbrochen, damit niemand darauf schlafen kann. Fenstersimse werden so gebaut, dass man sich nicht hinsetzen kann.» Ohnehin marginalisierte Menschen würden zunehmend daran gehindert, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten.
Mehr Menschen auf der Gasse
Dass sich gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wer sich wo aufhalten soll, auch in der Gestaltung öffentlicher Räume niederschlagen, beobachtet auch die Geografin Claske Dijkema. Die Dozentin für Soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule hat mit ihren Student*innen den Sozialraum rund um den Bahnhof untersucht. Auf dem Bahnhofplatz zeigt sie Richtung «Roucher»: Die Architektur des Bahnhofs lasse erkennen, welches Verhalten dort erwünscht sei. Es gebe wenig Raum, um sich hinzusetzen oder sich länger aufzuhalten. Passant*innen sollten möglichst rasch weitergehen.
Aber Menschen wie Johan Stadler und Leo Ruggle, die rund um den Bahnhof ihren Alltag verbringen, nutzen den Ort auf eine andere Weise: Sie verweilen, unterhalten sich, trinken Bier, rauchen, und manche sind auch laut. «Das stört die Vorstellung davon, wofür ein Bahnhof gedacht ist», sagt Dijkema. Gerade für Personen mit wenig privatem Raum seien aber Orte ohne Konsumzwang wichtig. «Je weniger privaten Raum du hast, desto mehr öffentlichen Raum brauchst du.»

So ein Ort ist die offene Cafeteria der Heiliggeistkirche, ein konsumfreier und kostenloser Raum, nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Im Innern der Heiliggeistkirche hallt das Läuten der Trams wider. Unter dem Gewölbe im hinteren Teil stehen ein paar Tische und Stühle. Durch die hohen Fenster fällt Tageslicht und schafft eine warme Atmosphäre. An diesem Nachmittag funktioniert die Kaffeemaschine allerdings nicht.
Ab und zu kommen auch Leute von der Gasse auf einen Kaffee vorbei, sie bilden jedoch nicht die Hauptklientel. Viele migrantische Personen nutzen das Angebot, ebenso einsame Menschen, die Gesellschaft suchen. «Wir wollen soziale Teilhabe ermöglichen», sagt Andrea Meier, Geschäftsführerin der offenen Kirche. Weil sie hier einen niederschwelligen Raum betreiben, spüren die Mitarbeiter*innen die Veränderungen im sozialen Umfeld des Bahnhofs direkt.

Meier und die Pfarrerin Silvia Stohr beobachten, dass sich heute mehr Menschen rund um die Kirche aufhalten als früher. Ob dies direkt mit der Musik am Bahnhofseingang zusammenhängt, können sie nicht sagen. Meier erzählt, sie habe die Musik zunächst mit einer gewissen Belustigung wahrgenommen. «Da wird Erik Satie gespielt, um Menschen zu vertreiben. Dabei ist das doch wunderschöne Musik.»
Ich wünsche mir mehr Toleranz gegenüber Sachverhalten, die vielleicht unangenehm, aber nicht bedrohlich sind.
Das Klima rund um den Bahnhof habe sich aber schon verändert, betont Stohr. «Es leben mehr Menschen auf der Gasse. Das zeigt sich deutlich.» Weil sich rund um Bahnhofplatz und Heiliggeistkirche mehr Menschen aufhalten, nehmen viele Passant*innen das Gebiet inzwischen als gefährlich wahr. Das bedauert Meier. «Ich wünsche mir mehr Toleranz gegenüber Sachverhalten, die vielleicht unangenehm, aber nicht bedrohlich sind.» Menschen wegzuwünschen oder zu ignorieren, löse keine Probleme. «Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass nicht alle so leben, wie wir das für uns selbst wählen würden, aber wir sollten sie deshalb nicht als Bedrohung wahrnehmen.»
Unsichtbare Grenze
Dass ausgerechnet klassische Musik am «Roucher» eingesetzt wird, dürfte mehr als eine Geschmacksfrage sein. Die US-Musikwissenschaftlerin Lily Hirsch beschreibt in einem Aufsatz aus dem Jahr 2007, wie Musik im öffentlichen Raum genutzt werden kann, um bestimmte Gruppen fernzuhalten. Klassische Musik könne dabei als kulturelles Distinktionsmerkmal wirken: Wer sie als selbstverständlich empfinde, gehöre eher gesellschaftlichen Gruppen an, die älter, wohlhabender oder privilegierter seien. Im öffentlichen Raum könne sie dadurch eine unsichtbare Grenze ziehen: Sie signalisiere, wer dazugehöre und wer nicht.

Johan Stadler, der den «Roucher» heute weitgehend meidet, hat deshalb einen einfacheren Vorschlag: «Die SBB sollen SRF 1 oder SRF 3 laufen lassen. Aber nicht dieses Gedudel.»
Dieser Beitrag erschien zuerst in der WOZ (Nr. 28 – 9. Juli 2026).

Seit Mai 2024 wird tagsüber der Eingangsbereich des Bahnhofs mit Musik beschallt. (Foto: David Fürst)