Die Poesie der Andeutung

von Joel Schreyer 18. Dezember 2025

Kino Das Kino Rex zeigt vor- und nachrevolutionäres iranisches Kino. Auch Abbas Kiarostamis Klassiker «Close-Up» ist (wieder)zusehen.

In totalitären Regimes ist Kunst eine permanente Gratwanderung. Sie muss eine Ästhetik entwickeln, die Komplexität über Andeutung erzeugt – Vieldeutigkeit wird zur formalen Notwendigkeit, Poesie zur Befreiung. Regisseure wie Abbas Kiarostami, Mohsen Makhmalbaf oder Jafar Panahi haben eine filmische Moderne hervorbrachte, die dokumentarische Beobachtungen mit poetischen Strategien verbindet. Daraus entstand ein neorealistisches iranisches Kino der subtilen Verschiebungen, Metaphern und Ellipsen, das die politische Realität auf persönliche Sehnsüchte treffen lässt.

Radikale Verschränkung

Paradigmatisch dafür steht Kiarostamis Film «Close-Up» aus dem Jahr 1990. In langen, minimalistischen Einstellungen entfaltet sich die wahre Geschichte des arbeitslosen Hossain Sabzian, der sich als berühmter Regisseur ausgibt und so das Vertrauen einer wohlhabenden Teheraner Familie gewinnt. Doch der Identitätsbetrug fliegt auf.

(Foto: Kino Rex / zvg)

Kiarostami filmte den echten Gerichtsprozess und liess die Beteiligten im Anschluss ihre eigene Geschichte nachstellen. Fiktion und Realität verschränken sich auf radikale Weise.

Existenzielle Befragung

Wie viele iranische Filme vor und nach der Revolution, folgt «Close-Up» keiner klassischen Dramaturgie, sondern einer offenen, fragmentierten Form des Beobachtens. Die Poesie des Realen steht im Zentrum: kleine Gesten, Alltagsdetails und Blicke werden zu metaphorischen Räumen innerer Bewegung. Sabzian wird dabei nicht moralisch fixiert, sondern existenziell befragt. Sein Identitätsklau erscheint als Versuch, das enge Bewegungsfeld von Sehnsucht und sozialen Grenzen auszudehnen.

Das Kino Rex beleuchtet in fünfzehn iranischen Filmen diese feinsinnige, widerständige Filmkunst in der Reihe «Poesie ist Befreiung: das iranische Kino vor und nach 1979».

Do., 1.1., bis Mi., 4.2., verschiedene Zeiten
«Close-Up»: Sa., 10.1., 18 Uhr, Fr., 16.1., 14 Uhr und Fr., 30.1., 18 Uhr
www.rexbern.ch


Dieser Artikel erschien zuerst bei der Berner Kulturagenda.