«Ich habe nicht gedacht, dass ich es schaffen würde», gesteht Philippe Amann. Er hatte den Link zur Wahl einfach über WhatsApp an Angehörige, Freunde und Bekannte weitergeleitet. Er selbst ist auf Social Media nicht aktiv. Dann kam die Nachricht: Er ist gewählt. Am 21. Oktober wird der 37-Jährige im Nationalratssaal an der Behindertensession teilnehmen, als einer von 44 Menschen mit Behinderungen. Sie repräsentieren die 22 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die mit einer Behinderung leben.
Darauf freut sich Amann, der mit einer Körperbehinderung lebt: «Das ist schon ein spezielles Gefühl, selber im Bundeshaus zu sitzen und als Gruppe etwas zu bewegen.»
Vom Rheintal nach Bern
Amann stammt aus dem St. Galler Rheintal. Für seine kaufmännische Ausbildung wechselte er jedoch nach Bern. Gemeinsam mit seinen Eltern suchte er eine Ausbildungsstätte, die auch die Pflege von Menschen mit Körperbehinderungen gewährleisten konnte. In der Ostschweiz wurden sie nicht fündig. In der Stiftung Rossfeld in Bern schon.
«Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich dann 19 Jahre in Bern arbeiten und wohnen würde, hätte ich gesagt: ‘Niemals!’», ergänzt Amann. Inzwischen ist Bern zu seinem Lebensmittelpunkt geworden.

Vormittags berät Amann für die Stiftung Behindertentransport Kanton Bern BTB Menschen am Telefon, die einen Ausweis für vergünstigte Taxifahren beantragen möchten. An vier Nachmittagen arbeitet er am Empfang der Stiftung Rossfeld, die Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnplätze für Menschen mit einer Körperbehinderung anbietet. «Ich spreche sehr gerne mit den Menschen und verbinde sie miteinander», sagt er.
Sport begleitet Amann seit seiner Kindheit. Insgesamt spielte er bis jetzt 25 Saisons Powerchair Hockey im Elektrorollstuhl. Daneben liest er gerne Krimis sowie historische Romane und sieht sich gerne Flme und Serien an.
Dass er sich neben Beruf und Freizeit nun auch politisch engagiert, hat er sich gut überlegt. «Aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Und wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann setze ich es auch durch», sagt er.
Ein Abend, an dem Inklusion einfach passiert
Er erinnert sich an einen Abend im Gaskessel in Bern. Rund 15 Personen aus dem Rossfeld waren zusammen zu einer Party gegangen. Einige im Handrollstuhl, andere im Elektrorollstuhl und einige zu Fuss. Als die Gruppe eintraf, schauten die Partybetreibenden und die anderen Gäste etwas erstaunt. Eine besondere Ankündigung hatte es nicht gegeben. Dann begann die Musik. «Spätestens nach fünf Minuten haben sie angefangen, auch mit uns zu reden, zu tanzen und zu trinken.» Genau das versteht Amann unter einem inklusiven Alltag: nicht etwas Spezielles, sondern selbstverständlich Teil des Lebens zu sein.

Barrieren verhinderten Wahlfreiheit
Doch von dieser Selbstverständlichkeit ist die Gesellschaft noch weit entfernt. Amann selbst erlebt jeden Tag Barrieren.
Ein Beispiel: in Zügen sind die Sensoren bei den Zugabteilen für Rollstuhlfahrende teilweise noch an der Decke und nicht seitlich angebracht. So erkennen sie nur stehende Personen, aber nicht Menschen im Rollstuhl. «Da wundere ich mich schon, mit wem die Zugherstellenden sprechen.»

Bis heute lebt Amann in einer Wohnheimstruktur. Zurzeit ist das seine bevorzugte Wohnform, weil sie ihm die notwendige Sicherheit gibt. Im Alltag ist er beim Aufstehen, bei der Körperpflege, bei Toilettengängen und in der Mobilität auf Unterstützung angewiesen. «Wenn ich Unterstützung brauche, ist spätestens in ungefähr 15 Minuten jemand da», erklärt er.
Amann überlegt sich, ob das Wohnen mit Assistenz eine zukünftige Wohnvariante wäre, und wie er das umsetzen kann. Denn Leben mit Assistenz ist noch recht komplex. Bei dieser Wohnform wäre Amann Arbeitgeber für Assistenzpersonen. Als Arbeitgeber müsste er selbst Assistenzpersonen suchen, anstellen und einarbeiten, Arbeitspläne erstellen und bei Krankheitsausfällen Ersatz organisieren. «Leben mit Assistenz funktioniert dann gut, wenn man sich das gesamte Know-how dazu erarbeitet hat.» Er möchte dafür eintreten, dass das Leben mit Assistenz einfacher und zugänglicher wird und alle Menschen ihre Wohnform frei wählen können.

Dialog statt Gegeneinander
Amann betrachtet Kommunikation als das A und O. Andere würden vielleicht rabiat auftreten. Er beginne lieber anzuerkennen, was gut funktioniere und frage dann, was noch besser gemacht werden könne. «Wenn du mit dem Brecheisen reingehst, blockiert das die Leute eher.»
Wir haben gemeinsam so viel Potenzial. Wenn wir uns dieses Potenzials bewusst sind, ist sehr vieles möglich.
Wer mit Kinderwagen, Krücken oder Gepäck unterwegs ist, profitiere ebenfalls von flachen Einstiegen in Züge, Trams und Busse. «Doch in der Öffentlichkeit gibt es noch zu viel Zurückhaltung und zu wenig Diskussion über die Anliegen von Menschen mit Behinderungen. Wir haben gemeinsam so viel Potenzial. Wenn wir uns dieses Potenzials bewusst sind, ist sehr vieles möglich», so Amann.
Für Amann gehört dazu auch, unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb der Behinderten-Community zusammenzubringen. Menschen mit Körperbehinderungen sind beispielsweise auf flache Zugänge angewiesen. Dahingegen kann eine klare Kante für Menschen mit einer Sehbehinderung wichtig sein, um Gehsteig und Strasse voneinander zu unterscheiden. Deshalb müsse man unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und nach Lösungen suchen, sagt er. «Gemeinsam können wir in der Öffentlichkeit besser auftreten.»

Mehr Zeit und mehr Diskussionen
Zwar baut die Behindertensession 2026 auf die Erfahrungen der Premiere von 2023. Doch bei der letzten Session haben die Parlamentarier*innen nur einen Nachmittag zur Verfügung gehabt. Aufgrund der knappen Zeit hätte eine Kommission vorab eine Resolution ausgearbeitet. Danach hätten die Gewählten sie durch Anträge angepasst, erklärt Philipp Schüepp, Leiter Kommunikation und Politik von Pro Infirmis.
Anders als bei der letzten dauert die diesjährige Behindertensession einen ganzen Tag. Im Vorfeld haben zudem die Teilnehmenden selber in Kommissionen Petitionen eingereicht und über diese diskutiert. Daher werde dieses Mal mehr diskutiert, fasst Schüepp zusammen.
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Die diesjährige Session sei auch frei, die politischen Forderungen zu setzen, unabhängig von der ersten, so Schüepp. Die damals eingereichten Forderungen sind in parlamentarischen Prozessen unterwegs, zum Beispiel die Forderung nach einem autonomen und ungehinderten Wahl- und Stimmrecht für Menschen mit Behinderungen. Aber Schüepp hält es für möglich, dass Parlamentarier*innen der jetzigen Session den Forderungen von 2023 nochmals Nachdruck verleihen werden.
Bei den Diskussionen über die Petitionen hat Amann die Arbeit der Dolmetschenden beeindruckt. Er selbst spricht Englisch, Französisch und etwas Spanisch. «Am besten ist es, die politischen Anliegen möglichst nicht schwammig, sondern so klar und konkret wie möglich zu formulieren», resümiert er. Davon profitieren nicht nur die Dolmetschenden, sondern alle Beteiligten.
Es wäre schön, wenn die Menschen flexibler wären und offener aufeinander zugingen.
Amann will nicht nur über Inklusion reden. Er sieht in der Behindertensession die Chance, etwas zu bewegen. «Niemand kann für einen anderen entscheiden, und auch nicht darüber, was lebenswert ist», sagt er. Für ihn bedeutet Inklusion, selbst bestimmen zu können, wie und wo man lebt, arbeitet und seine Freizeit verbringt.
«Es wäre schön, wenn die Menschen flexibler wären und offener aufeinander zugingen.» Menschen mit und ohne Behinderungen sollen selbstverständlich zusammen sein, ohne dass jemand darüber nachdenkt, wer eine Behinderung hat und wer nicht. So wie an jenem Abend im Gaskessel.

Philippe Amann vor der Stiftung Rossfeld. (Foto: David Fürst)