Alltag - Kolumne

Die Alten ins Laufgitter

von Peter Steiger 3. April 2026

Alt.Mann.Bern. Alte Leute benötigen Rück-, Nachsicht und Schutz. Wirklich alle? Manche wollen bei so viel Fürsorge raus aus dem Laufgitter. Unser Kolumnist illustriert dies mit drei Beispielen.

Beispiel eins: Den Gärtnern Pflanzen mitbringen.Wir nennen ihn Roger Graf (alle Namen geändert). Gärtnermeister Graf ist seit einigen Jahren Rentner. Mit ebenfalls pensionierten Berufskollegen betreut er als Ausbildungscoach Gärtnerlehrlinge. Die engagierten älteren  Fachleute besuchen regelmässig Weiterbildungskurse zu Maschinenkunde, Ökologie oder Betriebswirtschaft. Letzthin hatten sie einen Dozenten, der ihnen die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) auf ihre Branche nahebringen sollte.

Der Vortragende beginnt damit, dass er die Gartenfachleute mahnt, die Pflanzen in der Hitze nicht über Mittag zu giessen. Einige Teilnehmer werden unruhig, andere lachen. Dann fragt der Referent, ob die Zuhörer wissen, dass moderne Bewässerungsanlagen durch KI gesteuert würden. Jetzt wird es Roger Graf zu bunt. Er kritisiert lautstark, dass man jemanden geschickt habe, der ihnen, den Fachleuten, Primarschulstoff vermitteln wolle. «Wir sind zwar pensioniert, aber ausgewiesene Experten», ärgert er sich.

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Beispiel Zwei: Frau Gmür als Primarschulkind behandeln. Lea (9) muss zur Dentalhygienikerin. Alles wie gehabt. Anschliessend lobt die Fachfrau die Neunjährige. «Du hast deine Zähne super gepflegt. Ich bin stolz auf dich.» Gerda Gmür (70) muss ebenfalls zur Dentalhygienikerin. Alles wie gehabt, Ultraschall, Handinstrumente, Politur. Anschliessend lobt die Fachfrau die Siebzigjährige. «Sie haben Ihre  Zähne super gepflegt. In Ihrem Alter machen das nur wenige so gut. Ich bin ganz stolz auf Sie.»

Beispiel drei: Einem IT-Spezialisten die Tastatur erklären. Gregor Wahl ist Treuhänder. Seit er pensioniert ist, betreut er noch seine Lieblingskunden. Buchhaltung, Mehrwertsteuern. Was halt so anliegt. Kurz nach der Pensionierung hat er die Buchhaltungs-Software Infoniqa One 50 installiert. Ein ziemlicher Brocken, aber er hat’s geschafft. Letzthin musste er zur Bank, irgend so ein Identitätskram. «Haben Sie einen Computer?», fragte der junge Angestellte. Und: «Trauen Sie sich zu, ein Formular auszufüllen?»

Es ist schweinegefährlich, wenn Jüngere die Alten unbesehen in den Dummie-Kübel werfen.

«Ja, ich habe einen Computer», sagte Wahl. Was er nicht sagte, sondern dachte, können wir als anständiges Medium nur unvollständig wiedergeben. Hier die gesäuberte Version: «Ich habe gefühlt zwanzig Computer gehabt, neun Betriebsysteme überlebt, unzählige Totalabstürze verdaut.» All das dachte Wahl. Und sagte: «Ja, ich habe einen Computer.»

So. Das waren drei Beispiele. Jetzt kommt der nachdenkliche Teil. Was haben wir gelernt? Vom Marketing-Experten, der den Gärtnern sagt, wann man giessen muss? Von der Dentalhygienikerin, die stolz ist, dass ihre 70-jährige Kundin die Zähne putzt? Vom Bank-Jüngling, der den IT-Mann fragt, ob er weiss, was ein Computer ist? Wir haben aus diesen drei Fällen gelernt, dass es schweinegefährlich ist, wenn Jüngere die Alten unbesehen in den Dummie-Kübel werfen.

Senioren brauchen Nachsicht – ja, aber nicht alle. Seniorinnen brauchen Fürsorge – ja, aber nicht alle. Die Medien sind voll mit Berichten über Alte, die gedemütigt, mit Fällen, bei denen Seniorinnen abgezockt werden. Wir lesen von Unfällen, bei denen die 90-Jährige das Gas mit dem Bremspedal verwechselt hat. Wir hören vom Opa, der vergisst, die Herdplatte abzustellen, von der Grossmutter, die das Diesel-Auto mit Benzin betankt.

Mit all dieser Flut von Wohlgemeintem setzt man auch jene Alten ins Babystühlchen, die sich ganz gut bewegen können.

All diesen Seniorinnen und Senioren soll man mit Rück- und Nachsicht begegnen. Zu recht reagieren Präventionsorganisationen mit Kampagnen. Richtigerweise engagiert sich die Polizei mit Infoveranstaltungen. Gut, dass die Behörden aufklärende Broschüren versenden, noch besser in einfacher Sprache. Vielen herzlichen Dank. Aber Gopffriedstutz mit all dieser Flut von Wohlgemeintem setzt man auch jene Alten ins Babystühlchen, die sich ganz gut bewegen können.

Sicher: Möglichst viel Hilfe für die Unterstützungsbedürftigen. Unsicher: Was unterlassen, um jene nicht zu beleidigen, die alle Schwierigkeiten selbständig meistern? Hier die Lösung:

Es gibt keine.