Als der Krieg ausbrach, habe er die Kontrolle über die Richtung seines Lebens verloren. Das erzählt Viktor Holikov, Fotograf und Soldat aus der Ukraine. Er sitze nun auf dem Beifahrersitz seines Lebens, aber nicht mehr am Steuer.
Diese Woche stellt Viktor Holikov seine Kunst in Bern aus. Er wurde für ein paar Tage von seinem Dienst beurlaubt, um in die Schweiz zu reisen. Holikov ist immer wieder in Bern: Bereits letztes Jahr waren seine Fotografien am Egelsee zu sehen (Journal B berichtete).
RaBe Info: Viktor Holikov, sie sind Soldat und Fotograf und zeigen in Bern ihre Kunst. Diese zeigt auch das Leben an der Front in der Ukraine. Sie bezeichnen sich aber nicht als Kriegsfotograf. Wieso nicht?
Viktor Holikov: Wenn man als Kriegsfotograf dokumentarisch oder journalistisch arbeitet, sollte das Bild so wahrheitsgetreu wie möglich sein. Ich versuche aber, die Welt durch meine eigenen Augen zu zeigen. Ich liebe es, Fotos auf meine eigene Art zu machen. Ich habe nie die ganz genauen Regeln gekannt, wie ein Foto für eine Zeitung oder ein Magazin aufgenommen werden sollte. Meine Fotos folgen nicht den klassischen Regeln, sondern haben ihren eigenen Stil.
Und was ist dieser Stil?
Ich habe eine Leidenschaft für Schwarz-Weiss-Fotografie, mit viel Körnung. Manchmal fotografiere ich auch auf Film, aber leider ging das an der Front nicht gut: Man kann nicht gut vorhersehen, was passiert. Deswegen fotografiere ich oft digital, etwa für die «Passenger Seat»-Serie.

Sie haben die «Passenger Seat»-Serie erwähnt. Das ist eine Serie, die sie letztes Jahr nach Bern gebracht haben, auch in ihrer neuen Ausstellung ist sie zu sehen. Es handelt sich um Schwarz-Weiss-Fotografie, in der sie den Alltag als Soldat an der Front in der Ukraine zeigen. Dieses Mal bringen sie aber auch eine neue Serie mit. Sie heisst «Life, Luck and Loss», zu Deutsch: Leben, Glück, Verlust. Was ist das Konzept dahinter?
Das Konzept dieses Projekts ist meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem 7. März 2025; dem Tag, an dem ich dem Tod so nahe war wie nie zuvor. Ich habe mit viel Glück einen Raketenangriff überlebt. Und das, obwohl ich mich direkt unter dem Einschlag befand. Ein guter Freund von mir verstarb. Ich hatte das Glück zu überleben, und gleichzeitig verlor ich einen Freund. Deswegen «Life, Luck and Loss»- Leben, Glück, Verlust.
Sie sind also an genau den Ort zurückgekehrt, an dem sie beinahe ihr eigenes Leben verloren und einen guten Freund verloren hast, und haben dort Fotos gemacht. Was ist dann mit diesen Aufnahmen passiert?
Ich habe diese Fotos gemacht und dann gemerkt, dass ich ihnen mehr Gewicht, mehr Bedeutung und mehr Kraft geben möchte. Deshalb bin ich auf einen Künstler zugegangen, ebenfalls Soldat ist. Er hat Grafiken über die Fotos gelegt. Ich glaube, dass dadurch etwas ganz Besonderes aus diesem Projekt entstanden ist.

Sie haben mir bei unserem letzten Gespräch von dem Raketenangriff erzählt. Sie haben auch erwähnt, dass sie danach Symptome hatten, die man als posttraumatische Belastungsreaktionen bezeichnen könnte, dass etwa ihre Hände gezittert haben. Wie war es für sie, diesen künstlerischen Prozess zu durchlaufen, also noch einmal dorthin zurückzugehen und diese Fotos zu machen? Inwiefern hat ihnen das geholfen?
Diese Fotos, die ich bei der Ausstellung zeigen werde, sind am zweiten oder dritten Tag nach dem Raketenangriff entstanden. Genau an dem Ort, an dem es passiert ist. Ich habe diese Fotos gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es tun muss. Erst einige Monate später habe ich gemerkt, dass es meinem Nervensystem geholfen hat, das Erlebte zu verarbeiten. Es hat mir geholfen, mich klarer daran zu erinnern. Dieses Erlebnis wird für immer bei mir bleiben. Ich möchte auch, dass es bei mir bleibt, weil ich dort einen Freund verloren habe. Ich möchte mich an diesen Tag, an diesen Moment erinnern.
In der Ausstellung zeigen sie diese Arbeiten von «passengers seat» und «life, luck, loss». Es werden auch Arbeiten von Serhii Melnychenko zu sehen sein. Er hat allerdings keinen Urlaub bekommen, um in die Schweiz zu kommen. Deswegen frage ich sie stellvertretend für ihn: Wie würden sie seinen künstlerischen Ansatz beschreiben?
Serhii ist ein sehr bekannter ukrainischer Künstler, Fotograf, Pädagoge und Kurator. Seine Kunst verbindet konzeptionelle und dokumentarische Fotografie. Er hat zahlreiche Preise gewonnen. Das Projekt, das er ausstellt, heisst «Frontline Rolls». Die Idee von Serhii Melnychenko war, Einwegkameras an verschiedene Soldaten zu schicken. Ich persönlich war einer der Soldaten, die eine solche Kamera bekommen haben. Damit wurde auch ich Teil dieses Projekts. Insgesamt waren es etwa 25 Menschen, die Fotos aus ihrem Alltag gemacht haben. Es gab keine Regeln oder Vorgaben, was sie fotografieren sollten. Jeder hat etwas völlig anderes gemacht. Alle Arbeiten sind in einem Buch zusammengeführt, das in Bern ebenfalls präsentiert wird. Aus diesem Buch und den entstandenen Fotos ist nun ein eigenes Projekt und eine Ausstellung entstanden, die gezeigt wird.

Serhii Melnychenko hat Einwegkameras an viele verschiedene Soldaten geschickt, die damit Fotos aus ihrem Alltag gemacht haben. Was macht diese Arbeit für sie so bedeutend?
Auf den ersten Blick sieht man in den einzelnen Fotos vielleicht nichts Besonderes. Aber wenn man die Bilder in der Ausstellung oder im Buch betrachtet, wird einem bewusst, dass man ein Tagebuch vor sich hat. Ein visuelles Tagebuch des Krieges in der Ukraine, das in einem einzigen Projekt zusammengeführt und gesammelt wurde. Und genau das macht es so besonders. Verschiedene Soldaten haben Fotos gemacht, an unterschiedlichen Orten, mit unterschiedlichen Gefühlen und aus unterschiedlichen Perspektiven. Aber wenn man all diese Bilder zusammen betrachtet, zeigen sie die Realität des täglichen Lebens im Krieg in der Ukraine.

Viktor Holikov, Wir haben uns zuletzt im Juni 2025 getroffen. Damals dienten Sie als Soldat an der Front. Wie hat sich ihr Leben seither verändert?
Eigentlich hat sich mein Leben ziemlich stark verändert. Ich diene noch immer als Soldat. Aber ich hatte die Möglichkeit, den Ort zu wechseln, an dem ich eingesetzt bin.
Heute hilft mir meine Fähigkeit, als Künstler mit einer Kamera zu arbeiten, auch dabei, meinen Dienst zu leisten.
Damals haben sie auch über ihre Familie und ihre junge Tochter gesprochen. Sie waren weit von ihrer Familie entfernt stationiert. Jetzt sind sie wieder näher bei deiner Familie, richtig?
Ja, meine Aufgaben und Verantwortlichkeiten in unserer Brigade haben sich stark verändert. Momentan bin ich für das Fundraising für unsere Brigade verantwortlich. Meine Aufgaben und Verantwortlichkeiten ermöglichen es mir, in meiner Heimatstadt zu dienen. Das bedeutet, dass ich nach meinem Dienst die Möglichkeit habe, nach Hause zu gehen und die Nacht in meinem eigenen Bett zu verbringen – bei meiner Familie, bei meiner Frau und bei meiner Tochter. Ich bin so etwas wie ein «Nachtvater» für meine Tochter, weil ich spät nach Hause komme, wenn sie schon ins Bett geht. Aber ich kann meine Frau und meine Tochter Mia bei dieser abendlichen Routine unterstützen.
Ihr Alltag hat sich also stark verändert seit unserem letzten Treffen. Der Krieg geht in der Ukraine aber weiter und Sie sind nach wie vor als Soldat im Einsatz. Sie dienen nun seit einigen Jahren beim Militär. Vor Kriegsausbruch hatten Sie ein ganz anderes Leben. Sie haben als Fotograf gearbeitet, Hochzeiten, Geburtstage und Partys fotografiert und viel Zeit mit sehr schönen und fröhlichen Momenten verbracht. Sie haben letztes Jahr gesagt, dass Sie vor dem Krieg niemals gedacht hätten, dass Sie eines Tages als Soldat dienen würden. Aber dann hat sich alles dramatisch verändert. Wie blicken Sie heute auf diese Jahre und all die Veränderungen zurück, die Sie in den vergangenen Jahren und Monaten erlebt haben?
Ich bin jetzt seit fast drei Jahren bei der Armee. Und wenn ich zurückblicke, wird mir bewusst, dass ich Glück habe. Denn heute hilft mir meine Fähigkeit, als Künstler mit einer Kamera zu arbeiten, auch dabei, meinen Dienst zu leisten. Die Kamera ist für mich eine Art Instrument. Sie hilft dabei, die Realität zu zeigen und auch Spenden zu sammeln. Denn Kunst ist ebenfalls ein sehr, sehr mächtiges Instrument.

Sie haben eine sehr starke Verbindung zu Bern. Sie waren schon sehr oft hier. Sie haben gesagt, dass diese Ausstellung, die Sie jetzt zeigen, bereits die vierte Ausstellung ist, die Sie in Bern haben. Sie waren immer wieder hier und haben viele Freunde hier. Was bedeutet Bern als Stadt für Sie in diesen sehr schwierigen Zeiten?
Jedes Mal, wenn ich über Bern spreche – besonders wenn ich in der Ukraine bin –, habe ich ein ziemlich albernes und lustiges Gesicht, weil ich immer grinse. Für mich ist Bern zu einer zweiten Heimatstadt geworden. Wenn wir mit meinen Freunden anfangen zu träumen und darüber sprechen, wohin wir gerne ziehen würden, wenn der Krieg vorbei ist, sprechen wir natürlich zuerst über die Ukraine. Aber wenn es darum geht, ins Ausland zu gehen, sage ich immer: Ich würde nach Bern ziehen.
Das ist für mich eine immerwährende Botschaft: die Menschen daran zu erinnern, dass der Krieg weitergeht und von Tag zu Tag schlimmer wird.
Sie haben Ihre Realität in Luzk, das im Westen der Ukraine liegt, gegen Bern eingetauscht. In einer dreissig stündigen Autofahrt sind sie alleine hierhergereist. Wie fühlt es sich an, wieder in Bern zu sein?
Jedes Mal, wenn ich nach Bern komme – auch jetzt –, ist das für mich wie eine Therapie. Ich werde hier ruhiger. Ich habe sogar das Gefühl, dass die Zeit hier langsamer vergeht. Ich kann meine Pflichten, meinen Alltag beim Militär, für eine Weile ausschalten. Deshalb habe ich das Gefühl, dass die Zeit hier langsamer vergeht. Aber grundsätzlich befinden wir uns jetzt seit mehr als vier Jahren im Krieg. Wir haben uns inzwischen an diese Realität gewöhnt. Wir wissen, dass das unsere Realität ist, und dass wir die Realität ausserhalb unserer Grenzen nicht beeinflussen können. Wir müssen sie deshalb akzeptieren.
Ich würde mir wünschen, dass die Leute hier trotzdem an uns denken, an den Krieg in der Ukraine. Dass Sie ihn nicht vergessen und uns unterstützen. Aber ich würde mir niemals wünschen würde, dass sie das fühlen, was wir fühlen.
Ist das mehr oder weniger auch die Botschaft, die Sie mit Ihrer Ausstellung nach Bern bringen möchten? Die Menschen daran zu erinnern, dass der Krieg weiterhin andauert und gar nicht so weit von der Schweiz entfernt ist?
Das ist für mich eine immerwährende Botschaft: die Menschen daran zu erinnern, dass der Krieg weitergeht und von Tag zu Tag schlimmer wird. Wenn es früher noch selten Raketenangriffe auf die grossen Städte gab, ist es heute wie ein Regen aus Raketen und Drohnen, die alles zerstören. Das ist so traurig. Es ist schrecklich, eine Katastrophe, und niemand wird dafür bestraft.
Dieses Interview erschien zuerst bei RaBe Info.
Arbeiten aus der Serie «Passenger Seat». (Foto: Viktor Holikov)