Geschichten übers Zusammenleben

von Lucie Bader 12. Mai 2026

Film Bereits zum sechsten Mal findet in Bern das Orient Express Filmfestival (oeff) statt.  Wir sprechen mit Festivaldirektor Aydin Sevinç und Festivalorganisatorin Tahmina Taghiyeva über die Filmauswahl, den Orient-Begriff und Migrationsperspektiven.

Vierzig Jahre nach ihrer Zwangsverheiratung beginnt für Hawa, eine afghanische Mutter von sechs erwachsenen Kindern, ein neuer Lebensabschnitt. Sie lernt lesen und schreiben und kann sogar ein eigenes Geschäft mit gestickten Tüchern und Kleidern gründen. Sie ist auf dem Weg zur Selbstermächtigung und befreit sich allmählich von patriarchalen Zwängen.

Am 15. August 2021 ist dieser Traum zu Ende. Die Taliban ergreifen in Afghanistan wieder die Macht, und Hawas Lebensumstände verändern sich umgehend. Diese Geschichte erzählt uns ihre Tochter Najiba Noora in ihrem beeindruckenden Dokumentarfilm «Writing Hawa», der im Rahmen des Orient Express Filmfestival (oeff) gezeigt und diskutiert wird.

Zwei iranische Filme können nicht gezeigt werden

Die sechste Ausgabe des oeff steht unter dem Motto «Zusammenleben». «Statt vereinfachte oder gewaltverherrlichende Erzählungen, suchen wir nach vielschichtigen, persönlichen Geschichten, die neue Formen des Zusammenlebens sichtbar machen und Räume für Begegnung und Dialog öffnen», erklärt Festivaldirektor Aydin Sevinç.

Die Filme aus Afghanistan, dem Iran, der Türkei und weiteren Ländern erlauben aktuelle Einblicke in die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche, die sich dort abspielen. Doch wie findet man Filme in Ländern, wo Filmschaffende unter schwierigen politischen Bedingungen arbeiten?  «Der Zugang zu einzelnen Filmen kann aufgrund von Zensur, der politischen Situation oder eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeiten erschwert sein», sagt Aydin Sevinç, «dennoch gelingt es uns dank der direkten Netzwerke und langfristigen Beziehungen meist, aktuelle Filme ausserhalb des regulären Verleihsystems zu erhalten.»

Über die Jahre hat sich ein grosses Vertrauen aufgebaut, sodass inzwischen viele Filme direkt eingereicht werden.

Das Festival arbeitet mit einem breiten Netzwerk aus Filmschaffenden, Kurator*innen, Kulturschaffenden und internationalen Festivals aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Über die Jahre habe sich ein grosses Vertrauen aufgebaut, sodass inzwischen viele Filme direkt eingereicht würden. «Dieses Jahr können wir jedoch zwei iranische Filme nicht zeigen, weil wir die Regisseur*innen aufgrund der massiven Internetbeschränkungen im Iran zeitweise nicht erreichen konnten.»

Aydin Sevinç und Tahmina Taghiyeva organisieren die sechste Ausgabe des Orient Express Filmfestivals. (Foto: Nikol Rot)

Differenzierte Perspektiven und Dialog

Immer wieder kooperiert das oeff auch mit lokalen Initiativen, Aktivist*innen und Künstler*innen. So zeigt das Festival den Film «Freiheit im Herzen» von Roxana Samadi in Zusammenarbeit mit dem feministischen Streikkollektiv Bern.

Der Film dokumentiert die Zerrissenheit, die Hoffnung und den solidarischen Kampf von Exil-Iraner*innen in Deutschland nach dem Tod von Jina Masha Amini. Sie demonstrieren auf den Strassen unter der Parole «Frauen, Leben, Freiheit!» und wünschen sich einen politischen Umsturz herbei, der die lang ersehnte Freiheit der Menschen im Iran herbeiführen soll. Die 25-jährige Regisseurin Roxana Samadi, die selbst in Deutschland lebt, kommt ebenfalls nach Bern, um den Film mit dem Publikum zu diskutieren (15. Mai, 19h30 im Kino in der Reitschule).

Exil-Iraner*innen auf der Strasse im Film «Freiheit im Herzen». (Filmstill: zVg)

Zahlreiche Filme verhandeln auch das Thema Migration. Die Festivalleitung erachtet es als wichtig, den Dialog über Perspektiven von Migrant*innen und somit eine gesellschaftliche Auseinandersetzung zu fördern. Eine Gelegenheit dazu bietet sich etwa anhand des Films «To a Land Unknown» von Mahdi Fleifel.

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Der Film erzählt die Geschichte zweier palästinensischer Cousins, die auf ihrer Flucht in Athen stranden und dort mit allen Mitteln versuchen, weiter nach Deutschland zu kommen. Sie träumen davon, in Berlin ein Restaurant führen zu können. Der spannend inszenierte Thriller zeigt die Hindernisse bei der Realisierung dieses Traums, die zu einer Spirale der Gewalt führen.

Der dänisch-palästinensische Regisseur Mahdi Fleifel widmet sich in «To a Land Unknown» der prekären Existenz zweier Migranten in Athen. (Filmstill: zVg)

Die Filmvorführung wird von einem Gespräch mit Alexander Ott, dem ehemaligem Chef Einwohnerdienste, Migration und Fremdenpolizei der Stadt Bern und dem Schauspieler Mouataz Alshaltouh ergänzt. Moderiert wird das Gespräch von Prof. Walter Stoffel (17. Mai, 17h30 im Kino in der Reitschule).

Ein Beziehungsraum im Wandel

Das oeff ist noch jung, im Gegensatz zu anderen Filmfestivals beruht es fast vollständig auf zivilgesellschaftlichem Engagement, freiwilliger Arbeit und transnationalen Netzwerken. Erinnert der Name «Orient Express Filmfestival» nicht zu stark an Agatha Christie und die koloniale Vergangenheit? «Für uns ist der Orient keine geografische oder exotisierende Kategorie», meint die Festivalorganisatorin Tahmina Taghiyeva, «sondern ein historisch und politisch geprägter, sich ständig wandelnder Beziehungsraum. Mit unserem Festival versuchen wir gerade, starre Vorstellungen und stereotype Bilder aufzubrechen und vielfältige Perspektiven sichtbar zu machen.»

Mit unserem Festival versuchen wir, starre Vorstellungen und stereotype Bilder aufzubrechen.

Der Name werde vom Festival bewusst neu gelesen und transformiert, führt Taghiyeva weiter aus, «nicht als koloniale Nostalgie, sondern als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Bewegung zwischen unterschiedlichen Erfahrungen, Sprachen und Kulturen.» Und nun steht bereits die sechste Ausgabe des oeff an.

Für Taghiyeva ein Zeichen dafür, dass migrantische Perspektiven zunehmend als selbstverständlicher Teil der Kulturlandschaft wahrgenommen werden. «Menschen mit Migrationsgeschichte sind bei uns nicht nur Thema, sondern aktive Subjekte, die selbst produzieren, kuratieren und erzählen.»