«Wir haben immer wieder zueinander gesagt: Eigentlich müssten wir eine eigene Schule gründen», sagt Sena Baumgartner. Inzwischen ist aus den Gesprächen der Geschwister Sena und Michael Baumgartner Wirklichkeit geworden. In Bern haben die beiden den «Lernort Sozialgestaltung» aufgebaut, einen Bildungsort, der die Sozialbegleitung konsequent praxisnah vermitteln will. Damit erweitert in der Deutschschweiz ein dritter Anbieter das Ausbildungsangebot in der Sozialbegleitung. Der Vorbereitungslehrgänge für eidgenössische Fachausweise oder Fachdiplome werden ausschliesslich durch die Teilnehmenden finanziert.
Wer den «Lernort Sozialgestaltung» besucht, merkt rasch, dass dieser Bildungsort überschaubar gehalten ist. Er hat sich im Dazwischen an der Mühlemattstrasse 50 eingemietet. Durch die Fensterreihen beider Schulungsräume im Erdgeschoss öffnet sich der Blick ins Grün der Bäume.

Hinter den grossen Fenstern werden hier seit April jeweils freitags Menschen ausgebildet, die andere in ihrem Alltag begleiten und dabei unterstützen sollen, herausfordernde Situationen möglichst selbständig zu bewältigen. Das kann im Umgang mit Behörden sein, bei der Organisation des Haushalts, des Alltags oder beim Aufbau sozialer Kontakte.
An den ersten Ausbildungstag erinnert sich Sena Baumgartner noch gut zurück. «Es war eine grosse Freude, die Teilnehmer*innen zum ersten Mal hier zu sehen und ihre Motivation zu spüren.» Dieser Tag war für die Baumgartners zugleich der Abschluss einer langen Vorbereitungszeit sowie der Beginn einer neuen Etappe.
Eine Schule aus gemeinsamer Überzeugung
Lange sah es nicht so aus, dass die Geschwister gemeinsam eine Schule leiten würden. «Wir haben in der Kindheit viel gestritten», sagt Sena Baumgartner mit einem Lachen. Als Erwachsene stellten sie fest, dass sie viele ähnliche Ansichten teilen.
Die diplomierte Sozialpädagogin dozierte zuvor 14 Jahre an der Schule für Sozialbegleitung sozB in Zürich und gehörte zum dortigen Schulteam. Ihr Bruder ist über die KV-Lehre in die Sozialarbeit eingestiegen. Seitdem hat er sich in verschiedenen Bereichen des Sozial-, Gesundheits- und Umweltschutzbereiches engagiert.
Viel Theorie kann Distanz schaffen
Immer wieder diskutierten sie darüber, was gute Sozialbegleitung ausmacht. Daraus entstand der Gedanke, eine eigene Ausbildungsstätte zu gründen. Soziale Ausbildungen und Institutionen hätten sich verändert, erklären die beiden. Administrative Anforderungen seien grösser geworden, während persönliche Beziehungen vermehrt in den Hintergrund rückten.

«Viel Theorie kann Distanz schaffen», erläutert Sena Baumgartner. Ihre Ausbildung vor über 40 Jahren sei deutlich praxisorientierter gewesen. Hinzu komme, dass selbst im sozialpädagogischen Bereich zunehmend eine Distanzierung eingetreten sei. «Aber Menschen, gerade auch mit einer kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung, brauchen soziale Beziehungen.»
Ihre Schule soll deshalb einen anderen Schwerpunkt setzen: mehr Nähe zum Menschen, mehr Praxis und viel Austausch im Unterricht. In jedem Modul gibt es einen hohen Praxis- und Reflexionsteil. Zusätzlich arbeiten die Teilnehmenden während der Ausbildung mindestens zu 20 Prozent in einem sozialbegleitenden Umfeld. Erfahrungen aus der Praxis fliessen so in den Unterricht ein und werden gemeinsam besprochen. Zudem haben die Baumgartners Lehrbeauftragte engagiert, die den Berufsalltag aus eigener Erfahrung kennen.
Die Sozialbegleitenden agieren primär im Alltag von Personen in herausfordernden Lebenssituationen
Diesen Ansatz schätzt Beatrice Grimm, eine der Teilnehmerinnen des ersten Jahrgangs. Grimm arbeitet bei der Beratungsstelle für Schwerhörige und Gehörlose BFSUG Bern und begleitet Menschen mit einer Hörbehinderung: «Ich kann das Gelernte gleich anwenden und Fragen aus der aktuellen Praxistätigkeit in die Schule mitbringen.»
Mehr professionelle Nähe auf Augenhöhe
Sena und Michael Baumgartner haben sich bewusst gegen zu grosse Ausbildungsklassen entschieden. «Wir möchten kleinere Gruppen, damit die Begleitung während der Ausbildung persönlicher ist», so Sena Baumgartner.
Zur Ausbildung gehören unter anderem Themen wie Kommunikation, professionelle Beziehungsgestaltung, Umgang mit Konflikten oder interdisziplinäre Zusammenarbeit. «Wir möchten keine Menschen ausbilden, die Theorien einfach aufnehmen», sagt Sena Baumgartner. Denn «sie sollen selbständig denken und offen für kreative Lösungen sein.» Die Ausbildungsstätte möchte, wie es der Name schon benennt, ein Lernort sein.

Das Mindestalter liegt bei 25 Jahren, die älteste Person in der aktuellen Klasse ist 58 Jahre alt. Für die Baumgartners ist Lebenserfahrung wertvoll für die Begleitung anderer Menschen. «Sie haben sich im Arbeitsleben bereits bewähren müssen, Krisen erlebt und verarbeitet», erklärt Sena Baumgartner.
So vielfältig wie das Alter sind die beruflichen Hintergründe. Die Teilnehmenden kommen unter anderem aus dem Handwerk, dem Verkauf oder dem Gesundheitswesen. Einige waren bereits im sozialen Bereich tätig. Diese Vielfalt empfindet Sena Baumgartner als Bereicherung. «Für Menschen aus anderen Berufen ist es manchmal einfacher, Menschen auf Augenhöhe zu begleiten als jene, die viele Konzepte und Modelle gelernt haben.»
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Weswegen viel Praxisnähe wichtig ist, begründet Sena Baumgartner: «Die Sozialbegleitenden agieren primär im Alltag von Personen in herausfordernden Lebenssituationen», zum Beispiel beim Ordnen der Wohnung, bei der Lehrstellensuche oder beim Organisieren von Terminen. Nach Sozialbegleitungen besteht eine zunehmende Nachfrage, bestätigt Baumgartner. Der Alltag sei komplexer geworden, manchen Menschen fehle die Sicherheit im Umgang mit alltäglichen Anforderungen
Viele Fachpersonen, wie Sozialarbeiter*innen oder Beistandspersonen haben zahlreiche Dossiers und administrative Arbeiten unter sich. Daher bleibt für die persönliche Begleitung oft nur wenig Raum. Hier kommt die Sozialbegleitung zum Einsatz.

«Dabei geht es keineswegs um Erziehungsaufgaben», betont Sena Baumgartner, «sondern die Eigenständigkeit der zu betreuenden Person steht im Vordergrund. Sie entscheidet selber, welchen Schritt sie gehen möchte.» Bei Unordnung in der Wohnung beispielsweise gehe es nicht darum, einfach aufzuräumen. Ein*e Sozialbegleiter*in müsse zuerst verstehen, was die Gegenstände und das Sammeln für die betroffene Person bedeute. Danach könne sie mit ihr die weiteren Schritte besprechen und sie entscheiden lassen.
Für die angehende Sozialbegleiterin Beatrice Grimm ist dies, was sie an diesem Beruf fasziniert: «Menschen zu befähigen, ihren Alltag Schritt für Schritt selbst zu gestalten.»
Sena und Michael Baumgartner haben den «Lernort Sozialgestaltung» aufgebaut. (Foto: David Fürst)