«Am Muttertag sind die Kinder und der Ehemann besonders lieb zur Mutter und Ehefrau, kleine und grössere Geschenke und besondere Mithilfe im Haushalt sollen zeigen, wie lieb man sie hat(…)», steht auf einem grünen Flyer aus den 80er Jahren, der auf dem Tisch liegt. Die Wände sind gesäumt von Archivschachteln, der Holzboden knarrt bei jedem Schritt, durch ein einzelnes Fenster scheint das Tageslicht herein.

Lina Gafner, Berner Historikerin und Co-Direktorin des Gosteli-Archivs in Worblaufen, zeigt auf die rechte untere Ecke des grünen Flyers, wo «Bitte wenden» steht. Auf der Rückseite des Papiers wird symbolisch auf die «Kehrseite» des Mutterseins aufmerksam gemacht, zum Beispiel auf häusliche Gewalt: «Wussten Sie, dass in der Stadt Bern jedes Jahr mindestens 300 bis 350 Frauen und Mütter mehr oder weniger schwer misshandelt werden?», schreibt der Verein zum Schutz von misshandelten Frauen in Bern.

«Der Muttertag wurde von den Frauenbewegungen immer wieder genutzt, um Anliegen von Frauen und Müttern öffentlich sichtbar zu machen», sagt Gafner. So nutzt auch das Gosteli-Archiv den Muttertag jeweils als Anlass, um Quellen von Müttern und der Frauenbewegung während einer Führung zu beleuchten. Auch heuer hat das Archiv wieder Besucher*innen eingeladen, um über Mutterschaft im Kontext von Armut, Arbeit und Körper zu diskutieren.
Hauptgründe für Armut
«Haben Sie vielleicht selber auch Kinder oder genügen Phantasie um zu wissen, was allein an materiellem Aufwand ein Kind in der heutigen Zeit in unserem Land bedeutet?», schrieb eine alleinerziehende Bernerin in einem Brief in den 1970er Jahren. Diese Frage ist nach über fünfzig Jahren aktuell geblieben. Denn Mutterschaft bedeutet für viele heute noch ein finanzielles Risiko. «Allerdings galt die Mutterschaft bereits im 19. Jahrhundert als einer der Hauptgründe für weibliche Armut», so Gafner.

Als Frauen ausser Haus tätig wurden, zum Beispiel in Fabriken, entstand die Frage, wie Schwangerschaft und Erwerbsarbeit miteinander vereinbar sein sollten. Jedoch waren sich die Frauenorganisationen nicht einig, wie Mutterschaft abzusichern sei. Denn Emanzipation mittels Beruf oder Schutz vor Arbeitsüberbelastung war eine Frage des sozialen Standes: Wer kein Geld für Hausangestellte oder Kindermädchen hatte, musste die Last der Arbeit und des Haushalts selber tragen.
Auch die Kontroversen unter den Frauen sind geblieben, denn Feminismus war und ist vielfältig. Aber am Thema der Mutterschaft kommen sie nicht vorbei
Daher forderten zum einen die Fabrikarbeiterinnen verkürzte Arbeitszeiten und längere Mittagspausen, da die Arbeiterinnen zu Hause nach der Schicht noch den Haushalt schmeissen mussten. Der Bund der Schweizerischen Frauenorganisationen (BSF) forderte hingegen, dass es keine speziellen Arbeitsbedingungen für Frauen geben sollte. «Es bestand die Angst, dass Sonderrechte, die über einen Wöchnerinnenschutz hinausgingen, dem Ruf der Frauen auf dem Arbeitsmarkt schaden würden», erklärt Gafner.

Dabei waren die Finanzen nicht die einzigen Sorgen werdender Mütter. Besonders unverheiratete Schwangere wurden gesellschaftlich stigmatisiert. «Für ledige Frauen war Mutterschaft fast schon eine Garantie für den sozialen Abstieg.»
Mütter seien keine Mörderinnen
Viele suchten jedoch auch den Ausweg der illegalen Abtreibung. «Es war für mich ein Schock, als mir der Arzt sagte, ich sei schwanger. (…) Ich fragte also meinen Arzt, ob es möglich sei, die Schwangerschaft abzubrechen. Er hat mir empfohlen, nach England zu gehen. Ich müsse verstehen, er könne nichts für mich tun.» Diese Erfahrung einer 30-jährigen Sekretärin in einer Zeitungsausgabe von 1976 der Informationsstelle von Frauen für Frauen in Bern widerspiegelt die verzweifelte Lage, in der sich ungewollt Schwangere befanden. «Für Befürworterinnen der Abtreibung musste Mutterschaft etwas Freiwilliges sein», so Gafner. «Die Gegner*innen mahnten hingegen, dass Mütter keine Mörderinnen sein sollten.»

In den sozialen Medien kursiert heute der Slogan «My body, my choice.» Doch der weibliche Körper war bereits früher politisch. «Schon im frühen 20. Jahrhundert wurde die freie Abgabe von Verhütungsmitteln gefordert», erzählt Gafner im Gespräch. Aufklärung rund um das Thema Schwangerschaft wurde auch von der Schweizer Frauenrechtlerin Emma Pieczynska aufgenommen. Sie war die Partnerin von Helene von Mülinen, Mitglied des Berner Frauenkomitees. Pieczynska schrieb das erste Sexualaufklärungsbüchlein in Europa. Sie widmete diesen Text allen Müttern. «Denn wer – wenn nicht die Mütter – sollten wissen, was im Körper bei der Zeugung und Schwangerschaft geschieht», sagt Gafner dazu und holt das Buch zum Durchblättern.
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Pieczynska schrieb auch, dass Frauen durch das Stimmrecht ermächtigt würden. «Muttersein und politische Partizipation gehörten für sie zusammen», so Gafner. Ihre Gegnerinnen wehrten sich zwar nicht grundsätzlich gegen mehr Rechte für Frauen, jedoch gehörten insbesondere Mütter für sie nicht ins politische Geschehen. «Mütter sollten zu Hause einen sicheren Hort schaffen und für Frieden sorgen, während der Mann sich mit der konfliktreichen Politik befasste – es gab eine klare Rollenteilung.»
Armut, Gewalt an Frauen und Abtreibungsrecht – es scheint erstaunlich, dass sich Frauen heute teilweise noch über die gleichen Fragen den Kopf zerbrechen wie jene im 19. und 20. Jahrhundert. «Auch die Kontroversen unter den Frauen sind geblieben, denn Feminismus war und ist vielfältig. Aber am Thema der Mutterschaft kommen sie nicht vorbei», sagt Gafner.

Lina Gafner, Berner Historikerin und Co-Direktorin des Gosteli-Archivs in Worblaufen. (Foto: Céline Rüttimann)