Es ist acht Uhr morgens. Ich sitze vor meinem Patienten, inspiziere seine Fusssohle und sehe dabei direkt in ein Zentimeter grosses Loch. Seine Haut ist heiss und gerötet. Ich blicke neben dem Fuss vorbei in sein Gesicht und frage ihn: «Seit wann haben Sie das nochmals?»
«Seit ein paar Wochen», sagt er.
«Aha», gebe ich zur Antwort. Ich sage nicht: «Und damit kommen Sie erst jetzt?!»
«Haben Sie Schmerzen?», frage ich ihn.
Er schüttelt den Kopf. «Nö».
Vorsichtig schiebe ich ein steriles Instrument in den Wundkanal, um zu überprüfen, wie tief die Wunde ist. Das Ding rutscht wie durch warme Butter in das Loch und es macht ganz sachte «Tick».
Obwohl ich eine chirurgische Maske trage, verraten mich meine aufgerissenen Augen.
«Was ist?», fragt der Patient.
Ich blinzle einmal. Dann fange ich an: Der Beratungsschwall. Ich erkläre ihm, dass der Wundkanal bis auf den Knochen reicht («Tick»). Ich sage ihm, dass die Wunde wahrscheinlich infiziert ist und er sofort zum Hausarzt gehen soll, weil er Antibiotika braucht. Ein Röntgen oder ein MRI wäre empfohlen, um abzuklären, ob der Knochen angegriffen ist (Osteomyelitis).
«Ich kann nicht zum Hausarzt gehen. Ich bin nicht zufrieden mit ihm. Eigentlich wollte ich schon lange wechseln.»
Der ideale Zeitpunkt, denke ich. «Na gut, dann müssen Sie halt sofort in den Notfall. Sie könnten eine Blutvergiftung bekommen.»
Das kann bis nächste Woche warten.
Mit einer Seelenruhe, die ich nicht nachvollziehen kann, sagt der Mann: «Ich habe heute keine Zeit, wissen Sie. Das kann bis nächste Woche warten. Aber nächste Woche, da gehe ich bestimmt zum Arzt.»
Perplex über seine Antwort frage ich ihn: «Sind Sie Diabetiker?» Er nickt. Seit zehn Jahren. Menschen mit Diabetes neigen dazu, aufgrund von Nervenschäden ihre Füsse als einen Fremdkörper wahrzunehmen. Die Füsse werden gefühllos, fremd, was zu einer fatalen Verdrängung von Wunden führen kann.
Ich empfehle ihm nochmals ausdrücklich, einen Arzt aufzusuchen, bevor der Patient geht. Aber ich ahne schon, dass er es wahrscheinlich nicht tun wird.
Der nächste Patient setzt sich hin. «Der soll doch einfach in den Notfall gehen», sagt er zu mir und meint den vorherigen Patienten. Er hat wohl im Wartezimmer gelauscht. Ich starre ihn an. «Waren Sie bei der orthopädischen Schuhanpassung, wie ich es Ihnen empfohlen habe?», frage ich ihn.
« Ähh…also – ich hatte diese Woche so viel zu tun, da hatte ich keine Zeit», sagt er und kratzt sich am Kopf (er ist Rentner). Ich seufze innerlich und fange mit der Wundbehandlung an.
Mittlerweile habe ich leichte Kopfschmerzen. Als ich die nächste Patientin behandle, fragt sie plötzlich: «Was machen Sie da?»
Ich schaue auf und antworte: «Ich spüle den Wundkanal – wie jedes Mal.»
«Aber müsste die Flüssigkeit da nicht drinbleiben? Sie machen das doch falsch», sagt sie und zeigt auf meine Hände mit der Spritze. «Nein, die Flüssigkeit muss wieder rauskommen, das nennt man Spülung», sage ich.
Aber müsste die Flüssigkeit da nicht drinbleiben? Sie machen das doch falsch.
Das geht noch ein paar Mal hin und her, wobei die Patientin mir vorhält, dass die Wunde nicht schneller heilt. «Sie sind schuld», sagt sie zu mir. Beinahe platzt mir der Kragen. Ich weiss, dass die Frau täglich ein Päckli Zigaretten raucht, obwohl ihre Stents in den Beinarterien immer wieder verstopfen. Die Durchblutung wird dadurch gestört und die Wunde kann nicht richtig heilen.
«Hören Sie lieber auf zu Rauchen», blaffe ich zurück.
Es herrscht ein unangenehmes Schweigen. Plötzlich sagt die Frau. «Ich war letzte Woche an einem Konzert. Soll ich Ihnen davon erzählen?»
Ich schaue von meinen geschäftigen Händen auf und sehe sie an. Ein Friedensangebot. «Klar, erzählen Sie. Hat es Ihnen gefallen?»
Das nächste Mal roch sie trotzdem wieder nach Rauch.
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In der Wohnung ist es stickig, als ich eintrete. Jeder freie Platz ist zugestellt mit Antiquitäten und an den Wänden hängen Bilder vom Schweizer Maler Albert Anker. «Können Sie die tote Biene vom Boden aufheben? Ich kann mich schlecht bücken», fragt meine Patientin. Sie ist gut betucht und scheint es gewöhnt zu sein, dass alle um sie herumwuseln und ihren Wünschen Folge leisten. Ich finde das verendete Insekt vor der Terrassentür.
«Benutzen Sie sonst das Altpapier da drüben», sagt sie und zeigt auf einen kleinen Salontisch. Neben einem Strauss Blumen liegt eine Grusskarte, auf der «Gute Besserung» draufsteht. «Meinen Sie die?», frage ich etwas überrascht. «Ja, genau», antwortet die Frau.
Nachdem ich die tote Biene in den Garten geworfen und die Patientin beim Duschen unterstützt habe, soll ich ihr helfen, neue Schuhe anzuprobieren, die sie bei Zalando bestellt hat. Dafür habe ich eigentlich keine Zeit, aber ich denke mir: Wenn ich auf sie eingehe, dann ist sie vielleicht eher dazu bereit, dass ich ihr die Kompressionsbinden anlege. Die Beine der Frau sind dick geschwollen vom Wasser, dass sich im Gewebe angesammelt hat.
Mit dem Rollator stöckelt sie über den Teppichboden. «Und – was meinen Sie?»
«Hinreissend», sage ich, während ich nervös auf die Uhr schaue. Bald muss ich weiter zum nächsten Patienten. «Ich würde Ihnen nun gerne noch die Beine einbinden, Frau X.», sage ich.
«Aber wenn sie mir die Beine einbinden, dann kann ich die schönen Schuhe nicht anziehen», erwidert sie skeptisch.
«Ich weiss, aber für ihre Gesundheit wäre es besser.»
Wenn sie mir die Beine einbinden, dann kann ich die schönen Schuhe nicht anziehen.
Die Frau überlegt kurz. «Morgen habe ich ein Familienessen, wo ich die Schuhe anziehen will. Die Gesundheit kann warten.»
Um die beschriebenen Situationen aushalten zu können, muss ich mich täglich daran erinnern: Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Egal ob Lastwagenfahrer, Zugführer oder Anwältin – alle haben ihre Geschichte und ihre Lebenswahrheiten. Zu Beginn meiner Ausbildung dachte ich, dass ich jeden retten muss. Heute weiss ich: Ich muss die Autonomie der Patient*innen akzeptieren können. Die Frau mit Ödemen, die keine Kompression will. Der Mann, der nicht zum Arzt will. Die Frau, die sich weiter Zigaretten ansteckt. Letzlich muss aber jeder selbst etwas zu seiner Gesundheit beisteuern – und sei es nur, einen Rat zu befolgen.
Als Pflegefachfrau trifft Céline Rüttimann immer wieder auf behandlungsresistente Patient*innen. (Illustration: Sarah Blaser)