Alltag - Kolumne

Let’s Talk About Money

von Céline Rüttimann 8. April 2026

Who Cares? Lohntransparenz gilt in der Schweiz als Tabu – und genau das hält finanzielle Ungleichheiten am Leben, findet unsere Kolumnistin. In ihrem Beitrag zeigt sie auf, warum offenes Reden über Geld längst überfällig ist.

Mein Partner hat eine Eigenschaft, die selbst unter Freund*innen und Verwandten oft verhaltene Reaktionen hervorruft: Er spricht offen darüber, was er verdient. Dass er dabei ein kulturelles Tabu bricht, merke ich daran, dass mein innerer Bünzli sich daneben fühlt, als würde er auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Denn Lohntransparenz gilt in der Schweiz beinahe schon als taktlos. Der Bösewicht James Moriarty sagt in einem Sherlock-Holmes-Film nicht umsonst: «I like Switzerland. They respect a man’s privacy here.»

Die Schweizer Diskrektion schützt aber nicht immer die Privatsphäre, sondern maskiert oft finanzielle Ungerechtigkeit. Aufgewachsen in einer Gesellschaft mit dem kollektiven Glauben an das Schweizer Bankgeheimnis, scheute ich mich immer davor, meine Arbeitskolleg*innen zu fragen, was sie verdienen. Dadurch konnte ich gar nie erfahren, ob mein Lohn eigentlich gerecht ist im Vergleich zu anderen. Und genau da liegt das Problem.

Der Begriff der Lohnsumme verschleiert, was man als einzelne Mitarbeitende schlussendlich auf das Konto bekommt.

Also habe ich angefangen, mit anderen Pflegefachpersonen über Geld zu reden. Als ich in einer Co-Leitungsposition war, sprachen wir eines Tages im Büro über unsere Gehälter. Wir fanden heraus, dass meine jüngere Arbeitskolleg*in, die zwar jünger war, aber mehr Berufserfahrung und den gleichen Stellenbeschrieb unterschrieben hatte wie ich, rund 1000 Franken pro Monat weniger verdiente. Für uns beide war das ein Schock – und zeigt auf, wie das Schweigen über Geld zu ungleicher Behandlung führt. Denn wenn ich weiss, was andere Pflegende in gleichen Positionen mit gleich viel Berufserfahrung verdienen, habe ich eine bessere Position bei Lohnverhandlungen.

Illustration: Sarah Blaser

Auch beim Feierabendbier mit meinen ehemaligen Studienkolleg*innen tauschte ich mich über mein Salär aus. Es zeigten sich diverse Unterschiede. Im Inselspital würde ich aktuell mit 5’800 Franken am schlechtesten verdienen, obwohl ich im Schichtsystem sowie an Wochenenden und Feiertagen arbeite und das Patient*innengut sehr komplex ist. Wenn ich für privat geführte Kliniken, Heime oder Zentren arbeite, verdiene ich 300 bis 500 Franken mehr – teilweise sogar ohne Schicht- und Wochenenddienste.

Wichtig wäre dabei auch die Transparenz der Arbeitgeber*innen. Die Inselgruppe verbreitete in einer Nachricht per Beekeeper, einer Kommunikations-App im Gesundheitswesen, dass die Lohnsumme 2026 um zwei Prozent erhöht werde. Die Berufsverbände hatten dies in Verhandlungen erwirkt.

Es gab jedoch keine Aufschlüsselung, keine Erklärung, was das für den eigenen Lohnausweis bedeutet. Der Begriff der «Lohnsumme» verschleiert, was man als einzelne Mitarbeitende schlussendlich auf das Konto bekommt.

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Später wird das Ganze in einer neuen Beekeeper-Nachricht von der Insel und in Medienmitteilungen aufgedröselt: Von den zwei Prozent fliessen ein Prozent in individuelle Erhöhungen und 0.7 Prozent in strukturelle Anpassungen, also eine Korrektur der Lohnklassen. Die übrigen 0.3 Prozent sind generelle Erhöhungen (325 Franken pro Jahr). Die Lohnbänder sollen um diesen Fixbetrag angehoben werden. Einfach erklärt geht anders.

Für mich steht fest, dass der Lohn im Gesundheitswesen oft nicht im Verhältnis zur Verantwortung und der aktuellen Arbeitsbelastung steht. Ich verstehe daher, wenn sich Pflegende dafür entscheiden, temporär arbeiten zu gehen, um mehr Lohn zu erhalten. Durch den Personalmangel sind viele Betriebe auf Temporärmitarbeitende angewiesen und sind bereit, viel Geld zu bezahlen.

Anstatt Kartellabsprachen zu treffen, sollten Gesundheitsinstitutionen besser die Löhne der Festangestellten anheben.

Jedoch gibt es auch Unternehmen, denen die temporären Mitarbeitenden aufgrund der expoldierenden Personalkosten ein Dorn im Auge sind. In Zürich einigten sich 2025 private Kliniken darauf, keine temporären Pflegefachpersonen mehr einzustellen, um die hohen Kosten in den Griff zu kriegen. Von der Wettbewerbskommission gab es einen Rüffel, zu einer Anzeige führte es aber nicht.

Anstatt Kartellabsprachen zu treffen, sollten Gesundheitsinstitutionen besser die Löhne der Festangestellten anheben, dann wäre der Anreiz nicht mehr so gross, sich von einem Temporärbüro anstellen zu lassen. Ein fairer Lohn ist eine Wertschätzung, die auf das gesamte Personal verteilt werden sollte, statt einzelnen Verwaltungsräten Boni auszuzahlen. Denn ohne Mitarbeitende läuft gar nichts – und mit Applaus kann sich eine Pflegekraft nichts kaufen.

Bezüglich Transparenz kann sich die Schweiz an Norwegen ein Beispiel nehmen: Dort kann man den Lohn des eigenen Nachbarn googeln, denn die Steuererklärungen sind für jeden einsehbar.