Die Effingerstrasse ist so etwas wie eine Hauptschlagader des Stadtteils 3 in Bern. Patrick Krebs, Sie sind Geschäftsleiter von QM3, der Quartierorganisation im Stadtteil 3 und haben selbst lange an der Effingerstrasse gelebt. Was kommt hoch, wenn Sie an die Effingerstrasse denken?
Krebs: Es kommen gute Gefühle hoch. Es ist eine lebendige Strasse mit unglaublich vielen Attraktivitäten, mit vielen unterschiedlichen Orten. An der Strasse gibt es Wohngebiete, aber auch Schulen, Kultur, Gastronomie, einen Park. Viele fahren auf der Effingerstrasse nur durch, weil sie von der Innenstadt in die Quartiere raus müssen, wo sie wohnen oder arbeiten. Ich verweile aber.
Claske Dijkema, ist die Effingerstrasse für Sie als Stadtforscherin spannend? Ist sie nicht fast ein wenig langweilig?
Dijkema: Ich antworte erst einmal aus meiner persönlichen Erfahrung. Ich habe da an einer Sprachschule Deutsch gelernt. An ihr liegt auch ein Gebäude der Berner Fachhochschule, wo ich unterrichte. Für mich ist die Effingerstrasse somit ein Ort von Dienstleistungen – nicht so spannend, aber funktional. Aber vielleicht tue ich der Strasse unrecht – denn je länger ich über die Effingerstrasse nachdenke, desto spannender finde ich sie.
Welche Funktion hat die Effingerstrasse, wenn man auf den grösseren urbanen Kontext schaut?
Dijkema: Die Strasse wurde 1879 als Verlängerung der Achse der Bundesgasse, an der das Bundeshaus liegt, in Richtung Westen angelegt. Sie ist übrigens nach einem früheren Stadtpräsidenten benannt.
Die Artikel in der Serie «Effingerstrasse» sind im Rahmen einer Kooperation zwischen Neue Wege, der Inforedaktion von Radio Bern RaBe und Journal B entstanden.
Die Artikel sind in der aktuellen Ausgabe von Neue Wege erschienen. Radio RaBe wird verschiedene Beiträge rund um die Effingerstrasse ausstrahlen und bereitet einen Audio-Walk vor, mit dem zu einem Spaziergang auf der Effingerstrasse eingeladen wird.
Die Funktion als Verkehrsachse ist in die Planung und Architektur der Effingerstrasse eingeschrieben. Patrick Krebs, viele Menschen bezeichnen die Effingerstrasse als einen reinen Durchgangsort oder gar als einen Unort. Wieso?
Krebs: Weil die Strasse für Berner Verhältnisse recht dicht bebaut ist und weil eben sehr viele Bürogebäude dort stehen, die nicht öffentlich zugänglich sind. Freiräume und Spielplätze für Kinder sind rar. Die Gebäude des Inselspitals in unmittelbarer Nähe sind sehr hoch – wenn man diese Strasse entlangläuft, ist es ein bisschen beengend. Aber wenn man stehen bleibt, merkt man, dass viel los ist. Es ist für mich kein Unort, sondern ein lebendiger Ort, wenn auch nicht sehr schick, kein städtebauliches Juwel.
Claske Dijkema, woher kommt der Begriff des Unorts?
Dijkema: Der Begriff des Nicht-Ortes oder des Unortes stammt von Marc Augé, einem französischen Anthropologen, der dazu 1992 ein Buch veröffentlichte. In dieser Zeit begann man verstärkt, zwischen Modernismus und Postmodernismus zu unterscheiden. Für Augé sind Nicht-Orte Produkte der «Übermoderne», wie er es nannte. Sie sind geprägt von Mobilität und Beschleunigung und verfügen über globale Infrastrukturen wie Flughäfen und Bahnhöfe, Autobahnen, aber auch Einkaufszentren, Supermärkte, Hotelketten und Transitbereiche.

Ist nun die Effingerstrasse laut dieser Definition ein Nicht-Ort?
Dijkema: Ich kann nachvollziehen, dass die Effingerstrasse teilweise als Nicht-Ort wahrgenommen wird, da sie weder Altstadt noch ein zentrales Wohngebiet mit starken sozialen Beziehungen ist. Aber nach Augés Definition ist die Effingerstrasse kein Nicht-Ort. Sie steht vielmehr für das, was sie früher war, für eine Form von Modernität, die heute nicht mehr präsent ist.
Wenn man Moderne und Augés Übermoderne voneinander trennt, ist die Moderne als Epoche vor allem mit der Entwicklung vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein verbunden, mit Rationalisierung und Industrialisierung. Genau dafür war die Effingerstrasse ein Symbol: Dort gab es das für seine Zeit architektonisch revolutionäre Möbelhaus Meerhaus im Bauhausstil, verschiedene Druckereien sowie die Kaffeerösterei Blaser. Die Strasse war ein klar industriell geprägter Ort. Was in der Altstadt keinen Platz hatte, konnte sich hier ansiedeln. Später wollte man industrielle Produktion und Lärm auch nicht mehr in diesem Teil der Innenstadt haben. Industriebetriebe wurden weiter stadtauswärts verlagert.
Patrick Krebs, *1978, ist Geschäftsleiter bei der QM3, der Quartiermitwirkung im Stadtteil 3 in Bern. Die QM3 ist als Zusammenschluss von aktuell 28 Gruppierungen wie politischen Parteien, Kirchgemeinden oder Quartiervereinen offizielles Ansprechorgan für
die Stadtverwaltung.
Claske Dijkema, *1975, ist Soziologin und Geografin und arbeitet als Dozentin an der Berner Fachhochschule. Sie ist spezialisiert auf Konflikte und Empowerment in städtischen Räumen.
Was waren die Konsequenzen dieser Entwicklungen?
Dijkema: Dadurch verlor die Effingerstrasse einen Teil ihres Lebens. Heute steht sie für eine vergangene Phase der Moderne – für eine Zeit, die nicht mehr da ist, aber im Stadtraum noch sichtbar bleibt. Die Strasse hat dadurch etwas Nostalgisches. Sie ist ein Symbol für Stadtvergrösserung, für Urbanisierung. Die Effingerstrasse ist weder besonders gut an den Autobahnverkehr angebunden, noch kann sie mit dem Angebot rund um den Bahnhof konkurrenzieren. Die Übermodernität, auf die sich Augés Konzept bezieht, zeigt sich eher in diesen Bereichen des Bahnhofs.
In der Altstadt zeigt sich zunehmend eine Art Museumifizierung.
Für Sie ist die Effingerstrasse definitiv kein Unort oder Nicht-Ort. Was übersieht man, wenn man die Effingerstrasse als Unort bezeichnet?
Dijkema: Ich denke, dass die Effingerstrasse auch deshalb manchmal als Unort bezeichnet wird, weil es schwierig ist, sich klar mit ihr zu identifizieren. Dabei übersieht man jedoch, dass dort durchaus viel Leben vorhanden ist. Vielleicht erklärt das auch mein wachsendes Interesse an diesem Ort. Ich mag es, dass es Orte gibt, die nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und wo die Mieten noch tiefer sind als etwa in der Altstadt. Dadurch ist es für kleine Restaurants und Betriebe noch möglich, sich zu halten. In der Altstadt zeigt sich zunehmend eine Art Museumifizierung. Altstadtbereiche sollen möglichst unverändert bleiben. Das ist ästhetisch ansprechend, steht aber dafür, dass sich an solchen Orten kaum mehr etwas verändern darf. Dieses Gefühl habe ich an der Effingerstrasse nicht.
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Es gibt an der Effingerstrasse wenig Plätze, wenig Orte, wo man bleiben, wo man anderen Menschen in der Öffentlichkeit begegnen kann.
Krebs: Die Strasse endet am Loryplatz. Dort kann man sich schon treffen, der Platz ist einigermassen belebt, es gibt einen Markt, Cafés, bald wieder einen Grossverteiler. Aber an der Effingerstrasse ist es schwierig, Begegnungsorte zu finden. Die Strasse hat viel Verkehr: Autos, verschiedene Tram- und Buslinien. Der Verkehr dominiert das Strassenbild stärker als die Menschen.
Die Effingerstrasse ist ein umkämpfter Ort. An der Ecke, an der Sie, Patrick Krebs, lange gewohnt haben, kam es kürzlich zu Leerkündigungen mehrerer Häuser durch die Allianz-Versicherung. Viele Personen sind betroffen. Stellen diese Massenkündigungen ein generelles Phänomen in der Stadt dar?
Krebs: Uns von den Quartierorganisationen sind zahlreiche Gebäude in der Stadt bekannt, in denen es derzeit ebenfalls zu Leerkündigungen kommt. Nach der Sanierung werden die Mietpreise erhöht. Theoretisch haben die Betroffenen zwar das Recht, nach der Sanierung wieder einzuziehen, in der Praxis ist das jedoch oft nicht möglich. Die Umbauten dauern oft ein bis zwei Jahre, und in dieser Zeit richten sich viele Menschen an einem neuen Ort ein. Sie kehren eher selten zurück, natürlich vor allem auch, weil die Mieten inzwischen viel höher sind.

Besonders schwierig ist die Situation für ältere Menschen, die sehr lange dort gelebt haben, sowie für Familien mit Schulkindern, die zum Beispiel ins Schulhaus an der Effingerstrasse gehen und gerne im Quartier bleiben möchten. In direkter Nachbarschaft der Effingerstrasse wird zwar derzeit auch neuer Wohnraum geschaffen. Allerdings sind auch dort die Mietzinsen hoch, trotzdem sind die Wohnungen immer gleich belegt.
Der Verkehr dominiert das Strassenbild stärker als die Menschen.
Was Sie beschreiben, folgt einer kapitalistischen Verwertungslogik. Gleichzeitig haben Sie, Claske Dijkema, gesagt, dass die Effingerstrasse noch ein offenes Potenzial in sich trägt. Wie könnte es gelingen, diese Offenheit zu bewahren und nicht einfach der rasanten Entwicklung in Richtung Verdrängung nachzugeben?
Dijkema: An der Effingerstrasse sind noch gewisse Dinge möglich, allerdings nur im Vergleich zur Altstadt. Denn es handelt sich trotz allem um eine Lage, die – verglichen mit weiter vom Stadtzentrum entfernten Gebieten – sehr teuer ist. Zudem wird die Effingerstrasse zunehmend zentraler, da sie die wichtigste Verbindung zwischen dem Quartier Holligen, wo derzeit viel neu gebaut und entwickelt wird, und dem Stadtzentrum darstellt. Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass an der Effingerstrasse starke Gentrifizierungsprozesse stattfinden.
Hilfreich finde ich in diesem Zusammenhang die Perspektive von David Harvey, einem britischen Geografen, der lange in den USA geforscht hat. Harvey versteht Gentrifizierung nicht einfach als Aufwertung von Stadtvierteln, sondern als strukturelles Ergebnis kapitalistischer Stadtentwicklung. Es geht dabei um Prozesse kapitalistischer Akkumulation: Wenn überschüssiges Kapital vorhanden ist, muss es investiert werden, um weiteres Kapital zu generieren. Lange Zeit floss dieses Geld vor allem in die Industrie. Wenn dieser primäre Sektor unter Abschwächungen, niedrigen Zinssätzen oder Überakkumulation leidet, wird der Immobilienmarkt zu einem zentralen Investitionsfeld.

Es handelt sich um tiefgreifende finanzielle Strukturen und Prozesse. Es ist schwierig, sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen. Es macht jedoch einen wesentlichen Unterschied, wem Immobilien gehören. Befinden sie sich in öffentlicher Hand, kann die Stadt zumindest teilweise beeinflussen, wer wo wohnt. Wenn eine soziale Durchmischung angestrebt wird, müsste ein Teil der Immobilien dem freien Finanzmarkt entzogen werden. Bestimmte Städte versuchen das auch. Allerdings erfordert dies enormes Kapital, über das viele Städte nicht verfügen. Es bleibt in jedem Fall schwierig, sich der globalen Marktlogik des Immobilien- und Finanzmarktes nachhaltig zu entziehen.
Welche Formen von Solidarisierung oder von Widerstand gegen diese Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse beobachten Sie?
Krebs: In Bern hat sich etwa das Mietenplenum Bern gegründet. In Zürich existiert dieses Kollektiv schon länger. In Bern sind nun auch die Medien auf die Problematik aufmerksam geworden. Die Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit VBG, mit der wir unser Büro teilen, bemüht sich darum, im Fall der Leerkündigungen das Gespräch mit der Eigentümerin, der Allianz-Versicherung, zu suchen. Gerade bei einer so grossen Eigentümerin, die sehr viele Wohnungen besitzt, müsste es eigentlich möglich sein, solche Prozesse sozialverträglicher zu gestalten.
Wir von der QM3 haben nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Wir können vermitteln, Menschen zusammenbringen, sie ermutigen, sich zu vernetzen, an Treffen teilzunehmen und sich zu organisieren.
Wir sprechen die Thematik auch bei der Stadtregierung an. Als Quartierorganisationen stellen wir fest, dass diese Entwicklungen die Menschen in den Quartieren beschäftigen. Wir haben die Stadt deshalb aufgefordert, eine stärkere Rolle zu übernehmen, etwa in koordinierender Funktion, um das Gespräch mit den verschiedenen Akteur*innen zu bündeln. Es ist aus unserer Sicht wichtig, den Dialog zu suchen, etwa in Form eines runden Tisches mit Immobilienfirmen. Wir kennen auch positive Beispiele, bei denen Sanierungen mit Kündigungen verbunden waren, diese aber sehr transparent und frühzeitig kommuniziert wurden und gemeinsam mit den Mietenden nach Lösungen gesucht wurde.
Grosse Investoren und Akteure auf dem Immobilienmarkt, zum Beispiel Pensionskassen, betreffen auch uns, weil unsere eigenen Pensionsgelder dort investiert sind
Claske Dijkema, wie können sich Menschen vor Ort organisieren, ihre Visionen für ein Quartier entwickeln und politisches Gewicht gewinnen, um übergeordneten, ungleichen Machtverhältnissen etwas entgegenzusetzen?
Dijkema: In mehreren Schweizer Städten gibt es inzwischen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Wohnraum auch eine politische Frage ist. Es geht grundlegend darum, wie wir miteinander leben wollen: Wollen wir, dass eine immer stärkere Segregation entsteht zwischen denen, die es sich leisten können, in der Stadt zu wohnen, und denen, die an den Rand gedrängt werden?
Gleichzeitig sollten wir bedenken, dass wir selbst Teil dieses Systems sind. Grosse Investoren und Akteure auf dem Immobilienmarkt, zum Beispiel Pensionskassen, betreffen auch uns, weil unsere eigenen Pensionsgelder dort investiert sind. Wir haben selbst ein Interesse daran, dass ihr Kapital wächst. Es geht also nicht nur um strukturelle Dynamiken, sondern auch darum zu realisieren, wie wir als Individuen daran beteiligt sind, und was unser Handlungsspielraum ist.
Die Bewegungen von Mieter*innen haben dazu beigetragen, dass dieses Thema stärker ins Zentrum der Debatte gerückt ist, auch in den Medien. Aber letztlich ist es eine politische Frage, die wir miteinander aushandeln sollten.
Die Strasse ist durchschnittlich. Gerade das macht sie speziell.
Wir haben nun lange über die Effingerstrasse gesprochen, vor allem auch darüber, welche sozialen und kapitalistischen Phänomene sich in ihr widerspiegeln. Ist die Effingerstrasse nun eine gewöhnliche oder eine aussergewöhnliche Strasse?
Dijkema: Die Strasse ist durchschnittlich. Gerade das macht sie speziell. Man muss ein bisschen suchen. Aber wer sucht, findet spannende Dinge. In der Stadtgeografie gibt es die Idee des Palimpsests: Eine Stadt baut sich immer auf dem auf, was zuvor da war. An der Effingerstrasse kann man das besonders gut beobachten: Sie trägt verschiedene Zeitschichten in sich. Wer sich dafür interessiert, stösst automatisch auch auf die politische und ökonomische Entwicklung Berns. Ich finde es spannend, dass sich all diese historischen und soziografischen Schichten noch ablesen lassen.
Krebs: Die Effingerstrasse ist eine gewöhnliche Strasse. Aber das Gewöhnliche finde ich spannend. Die Effingerstrasse ist es wert, dass wir mehr über sie nachdenken und uns dort länger aufhalten.
Die Effingerstrasse gentrifiziert sich. Das beobachtet auch Patrick Krebs, Geschäftsleiter der Quartierorgansation QM3. (Foto: David Fürst)