Alltag - Kolumne

«Da war schon lange keine mehr dran.»

von Céline Rüttimann 2. Februar 2026

Who cares? Jede zweite Person in der Schweiz, die in der Pflege arbeitet, erlebt im Berufsleben sexuelle Belästigung. Unsere Kolumnistin fordert mehr Aufklärung und Schutz für Betroffene.

Kurz vor Weihnachten sass ich an einem Weiterbildungstag mit anderen Pflegefachpersonen am Mittagstisch. Dabei schnappte ich ein Gespräch von zwei Frauen auf, die sich über den Spitex-Alltag unterhielten. Die jüngere Pflegende erzählte von einem Spitex-Kunden, bei dem sie oft eingeteilt war, während die ältere Pflegende zuhörte.

–   … und dann öffnete er die Tür und war völlig nackt. Er braucht morgens Hilfe beim Duschen und macht sich immer schon parat, indem er sich auszieht.

+   Ist der Mann denn dement?

–    Dement? Nein, der ist einfach so. Er macht manchmal auch anzügliche Sprüche, wenn ich reinkomme, aber er ist harmlos.

+   Hast du das Verhalten des Mannes deiner Leitung gemeldet?

–   Ja, das wissen alle, aber der ist einfach so.

Während ich auf meinem Sandwich rumkaute, blieb mir der Bissen beinahe im Halse stecken. Den ganzen Nachmittag konnte ich das Gespräch nicht vergessen. Auf dem Nachhauseweg machte ich mir Vorwürfe, weil ich mich nicht eingemischt hatte. Ich nervte mich, dass ich geschwiegen hatte. Und ich war bestürzt, dass die junge Pflegende das Verhalten des Mannes schulterzuckend akzeptierte und nicht als das erkannte, was es war: Sexuelle Belästigung.

Obwohl Pflegekräfte häufiger von sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz betroffen sind als andere Berufsgruppen, ist die Chance hoch, auch an anderen Arbeitsorten unagebrachtem Verhalten ausgesetzt zu sein.

Den Höhepunkt des unangebrachten Verhaltens am Arbeitsplatz erlebte ich auf der Urologie.

Als ich noch in der Medienbranche tätig war, gehörte es zu meinem Arbeitsalltag dazu, dass ein Redaktor mit den Attributen alt, weiss, männlich bei weiblichen Mitarbeiterinnen statt ihres Namens bevorzugt das Diminutiv eines kleinen Nagetiers verwendete. Nie erlebte ich, dass einer meiner Chefs, die hinter ihren Bildschirmen sassen, interveniert oder den Redaktor zurechtgewiesen hätten. Zweimal kam es vor, dass ich mich ausserhalb des Büros mit Männern zu einem Interview traf und sie ernsthaft das Gefühl hatten, das sei sowas wie ein Date, weil wir uns an einem öffentlichen Ort befanden und beide ein Getränk bestellt hatten.

Das fragile Ego

Den Höhepunkt des unangebrachten Verhaltens am Arbeitsplatz erlebte ich auf der Urologie. Heute verwundert mich das nicht mehr, da das Patient*innengut mehrheitlich aus älteren Männern mit Prostataproblemen und dem damit einhergehenden fragilen Ego bestand. Meistens lagen die Patienten in ihren Spitalbetten, in ihrer Harnröhre steckte zum ersten Mal ein Katheter, und hinter ihnen lag das Gespräch mit der/m Ärzt*in über die Risiken erektiler Probleme oder Inkontinenz nach einer Prostata-OP.

Das sei üblich bei ihm, wenn er in der Nähe von jungen Frauen sei, die meine Figur hätten.

Während ich einem Patienten mitteilte, dass sein Blutdruck zwar normal, sein Puls aber zu hoch sei, lautete sein Kommentar: Das sei üblich bei ihm, wenn er in der Nähe von jungen Frauen sei, die meine Figur hätten. Ich war allein in einem Mehrbettzimmer voller Männer, die sich gegenseitig zu solchen Aussagen anstachelten, und ich unterdrückte einen Würgereiz.

(Illustration: Sarah Blaser)

Ein anderes Mal wechselte ich bei einem Patienten die Kompressen im Intimbereich nach einer Prostata-OP. Eigentlich hatte er zwei gesunde Hände, aber er bestand darauf, dass die Pflege den Wechsel durchführte. Mittendrin sagte er: «Da war schon lange keine mehr dran.» Der Mann war über fünfzig, auf dem Nachttisch lag sein Ehering und aus seinem Penis tröpfelte das Blut – und ich dachte nur: «Kein Wunder.»

Mir war die Situation total unangenehm, weil es die Professionalität meiner Handlungen infrage stellte. Als ich ihm sagte, dass ich seinen Kommentar völlig daneben fand, zog er das Ganze ins Lächerliche, was zeigte, dass er meine Grenzen nicht respektierte. Dass Menschen sich nach Operationen und in einem fremden Umfeld wie einem Spital vulnerabel fühlen, ist für mich absolut nachvollziehbar. Während die einen Patient*innen ihre Ängste und Sorgen mitteilen, überspielen andere ihre Unsicherheit. Nie ist es jedoch akzeptabel, die Mitarbeitenden des Spitals deswegen zu belästigen.

In der Spitex lässt der Kunde immer wieder Schmuddelheftchen offen rumliegen, obwohl er weiss, dass die Pflegerin vorbeikommt.

Auch Beispiele von Arbeitskolleg*innen klingen ähnlich: In der Spitex lässt der Kunde immer wieder Schmuddelheftchen offen rumliegen, obwohl er weiss, dass die Pflegerin vorbeikommt. Im Spital macht die Nachtwache ihre Kontrollrunde und ein Patient schaut lautstark einen Porno auf dem Handy, als sie im Zimmer ist. Im Pflegeheim fängt ein Bewohner an zu masturbieren, während eine Pflegerin ihm beim Duschen hilft. (Wichtig: es sind alles Situationen mit Menschen ohne kognitive Einschränkung wie Demenz.)

Diese Geschichten widerspiegeln durchgeführte Studien: Jede zweite Person, die in der Pflege arbeitet, wird in der Schweiz während ihrer Berufstätigkeit von Patient*innen, Vorgesetzten, Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten sexuell belästigt – die belästigenden Personen sind hauptsächlich männlichen Geschlechts. Je nach Studie oder Fragestellung variieren die Ergebnisse. Klar ist jedoch: Pflegende sind einem hohen Risiko für übergriffiges Verhalten ausgesetzt.

Jede zweite Person, die in der Pflege arbeitet, wird in der Schweiz während ihrer Berufstätigkeit von Patient*innen, Vorgesetzten, Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten sexuell belästigt.

Ich habe erlebt, dass Teams Strategien entwickelten, um mit sexueller Belästigung umzugehen. Lernende wurden zum Beispiel nicht mehr zu übergriffigen Patient*innen und Bewohner*innen ins Zimmer geschickt, um sie zu schützen. In anderen Situationen führten nur noch die männlichen Teammitglieder die Pflege durch, wenn die Belästigung bei weiblichen Pflegenden stattfand. Diese Strategien sind leider keine Lösungen, nur Symptommanagement statt Ursachenbekämpfung. Was sich ändern muss, ist das Verhalten der Täter*innen.

Workshops wären wünschenswert

All die Erlebnisse führten dazu, dass ich mich in meiner Bachelorarbeit mit dem Thema beschäftigte. Und eine Sache wurde dabei schnell klar: Es braucht dringend Präventionsarbeit. Besonders die Gesundheitsinstitutionen müssen es sich zur Aufgabe machen, die Pflegenden vor Übergriffen zu schützen. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) nennt drei wesentliche Punkte, die für Unternehmen von Bedeutung sein müssen: Die Information für Mitarbeitende über sexuelle Belästigung, Leitlinien, dass sexuelle Belästigung im Unternehmen nicht toleriert wird und Ansprechpersonen für Betroffene. Was ich mir zudem wünschen würde, sind regelmässige (obligatorische) Workshops zu sexueller Gewalt am Arbeitsplatz.

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Es wäre sinnvoll, bereits Studierende und Lernende für sexuelle Gewalt in der Pflege zu sensibilisieren. Das Thema fix in die Ausbildung zu integrieren wäre der erste Schritt, um die Auszubildenden bereits in den ersten Praktika vor sexuellen Übergriffen zu schützen. In meinem Ausbildungsweg war dies leider nur in Randbemerkungen ein Thema.

Pflegende haben sowieso schon mit erschwerten Rahmenbedingungen in ihrem Beruf zu kämpfen und die Fluktuation ist weiterhin hoch. Aber auch «Gewalt und sexuelle Belästigung haben einen verheerenden Einfluss auf die Attraktivität des Pflegeberufs», schreibt der Schweizer Berufsverband für Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK).

Für den Pflegenotstand wäre es also besser, Pflegende nicht auch noch mit sexueller Gewalt in die Flucht zu schlagen.